Drei Jahre lang saniert

Eine Familie und ihr Vorher-Nachher-Haus

Kottgeisering – Drei Jahre lang hat die Familie Toepfer ein altes Bauernhaus saniert. Was das für ein Abenteuer war und welch Schmuckstück entstanden ist, davon können sich Interessierte am Sonntag in Kottgeisering selbst ein Bild machen: Im Rahmen der Reihe Architektouren ist das Haus geöffnet.

Das Auffälligste, was noch an früher erinnert, sind die verrosteten Stützen. Sie stehen im ehemaligen Kuhstall, wo heute Yvonne Toepfer ihr schickes Architekturbüro eingerichtet hat. Weiß gekalkte Wände und ein grau geschliffener Betonestrich-Boden statt dreckverspritzen Decken im muffigen Stall. „Die Stahlstützen bleiben so, nicht zuletzt wegen der Statik“, erklärt die Architektin. Mit ihrem Mann, der ebenfalls Architekt ist, zeigt sie das ehemalige Bauernhaus im Rahmen der von der Bayerischen Architektenkammer organisierten Architektouren der Öffentlichkeit.

Fast zwei Jahre stand der klassische Einfirst-Bauernhaus zum Verkauf, bevor es Toepfer und ihr Mann Peter Fretschner nach langer Bedenkzeit schließlich kauften. Wie bei einem anderen Anwesen am Dorfplatz schräg gegenüber war es der Denkmalschutz, der dem Makler die Arbeit erschwerte.

Dank ihrer beruflichen Erfahrung wussten die beiden Architekten, worauf sie sich einließen. „Wir konnten auf Augenhöhe mit der Kreisbaumeisterin Reinlinde Leitz und den Denkmalpflegebehörden reden“, berichtet Toepfer, die sich mit ihrem Büro erst recht nach den Erfahrungen mit ihrem Haus auf die Sanierung alter Bausubstanz spezialisiert hat. Hinzu kam, dass die Bauherren aus eigener Überzeugung das alte Haus so erhalten wollten und keine großen Eingriffe beabsichtigten.

Im Bayerischen Hauptstaatsarchiv fand die Architektin die Pläne zu ihrem Haus. Das „Königlich Bayerische Bezirksamt Bruck“ hatte den Bauantrag gegen eine Gebühr von 3,20 Mark im Dezember 1889 genehmigt, ein halbes Jahr später war Baubeginn. Neben dem östlichen Wohntrakt mit Stube, die mit einer damals üblichen, engen Stiege direkt mit der darüberliegenden Schlafkammer verbunden war, lag in der Mitte der Stall. Hinter dem großen Tor befindet sich noch heute eine Durchfahrt zu dem auf der Südseite des Hauses separat stehenden Stadel, der später vielleicht einmal eine Schreinerwerkstatt werden soll. Das Gebäude steht mit beiden Enden praktisch auf der Grenze, deshalb musste die Erschließung durch das Haus erfolgen.

„Der Schmelcher“ zählte nicht zu den reichen Höfen im Dorf, ein Nachfolger für die Landwirtschaft fand sich nicht, wenige Jahre nach den letzten Kühen verließ auch die alte Frau das Haus, weshalb es einige Jahre leer stand. „Als wir es besichtigten, war noch das ganze Mobiliar in den Zimmern, samt Geschirrtüchern und Kittelschürze in der Küche“, erinnert sich Yvonne Toepfer. So auch die einfach im gestampften Boden verlegten Solnhofer Fliesen und Klinkersteine, der Wassertrog im Flur und in jedem Zimmer andersfarbige, mit der Rolle aufgebrachte Muster an den Wänden, die mit kitschigen Kunstdrucken behangen waren.

Die Zeit war förmlich stehen geblieben – wenn da nicht eine „moderne“ Küchen-Lampe aus den 1970er-Jahren und der Anbau eines Bades gewesen wäre, den die neuen Besitzer schnell weggerissen haben.

„Das undichte Dach neu zu decken und die feuchten Mauern trockenzulegen waren unsere ersten Arbeiten“, berichtet Toepfer. Aushub, Dreck, alte Viehtränken und sogar noch Jahrzehnte altes Heu mussten abgefahren werden. Und dann standen schon die ersten Kompromisse mit den heutigen Ansprüchen an Wohnqualität und Isolierung an. „Ein Wärmedämmverbundsystem geht denkmalpflegerisch gar nicht“, sagt Peter Fretschner. Wenigstens vor die alten, sanierten Fenster wurde innen ein weiteres, einfach verglastes Holzfenster davorgesetzt, so dass ein Kastenfenster entstand.

Heizkörper wollten die Architekten auch vermeiden, deshalb entschieden sie sich für eine Fußboden- und Wandheizung, die mit Gas befeuert wird. Freilich darf ein Holzofen für eine behagliche Wärme nicht fehlen.

Architektonische Besonderheit ist der Einbau eines hölzernen Wohnkubus’ in die Tenne. Dieser wurde als erstes fertig und ermöglichte der mittlerweile fünfköpfigen Familie ein Leben in der Baustelle. Nach Abschluss aller Arbeiten wohnen sie jetzt im ursprünglichen Wohntrakt, die große „Holzkiste“ wird in Kürze als Ferienwohnung extra vermietet.

Gute Erfahrungen sammelten sie mit den ortsansässigen Handwerkern. Die gelernte Schreinerin und der gelernte Elektriker haben aber auch viel selbst gemacht: Dämmung und Böden verlegt, abgeschliffen, Holzbeplankungen, Streichen, Trockenbau. „Das war vermutlich das Schönste: selber handwerken und dann sehen, was man gemacht hat“, sagt Fretschner, der als Architekt für den Verein SOS Kinderdorf sehr viel im Büro sitzt.

Dass es Spaß gemacht hat und sie das jederzeit genau so wieder machen würden, bestätigen sie unisono. Es gab nicht mal eine (Ehe-)Krise, vor der Freunde angesichts der vielen gemeinsamen Arbeit noch gewarnt hatten.

Als eines der letzten Dinge wurde kürzlich der Garten fertig. Vorne entstand ein klassischer Bauerngarten, hinten hat die Familie von den zehn Zwetschgenbäumen zwei durch andere Obstbäume ersetzt, weil sie sich vor lauter Zwetschgen nicht mehr retten konnten. (mjk)

Offene Türen

Das Haus ist am Sonntag, 26. Juni, von 10 bis 12 Uhr zu besichtigen. Die Bauherren stehen für Fragen zur Verfügung. Adresse: Dorfstraße 5.

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