Die Klosterkinder von Indersdorf

Puchheim - Im Kloster von Markt Indersdorf fanden Kinder von KZ-Überlebenden und Zwangsarbeitern eine Zuflucht.

Unter den Millionen Entwurzelten, die im Frühjahr 1945 durch das zerstörte Deutschland irrten oder noch in Lagern vegetierten, waren auch welche, mit denen die Alliierten nicht gerechnet hatten: Die in den Jahren zuvor von Zwangsarbeiterinnen geborenen Kleinkinder und die heranwachsenden Überlebenden aus den Konzentrationslagern.

Im nur einige Kilometer von Dachau entfernten Kloster Markt Indersdorf richtete die Vorläufer-Organisation des heutigen UN-Flüchtlingshilfswerks eine Zufluchtsstätte für solche Waisen oder von den Eltern verlassenen Kinder ein. Diese vergessene Episode der ersten Nachkriegsgeschichte hat die Dachauer Historikerin Anna Andlauer rekonstruiert. Im PUC las sie im Rahmen der Ausstellung „Jüdische Bürger im Einflussbereich Münchens“ aus ihrem Buch zu dem Thema. Es trägt den den Titel „Zurück ins Leben“.

Anna Andlauer, die selbst in ihrer Indersdorfer Schulzeit nie etwas von dem Kinderzentrum gehört hatte, hat diesen Teil der Kloster-Vergangenheit akribisch recherchiert und sich durch zahlreiche (vor allem amerikanische) Archive gefieselt. Erleichtert haben die Arbeit das ungewöhnlich reiche Fotomaterial aus dieser ersten Einrichtung ihrer Art in der US- Besatzungszone und außerdem ein einfühlsamer Erlebnisbericht: Die Erinnerungen der deutschstämmigen Jüdin Greta Fisher, die in Indersdorf zum internationalen Betreuerteam gehörte. Anna Andlauer hat mit den Jahren mehr als 50 Überlebende ausfindig gemacht, von denen ein Teil vor drei Jahren zu einem Wiedersehen zusammengekommen ist.

Zu den ersten Bewohnern zählten rund 75 Kleinkinder, darunter die wenigen Überlebenden einer Baracke, die in Indersdorf als Unterkunft für die Fremdarbeiterinnen-Kinder gedient hatte. Zum „therapeutischen Milieu“ für diese Kleinen, das vom UN-Team geschaffen wurde, gehörten Wärme, saubere Kleidung und Fürsorge, vor allem aber Nahrung. Selbst die Zweijährigen aßen doppelt soviel wie andere Altersgenossen. Es wurde ein sichelförmiger Essenstisch gezimmert, um möglichst viele Mäuler gleichzeitig zu stopfen.

Der Hunger war auch eine unausrottbare Erfahrung für die Älteren, die „in einem fast unbewussten Akt“ Lebensmittel aus Speisesaal und Küche mitgingen ließen. Lügen und Stehlen waren in den Jahren zuvor Mittel zum Überleben gewesen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen (zwischen zwölf und 25 Jahren) brauchten oft lange, bis sie von Folter und Mord im Lager erzählen konnten - dafür dann manchmal über Stunden und ununterbrochen vom Team. Eine andere Therapieform schufen sich die Jugendlichen - zum anfänglichen Entsetzen ihrer Betreuer - selbst: Nachgespielte Szenen aus dem KZ mit einem der Burschen als strafenden SS-Mann.

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