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Auf Inspektionsrundgang: Hans-Jürgen Gulder sieht sich den Baumstumpf einer umgefallenen Fichte an. Sie hatte nur etwa 30 bis 50 Zentimeter Lehm, in den sie ihre Wurzeln bohren konnte. Dann kam der Kies. 

Im Rothschwaiger Forst

Kahlschlag im Erholungsgebiet

Fürstenfeldbruck - Der Rothschwaiger Forst ist ein beliebtes Naherholungsgebiet. Doch momentan sieht es dort traurig aus. Hunderte Bäume wurden schon gefällt oder werden noch umgesägt – teilweise sieht man durch den Wald bis zum Stadtrand von Fürstenfeldbruck. Schuld an dem Kahlschlag: der Borkenkäfer und eine Kiesgrube.

Ungewohnter Durchblick: Von der Kiesgrube im Brucker Westen aus sieht man jetzt den Brucker Stadtrand.

Es ist ein trauriges Bild, das sich Spaziergängern momentan im Brucker Westen neben der Kiesgrube bietet. Baumstümpfe ragen aus dem Boden, daneben liegt der Rest der Fichten in Stücken auf dem Waldboden. Vereinzelt halten sich noch Grüppchen von sechs, sieben Bäumen aufrecht.  „Es tut mir im Herzen weh für die Erholungssuchenden“, sagt Hans-Jürgen Gulder, Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Bruck. Aber der Kahlschlag muss sein.

Der studierte Forstwirt – schwere Schuhe, braune Hose, karierter Schal – lässt seinen Blick schweifen. Da, wo einmal ein intakter Forstbestand war, klafft jetzt eine Lücke. Vom Parkplatz neben der Kiesgrube aus kann man den Stadtrand sehen. Die Bäume? Abgeholzt. „Dort“, sagt Gulder, und zeigt auf eine Baumkrone. „Man sieht, dass sogar die jungen Bäume einfach vertrocknet sind.“ Die Nadeln der etwa einen Meter hohen Fichten sind braun. „Sie haben die Hitze im Sommer 2015 nicht vertragen“, sagt Gulder. Denn Fichten wurzeln nicht tief. Und die Lehmschicht auf dem steinigen Boden nahe der Kiesgrube ist nur etwa 30 bis 50 Zentimeter dick. Der Untergrund kann das Wasser nicht speichern.

Resultat: Die Bäume sind ausgetrocknet, haben nicht mehr genug Harz gebildet. So fängt er an, der Teufelskreis. Denn wenn die Pflanze schwach ist, freut sich der Borkenkäfer. Ist es heiß und die Sonne scheint, freut er sich noch mehr. Die Pflanze wird noch schwächer. Das Insekt fliegt los, sobald es etwa 16,5 Grad hat. Es bohrt sich durch die trockene Rinde. Die Weibchen legen dort zig Eier. Ein Käfer-Paar kann bis zu 100 000 Nachfahren produzieren, wenn es drei Generationen gibt.

Scharf gezogene Grenze: Die Vegetation endet dort, wo der Kies-Abbau beginnt.

Dafür herrschten 2015 die besten Bedingungen. Denn Nahrung hatte der Käfer genug. Sturm Niklas hat dafür gesorgt. Viele Bäume fielen, andere waren angeknackst, teilweise entwurzelt. Und so leichte Beute. „Jetzt sieht man die Folgen der Klimaerwärmung“, sagt Gulder. Es sei seit Beginn der Wetteraufzeichnung der zweit wärmste und sechst trockenste Sommer gewesen. Dazu kommen Wetterextreme wie Niklas. Dass die Fichte – sie mag es eigentlich eher kühl – vor allem auf den kiesigen Böden und in Monokultur für unsere Breitengrade nicht geeignet ist, sieht man jetzt.

Damit sich der Borkenkäfer nicht noch mehr ausbreitet, müssen Waldbesitzer die Bäume fällen und Stämme sowie Äste, in denen noch Käfer sein können, wegschaffen. Für den Spaziergänger bietet sich ein klägliches Bild. Aber: „Die Bäume müssen raus, sonst wird es in diesem Jahr noch schlimmer“, so Gulder. Allerdings halten sich die Tiere auch im Boden. „Das ist unsere große Befürchtung.“

Braune Nadeln: Sogar die etwa zehn Jahre alten Jungbäume haben zu wenig Wasser erwischt. Gulder: „Das ist nicht normal.“

Doch auch, wenn Niklas, Hitze und Borkenkäfer kein fatales Trio gebildet hätten, müssten einige Bäume abgeholzt werden. Sie müssen der Kiesgrube weichen. Diese wird nach Süden erweitert. Das bestätigt das Landratsamt auf Nachfrage. Ein Harvester hat auf dem betroffenen Areal schon einige Stämme abgeholzt. „Die Grube wächst“, sagt Amtsleiter Gulder. Tun könne man dagegen nichts. Das Gelände gelte als Vorrangfläche für den Kiesabbau. Dafür muss der Wald weichen, auch wenn es sich bei dem Forst um einen so genannten Erholungswald Stufe eins handelt. „Wir haben damals geklagt, aber der Abbau geht vor.“

Haufenweise Stämme: Das Holz muss dringend aus dem Wald geschafft werden. Unter der Rinde wohnt der Borkenkäfer

Doch Gulder, der nicht nur von Amtswegen mit der Natur sehr verbunden ist, kann dem Kahlschlag etwas Gutes abgewinnen. „Auch, wenn es momentan eine Katastrophen-Waldwirtschaft ist, wird es am Ende besser als zuvor.“ Der Grund: Jedes Stück Forst, das abgeholzt wurde, muss nachgepflanzt werden. Der Betreiber der Kiesgrube, der Allinger Bauunternehmer Thomas Vilgertshofer, ist dazu genauso verpflichtet, wie die privaten Besitzer kleiner Flächen. Auf lange Sicht habe der reine Fichten-Bestand sowieso keine Chance, erklärt Gulder. Ein ausgewogener Mischwald mit heimischen Laubbäumen müsse angepflanzt werden. „Wir brauchen einen klimastabilen Zukunftswald“, sagt er. „Wir müssen einfach auch mal ein wenig Geduld haben.“ Denn so ein Wald wächst nicht an einem Tag.

Verena Usleber

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