+
Wenn der Feldhase flüchtet, kann er Tempo 70 drauf haben. Doch lieber genießt er sein Leben – etwa am Waldrand oberhalb von Kottgeisering. Hier hat er ideale Bedingungen: eine Wiese mit frischem, kurzem Gras, den Waldrand mit höheren Gräsern und Brombeer-/ Himbeer-Ranken und den Wald, wohin sich die Hasen gelegentlich nachts zurückziehen.

Jäger erzählen

Was der Feldhase mit Ostern zu tun hat

Kottgeisering –Dass der Osterhase keine Eier legt, weiß jedes (ältere) Kind. Zuständig wäre dafür eher das Federvieh, das sogar in der Lage ist, mindestens braun-, weiß- und sogar grüngefärbte Eier zu legen. Warum spricht also alle Welt vom Osterhasen? Und wie geht es seinem real existierenden Vorbild, dem Feldhasen?

Dem Feldhasen, wissenschaftlich Lepus europaeus, gebührt die Ehre, als beliebtes Symbol an Ostern Kinderherzen zu erfreuen. Wenn die Logik der Biologie versagt, muss wohl der Mensch eingegriffen und Meister Lampe zum Eierbringer gemacht haben.

Vielleicht weil gefärbte Eier an Ostern schon immer versteckt wurden und Kinder beim Eiersuchen in Feld, Wald und Flur Hasen haben davonlaufen sehen. Denn gerade im Frühjahr bei beginnender Paarungszeit sind die eigentlich vorwiegend dämmerungs- und nachtaktiven Hasen verstärkt auch tagsüber anzutreffen. Vielleicht aber auch, weil der Mensch in der Zeit der erwachenden Natur ein Symbol besonderer Fruchtbarkeit gesucht und im Hasen gefunden hat.

Paradebeispiel für Fruchtbarkeit

„Häsinnen können erneut trächtig werden, obwohl sie die vorherigen Hasen noch gar nicht geboren haben“, erklärt Severin Bronner (18), der es wissen muss, weil er kürzlich die Jägerprüfung erfolgreich bestanden hat. Dass die Häsin sich dafür nicht einmal begatten lassen muss, sondern einfach Spermien verwendet, die sie mehrere Wochen in der Gebärmutter konserviert hat, macht die flinken Säugetiere dann endgültig zu Turbo-Hasen – und zu einem Paradebeispiel für Fruchtbarkeit.

Trotz dieser raffinierten Strategie steht es schlecht um die Feldhasen-Population. Nach dramatischen Rückgängen in der Vergangenheit haben sich die Bestände jüngst etwas stabilisiert – auf sehr niedrigem Niveau. Auf weniger als zehn Hasen pro Quadratkilometer schätzen die Experten vom Deutschen Jagdverband den Bestand. Wobei es lokal starke Schwankungen gibt. „Bei uns sind sie am ehesten am Rand des Ampermooses, in der Höllbachschlucht Richtung Türkenfeld und im Grafrather Krugholz anzutreffen“, erzählt Severin Bronner, dessen Vater Florian die Jagd im Gemeindegebiet von Kottgeisering und Grafrath gepachtet hat. Denn die Landschaft ist ansonsten sehr ausgeräumt, es fehlen Deckungsmöglichkeiten in Form von Feldgehölzen und Heckenstreifen.

Gräser und Kräuter stehen lassen

„Sie könnten viel für die Hasen, Federwild und Vögel tun, wenn Sie mal 100 Quadratmeter stehen lassen und nicht bearbeiten“, appellierte Florian Bronner beim Jagdessen an die Landwirte. Sehr wichtig sei, Weg- und Ackerraine, die die Einheimischen auch Ranken nennen, nicht immer mehr unterzupflügen. „Das ist die so genannte Hasenapotheke, weil die Hasen nicht nur Klee fressen, sondern für ihre Ernährung dringend auch Gräser und Kräuter brauchen, die nur da wachsen“, erklärt Melanie Althans, Jagdgast bei den Bronners.

Haken schlagen bei Tempo 70

Jagdlich interessant seien die Hasen aber eher nicht, sie stehen vielmehr auf dem Speisezettel von Wildschwein, Fuchs und Marder. Logisch, dass keiner der genannten und nicht einmal ein Greifvogel einen ausgewachsenen Hasen erwischt. „Sie können bis zu 70 Stundenkilometer schnell laufen und schlagen auf der Flucht die berühmten Haken“, beschreibt Althans. Wenn sie denn mal fliehen, denn Hasen ducken sich mit angelegten Löffeln (Ohren) in Sassen genannte Mulden auf Äckern und Wiesen und entschließen sich erst sehr spät zur Flucht.

Zu spät, wenn es um die mit immer höheren Geschwindigkeiten fahrenden Mäh- oder Erntemaschinen geht. Viele kommen auch im Straßenverkehr um oder überleben ein Frühjahr nicht, in dem es sehr viel regnet.

„Über die Hälfte der jungen Hasen erlebt den ersten Geburtstag nicht“, berichtet die Jägerin. Denn in dieser Zeit sind sie noch nicht so schnell und werden oft auch schon von den massenhaft vorkommenden und sehr schlauen Krähen gefressen, die systematisch die Felder absuchen.

Stippvisite von der Mama

Schutz gibt’s nicht mal von der Hasenmama, geschweige denn vom Papa. Die zwei bis drei Hasen eines Wurfes werden einzeln in die oberirdischen Sassen gesetzt, die Häsin bleibt nur wenige Minuten bei ihrem Jungen, säugt es und lässt es dann wieder für mehrere Stunden allein.

Grund für dieses Verhalten ist, dass die geruchsneutralen Hasenjungen bei längerem Kontakt sonst den Geruch der Mutter annehmen und damit von Feinden sehr leicht aufgespürt werden könnten. „Verlassene junge Feldhasen gibt es also nicht, deswegen sollten Spaziergänger sie keinesfalls anfassen oder mit nach Hause nehmen“, sagt Althans. Die Hasenmutter würde sich vermutlich nicht mehr um ihr Kind kümmern.

Nur einmal hat Severins Schwester Lena Bronner (26) eine Ausnahme gemacht: „Bei der Hollunderernte hab’ ich ein Hasenjunges in der Erntemaschine gefunden, es war kaum verletzt, aber völlig mit Hollersaft eingematscht“, erzählt die Inningerin, die selber keinen Jagdschein hat, aber Bruder und Vater „bei allen möglichen Aktionen“ unterstüzt. Nach einigen Wochen des Aufpäppelns entließ sie den Hasen wieder in die Freiheit und freut sich seitdem, wenn „ihr“ Hase immer wieder mal am Haus vorbeihoppelt.

Tiergestützte Therapie mit Kaninchen

Auch ganz ohne Ostereier  erfreuen Hasen, genauer gesagt die artverwandten Kaninchen, mehrfach- und schwerstbehinderte Kinder. Denn nicht nur Hunde und Pferde, sondern auch Stallhasen werden im Rahmen der tiergestützten Therapie bei traumatisierten Patienten für die nonverbale Kommunikation eingesetzt.

„Es ist vor allem das weiche Fell der Hasen, das beim Kontakt mit den Patienten viele positive Signale auslöst“, sagt die Psychotraumatologin Christine Bronner vom ambulanten Kinderhospiz München. Die Ehefrau des Jagdpächters Florian Bronner ist dort Stifterin und Geschäftsführender Vorstand und arbeitet mit dem auf tiergestützte Pädagogik spezialisierten „Bunten Kreis“ in Augsburg zusammen.

Anders als die normalen Feldhasen seien die Kaninchen gut zu zähmen und reagieren unmittelbar auf den Patienten. Der Erfolg ist schnell zu sehen: „Es ist schön zu beobachten, wie schwer behinderte, bettlägerige Kinder aufblühen, wenn das Kaninchen nur um ihren Kopf herumhoppelt“, erzählt Christine Bronner.

von Max-Joseph Kronenbitter

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Metzger als Mörder verunglimpft
 Die Schaufenster zweier Metzgereien im östlichen Landkreis sind am Wochenende beschmiert worden. „Mörder“ stand da zu lesen. Besteht ein Zusammenhang mit den …
Metzger als Mörder verunglimpft
Saison-Endspurt: Jetzt vier Alles-oder-nichts-Spiele zur Auswahl
Die Spannung steigt vor dem vorletzten Saisonspieltag am kommenden Wochenende. Weshalb sich die Sportredaktion dazu entschlossen hat, zum Endspurt ausnahmsweise gleich …
Saison-Endspurt: Jetzt vier Alles-oder-nichts-Spiele zur Auswahl
Sofia aus Fürstenfeldbruck
Katharina und Eduard Jesse aus Fürstenfeldbruck freuen sich über die Geburt ihres zweiten Kindes. Sofia (2670 Gramm, 50 Zentimeter) kam im Brucker Klinikum zur Welt. …
Sofia aus Fürstenfeldbruck
Mittagsbetreuung für 3,3 Millionen Euro
An der Maisacher Grundschule entsteht ein neuer Anbau für die Mittagsbetreuung. Die Gemeinde investiert rund 3,3 Millionen Euro. Probleme gibt es aber noch mit der …
Mittagsbetreuung für 3,3 Millionen Euro

Kommentare