Vor 30 Jahren: Neuweihe nach Skandal-Dreh

Jesenwang - Die Kirche St. Willibald ist ein stilles Kleinod bei Jesenwang. Vor 30 Jahren allerdings ging in dem kleinen Gotteshaus im wahrsten Sinne des Wortes der Punk ab:

Die Band Tote Hosen drehte darin ein Skandal-Video. Für viele Jesenwanger war das reine Gotteslästerung - die bis heute nicht vergessen ist.

Eine Hochzeit in einer Kirche ist eigentlich etwas ganz normales. Wenn es sich aber um eine ausufernde Punk-Hochzeit für den Dreh eines Musik-Videos handelt, und der Pfarrer-Darsteller im Talar gegen die Kirchentür pinkelt, dann ist das etwas anderes. Vor genau 30 Jahren sorgen die Toten Hosen genau mit diesen Szenen für einen Riesenaufruhr um die Willibaldskirche.

1982 gründet sich aus versprengten Mitgliedern verschiedener Düsseldorfer Punkbands der ersten Generation die Gruppe Tote Hosen. Bei ihrem Debüt-Konzert im Schlachthof in Bremen am 11. April dieses Jahres werden sie noch irrtümlich als „Die Toten Hasen“ angekündigt. Doch bereits im Sommer 1983 sind die heutigen Superstars um Sänger Campino als skandalumwitterte Newcomer-Band in aller Munde.

„Eisgekühlter Bommerlunder“ ist ihre dritte Single. Zu der soll besagtes Video rund um eine Punk-Hochzeit entstehen: Eine sturzbetrunkene Hochzeitsgesellschaft, obszöne Gesten, aber auch die Schauspieler Kurt Raab als Pfarrer und Marianne Sägebrecht als Braut, tauchen in dem Video auf. Die Plattenfirma streckt seinerzeit 50 000 Mark für den Dreh vor, als Regisseur wird Wolfgang Büld engagiert - Schulfreund des damaligen Tote-Hosen-Schlagzeugers Trini Trimpop.

Dass das Video ausgerechnet in der Willibaldskirche gedreht wird, ist Zufall. Wie Büld jüngst sagte, kannte er den Jesenwanger Flugplatz-Besitzer Max Walch. Auf dem Flugfeld wurden Teile des Films „Gib Gas, ich will Spaß“ mit Nena gedreht. Auf dem Weg dorthin war der Regisseur an dem Gotteshaus vorbeigefahren. Einer der Fluglehrer habe damals in der ehemaligen, zu einer Wohnung umgebauten Sakristei gelebt.

Der Rest ist schnell erzählt: Der Mann hat einen Schlüssel zur Kirche - die Toten Hosen sind drin. In Jesenwang ahnt niemand etwas von dem Dreh, als die Punkband für ein Wochenende in St. Willibald einfällt. Josef Drexler, derzeitiger Vorsitzender des Freundeskreises St. Willibald, sagt: „Mir ist bis heute ein Rätsel, wie das zustande kam.“ Ob es eine Erlaubnis für den Dreh gab, wisse er nicht. Auch nicht, wer sie gegebenenfalls erteilt hatte: „Von unserem Verein war’s auf jeden Fall keiner, denn das hätte ich gewusst.“

Dass Büld die Dreharbeiten als „recht turbulent“ beschreibt, dürfte für die Jesenwanger die Untertreibung des Jahrzehnts sein. Laut Büld soll der mittlerweile verstorbene Raab, der aus der TV-Serie Kir Royal bekannt ist, seinen angetrunkenen Zustand nicht nur gespielt haben. Nach einem Cognac ist er es angeblich, der die Kirchentür entweiht, indem er dagegen uriniert.

In Jesenwang bleibt der Geheim-Dreh nicht lange verborgen. „Alle waren extrem verärgert“, erinnert sich Drexler. Einige Bürger und Honoratioren fordern sogar, dass die Kirche neu geweiht wird. Das geschieht dann einige Monate später tatsächlich. „Wir bedauern wahnsinnig, dass das damals passiert ist“, sagt der Chef des Freundeskreises. An die große Glocke will man den Skandal 1983 aber nicht hängen, so dass er fast nur im Ort hohe Wellen schlägt. Drexler: „Die Weihe fand deshalb nicht in einer öffentlichen Zeremonie, sondern eher im Stillen statt.“ Deshalb finden sich auch im Fürstenfeldbrucker Tagblatt vor 30 Jahren weder Berichte von den Dreharbeiten noch von der Weihe. So ist es im Laufe der Jahre still um den Skandal geworden. Der damalige Schlagzeuger Trini Trimpop, der die Band 1982 mitbegründet hat, aber 1985 ausgestiegen ist, erinnert sich allerdings noch gut an St. Willibald: „Das hat uns echt Spaß gemacht damals.“

Andreas Daschner

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