Serie: wie wird der Landkreis fit für die Zukunft?

Individueller Wohntraum kontra Ortsbild

Wollen die Dörfer nicht mehr schöner sondern greisliger werden? Dieser Eindruck drängt sich oft auf angesichts übermannshoher Steingabionen oder Bretterwände, einstürzenden Altbauten, Höfen wie Pflasterwüsten und trostloser Bahnhöfe. Viele Ortsbilder sind in Gefahr. Für Lösungsansätze müsste man oft erst die Mauern in den Köpfen der Menschen einreißen.

Landkreis Um diese Entwicklung umzukehren, fordert die Regionale Entwicklungsstrategie (RES), die Besonderheiten der Ortsbilder zu stärken und diese damit zu retten. Ein einziges Haus im Toskana-Stil reicht, um den ganzen Gesamteindruck zu vermasseln, noch dazu, wenn es am Ortseingang steht. In Italien, umgeben von weiten Ländereien ist so eine Villa wunderbar – aber eben nicht in einem oberbayerischen Dorf wie Hörbach, das wegen der fehlenden S-Bahn ansonsten noch weitgehend so ländlich geblieben ist, wie es einst war.

„So schön es für jeden einzelnen wäre, wenn man bauen könnte, wie man wollte: „Man kann nicht jeden seinen individuellen Wohntraum ausleben lassen, dafür gibt es nicht genug Platz“, sagt Kreisheimatpflegerin Susanne Poller. Freilich muss nicht jedes Haus wie das andere aussehen, aber es sollte sich in das jeweilige Ortsbild einfügen.

Eigentlich sollen dafür die jeweiligen Bebauungspläne sorgen. Nach heutigem Verständnis sollen diese „schlank“ sein. Das heißt, den Bauherren maximale Freiheiten gewähren was Dachformen, und -neigungen, Firsthöhen, Einfriedungen, Fensterflächen, Balkonen et cetera angeht. Schließlich lässt sich niemand gern gängeln und der Gemeinderat will sich nicht in jeder Sitzung mit Abweichungsanträgen herumschlagen. Aber wenn es schon der Bebauungsplan schwer hat, für eine Baukultur zu sorgen, um wie viel schwerer ist es dann, eine qualitativ wertvolle Ortsgestaltungssatzung durchzuboxen.

Der Gemeinderat sei oft fachlich überfordert, eine solche Satzung mehrheitlich zu beschließen. „Im Vergleich zu greifbareren Themen ist eine gute Gestaltung des Ortsbildes auf der Agenda eines Bürgermeisters unwichtig“, stellt Poller immer wieder fest. In Kottgeisering, einstiger Wettbewerbssieger bei ‚Unser Dorf soll schöner werden’, ist die so genannte Fortifizierung so weit fortgeschritten, dass sich Bürgermeisterin Sandra Meissner jetzt mit dem Gedanken trägt, Gartenwänden mit einem Rahmenplan den Riegel vorzuschieben. Denn dem Baurecht stehen sie nicht entgegen.

Zu der in der RES immer wieder geforderten Identität der Orte gehören auch Bahnhof und Schienenweg. Bei den Bahnhöfen entlang der Linie München – Augsburg mit ihren vielen Lärmschutzwänden fehlt oft nur noch der Deckel zu einem Tunnelbahnhof. Anders funktioniert es in der Buchenau, wo die bebauten Grundstücke durch einen Grünstreifen mit hohem Baumbestand genug Raum zum Gleis haben. Das findet die Kreisheimatpflegerin gut. „Es kann nicht jeder Bahnhof so schnucklig sein wie der in St. Ottilien, aber das mindeste ist eine ordentliche Ausleuchtung, Automaten, eine Unterstellmöglichkeit und verlässliche Infos“, fordert die Kreisbaumeisterin.

Wünschenswert, nicht nur für das Ortsbild, wären in den Dörfern entlang der Amper Flussquerungen für Fußgänger, wie sie derzeit in Grafrath und Schöngeising in der Diskussion sind. Solche Brücken vermeiden Verkehrskonflikte mit Autofahrern und erweitern die Naherholungsräume.

Breiten Raum findet in der RES die Forderung nach Stärkung der Ortszentren. Dabei müsste man die Ortskerne quasi neu erfinden. „Es gilt immer noch das klassische Dreieck Kirche-Gasthaus-Schule, das den Mittelpunkt in einer kleinen Ortschaft definiert“, konstatiert Susanne Poller. Ergänzt um eine Lebensmittelversorgung und einen Naherholungsbereich, zum Beispiel einer Wiese mit Spielplatz, werde eine Ortsmitte zum Zentrum. Wenn das Angebot und der Service stimme, habe auch der Einzelhandel eine Chance.

Das müsse nicht immer der genossenschaftlich geführte Dorfladen sein. „In Landsberied funktioniert’s ja auch“, so Poller. Ganz ideal für die Dorfgemeinschaft sei es, wenn es ein vielschichtiges Vereinsleben gebe, in dem für alle Generationen etwas dabei sei.

Als wichtigen Impulsgeber für die Ortsentwicklung sieht die Architektin besondere Bauwerke und Denkmäler. Künstlervillen, aber auch Bauernhäuser und Pfarrhöfe erzählen als Zeitdokumente die Geschichte des Ortes. „Anhand der zeittypischen Baukonstruktionen lasse sich nachvollziehen, wie Handwerker früher gebaut haben“, so Poller. Als Kreisheimatpflegerin für Baudenkmalpflege kümmert sie sich mit Vertretern des Landratsamtes und der Denkmalpflege um 40 bis 50 Fälle pro Jahr.

Die Serie

Unter Federführung des Landratsamtes wurde eine Räumliche Entwicklungsstrategie (RES) entwickelt. Sie soll aufzeigen, wie die Region künftig aussehen soll. Das Tagblatt hat Themenschwerpunkte aufgegriffen und beleuchtet sie ausführlich anhand konkreter Beispiele. (mjk)

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