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Ein weites Feld: Hans Well kämpft gegen Supermärkte im Grünen – manchmal, wie hier in Türkenfeld, vergebens.

Ein Kampf gegen die Verschandelung Bayerns

Türkenfeld - Das schöne Bayernland verlottert. Sagt Hans Well, 57, der bei der „Biermösl Blosn“ singt und seine Heimat liebt: überall verbaute Dörfer, Supermärkte im Grünen, öde Gewerbehallen. Eine Tour durch Oberbayern – mit trotzigem Humor.

Und dann sieht Hans Well, 57, ein Nagelstudio. Gut: Well und seine Band, die „Biermösl Blosn“, haben den jetzigen Papst, als er noch Ratzinger hieß, schon mal „Alpen-Ayatollah“ genannt. Widerspenstig, wortschlau, respektlos waren sie immer. Aber bei so einem Nagelladen mitten im Gewerbegebiet von Mammendorf muss Well schlucken. Das Geschäft heißt: „Nailfashion“. Ein Wort, das ihm wie ein hastig verschlungener Knödel im Hals stecken bleibt. „Nählfäschn“, schnaubt er, „das ist die Sprache zum Gewerbegebiet.“

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Fröhliche Lästereien über die Gastgeber

Man tritt den Mammendorfern nicht zu nahe, wenn man sagt, dass man in ihrem Gewerbegebiet nicht seine goldene Hochzeit feiern will. Es ist zwar geräumig, aber trist. Das sei die Welt, sagt Well, der die bayerische Regierung den Weg ebne. Sein Schreckensszenario: Einkaufsmärkte sprießen am Ortsrand, Gewerbegebiete wachsen, Dörfer veröden, alteingesessene Bäcker, Metzger, Dorfläden müssen schließen, das Gemeinschaftsgefühl geht flöten. „Überall, wo wir beim Musikspielen hinkommen, das gleiche Problem“, sagt Well, „flächendeckend.“ Da werde Tradition weggeschmissen „wie Müll“, sagt er. Und: „Das ist ein urkonservatives Thema.“

Für CSU und FDP ist es ein wirtschaftsliberales Thema. „Das sympathische Gesicht Bayerns hängt nicht von der Existenz eines Dorfladens ab“, hat Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet (CSU) gerade verlauten lassen. Sollen sich die Bürger, sprich Kunden, doch über das Hackfleisch-Sonderangebot im Supermarkt freuen dürfen. Und Parkplätze gibt es auch genügend. Was kann daran so schlimm sein?

Dorf-Tristesse: Hans Well von der „Biermösl Blosn“ vor der verwaisten Metzgerei in Althegnenberg, Kreis Fürstenfeldbruck. Beispiele wie diese gibt es in ganz Oberbayern.

Well steht noch immer im Gewerbegebiet, links von ihm hängt ein Schild. „Trachten- und Landhaus-Mode mit großem Schnäppchenmarkt“, steht darauf. Im Inneren verkaufen sie Dirndl, Lederhosen, teilweise 50 Prozent reduziert. „Das ist die Ersatzheimat“, sagt Well. Damit wird Heimat vorgegaukelt. „Bayernkitsch“, sagt er. Am besten solle die Regierung bei jedem neuen Gewerbegebiet „zur Bedingung machen, dass an jeder Halle ein Wagenradl und ein röhrender Hirsch hängt“. Well ist wütend, aber gut gelaunt. „Wenn schon resignieren, dann mit Schwung.“ Er steigt in seinen benzinsparenden Hybrid-Toyota und schnurrt davon.

In seiner Heimatgemeinde Türkenfeld stellen sie demnächst einen Supermarkt auf die grüne Wiese, genau am Ortseingang. Mit anderen Bürgern wollte Well dagegen ankämpfen, samt Bürgerbegehren. Er verlor. Knapp. Bald bauen sie.

Well ist mitten in einer landespolitischen Debatte gelandet. Gerade hat das Kabinett die erlaubte Höchstverkaufsfläche von Supermärkten auf dem Land von 800 auf 1200 Quadratmeter erhöht. Well fürchtet die Verschandelung der gewachsenen Ortsbilder, durch die immer gleichen Flachbauten und Parkplatzwüsten. Well fürchtet um die Menschen. „Wer soll’s denn alles wegfressen. Unsere Mägen werden ja nicht größer.“

Bayerns Grünen hilft er gerade, gegen das Kabinett Stimmung zu machen. Gemeinsam wollen sie die Schönheit des Freistaats retten, sagen sie, gegen den Willen der CSU. Merkwürdige Konstellation.

Well fährt am Ortskern von Mammendorf vorbei, überall brachliegende Fläche, leere Gebäude. „Innenentwicklung“, stößt Well hervor und zeigt nach draußen. „Hier müsste was geschehen. Das Leben spielt im Dorf.“ Er drückt aufs Gas.

In Eching am Ammersee (Landkreis Landsberg) sagt er: „Das hier hat mit dem Land Bayern unter null zu tun. Es muss doch nicht alles wie in Los Angeles oder im Ruhrgebiet aussehen.“ Am Ortseingang bauen sie gerade einen neuen Supermarkt, die Fahnen wehen bereits. Well fährt weiter.

In Greifenberg (Landkreis Landsberg), ein paar Kilometer weiter, sagt er: Es komme doch immer auf die Frage an: „Was gewinnen wir, was verlieren wir?“ Gerade hat auch dort ein Flachdach-Discounter eröffnet. Und die demographische Entwicklung?, fragt Well. Was, wenn dort weniger einkaufen? „Dann ist keiner da, der es wieder wegreißt.“ Mit Sepp Daxenberger, dem bayerischsten aller Grünen, habe er zwei Tage vor seinem Tod noch darüber gesprochen, erzählt er. „Der Sepp hat gesagt: Unser Kapital ist die Landschaft.“ Was hier geschehe, sagt Well, sei „Verrat an den Menschen und den kleinen Geschäftsleuten im eigenen Land“.

Well hat nichts gegen die Lidls und Edekas und Aldis in diesem Land, er hat etwas gegen Politiker und Gemeinderäte, die den Ketten ihre schönsten Flächen geben.

In Türkenfeld, seiner Heimat, sagt er: „Kapital hat keine Moral, da muss man kein Linker sein, um das zu sehen.“ Den großen Ketten, den Aktiengesellschaften sei es doch wurscht, ob ein Supermarkt in die Landschaft passt, ob es das Bergpanorama zur Geltung bringt. Wichtig sei: die Abbiegespur. „Baukultur ist ein sozialer Akt. Ein Haus ist etwas fürs Auge.“ Die Supermärkte gehen an die Ortsränder, glaubt er, weil dort der Grund günstiger ist. Weil es billiger und autofreundlicher ist.

Well steigt ins Auto, er hat noch Arbeit. „Immer wenn ich auf freiem Gelände einen Bagger sehe, habe ich Angst“, sagt er. Aber gleich die Lebensfreude verlieren? Pah! Well weiß sich zu helfen. „Wenn ich Bluthochdruck hab’, geh ich in den Wald zum Arbeiten.“ Wells Pläne für den Nachmittag: in den Wald gehen.

300 Bäume hat er schon gepflanzt, am Nachmittag will er sie mit einem Zaun vor Verbiss schützen. Vor den großen Tieren.

Überall das gleiche Problem.

Stefan Sessler

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