Im Kolonialwarenladen gab es Dinge des täglichen Bedarfs. Theresia und Valentin Keller führten ihn bis 1971. Das Foto von 1958 zeigt den Ladenbesitzer und eine Kundin, dazu der hellblaue Fiat, das erste Auto von Kellers Sohn Josef. Heute sind dort Wohnräume.
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Im Kolonialwarenladen gab es Dinge des täglichen Bedarfs. Theresia und Valentin Keller führten ihn bis 1971. Das Foto von 1958 zeigt den Ladenbesitzer und eine Kundin, dazu der hellblaue Fiat, das erste Auto von Kellers Sohn Josef. Heute sind dort Wohnräume.

Spaziergang durch das Dorf

Kottgeiseringer Läden – und was aus ihnen geworden ist

  • vonMax-Joseph Kronenbitter
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Zu Zeitreisen durch die Geschichte des Einzelhandels hatte Kulturreferentin Kirstin Kortländer die Bürger am Wochenende eingeladen. 

Kottgeisering – „Einkaufsmöglichkeiten damals“ lautete der Kottgeiseringer Beitrag zur Serie „Besondere Orte“, die die Kulturreferenten der Mitgliedsgemeinden der Verwaltungsgemeinschaft zusammen mit den Kulturvereinen aus Grafrath und Schöngeising organisiert hatten.

Auf der Fensterscheibe pappt 35 Jahre nach dem endgültigen Ladenschluss immer noch der Schriftzug eines Kräuterlikörs, dessen Logo dem Heiligen Hubertus die Ehre erweist. Im totalen Kontrast dazu ein neues, glänzend blaues Schild, auf dem mit weißer Frakturschrift „Käser“ zu lesen ist. Bis 1936 betrieb der ehemalige Bürgermeister Hans Sepp hier eine Milchsammelstelle, von der er die Milch über das bei den Einheimischen heute noch bekannte „Millistrassl“ (heute Südliche Villenstraße) zum Bahnhof Grafrath brachte. Mina Zimmermann eröffnete in diesem Haus später einen Kramerladen.

14 Orte gehören zu dem Spazier-Rundgang

14 Orte recherchierte Kortländer und stellte sie zu einem Spazier-Rundgang in Dorf- und Ammerseestraße zusammen. „Wenn man Post und Verkaufsstellen für Haushaltsgeräte, Fernseher, Baumaterialien, Getränke und andere noch dazu genommen hätte, wäre ich auf 23 gekommen“, so Kortländer. Als Zugezogene tat sie sich bei der Recherche etwas schwer, konnte sich aber auf Informationen von Maria Klotz und Oskar Ostermeir senior stützen. „Die Leute haben mir bereitwillig ihre Familienalben geöffnet“, so die Kulturreferentin weiter.

Obschon in den meisten Fällen nicht mehr existent, und wenn doch, dann innen nicht zugänglich, gab es wenigstens auf Pfosten genagelte, historische Fotografien, die oft die stolzen Ladenbesitzer vor ihren Läden zeigten. In einigen Fällen auch Erinnerungen ungenannter Autoren wie: „Bei der Zeitungsleni mit den dicken Brillengläsern haben wir immer heimlich die Bravo gekauft.“

Besonders auffällig: neben zwei Metzgereien (Schilling und Klotz) gab es zeitweise sieben Kramerläden – aber nur einen Bäcker (Rottenfußer, später vom Ehepaar Wind übernommen). „Dort gab es weiße Brezn, die ohne Lauge gebacken waren und Rippenschokolade für fünf Pfennig“, erinnert sich Maria Klotz. Dorthin wurde sie auch immer geschickt, um für die Gastwirtschaft ihrer Eltern Semmeln und Brot zu besorgen. Ihre Tante Paula betrieb einen der Kramerläden, den später ihre Schwester Helga übernahm.

Fotos von den alten Läden gibt es immer noch

Bis 1971 gab es auch bei der Familie Keller (Hofname Bee) einen Kolonialwarenladen. „Die Fotos davon hängen immer noch im Wohnzimmer und auch Teile des Inventars existieren noch“, berichtet die Schwiegertochter des einstigen Besitzers, Barbara Keller. Die Söhne nutzen Schränke und Schubladen zur Aufbewahrung von Werkzeug.

Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal hatte hingegen die Esso-Tankstelle der Familie Ostermeir, die die 77-jährige Maria Ostermeir im Jahr 1980 alters- und verdienstbedingt aufgab. „Selbstverständlich wurde den Kunden das Auto betankt – und das auch noch spät am Abend, wenn die Leute aus der örtlichen Diskothek Schilling kamen“, erinnert sich Oskar Ostermeir. Schon vor Eröffnung der Tankstelle in den 1960er Jahren verkaufte Johann Ostermeir, der ehemalige Bürgermeister, Fahrräder und Mopeds.

Insgesamt lauschten 160 Leute den alten Geschichten. Das große Interesse sei für sie ein Ansporn, etwas Ähnliches in Zukunft wieder zu veranstalten. Ein Spaziergang zu den Einkaufsmöglichkeiten heute wäre übrigens schnell zu Ende: Es gibt in Kottgeisering nur noch einen Bäcker.

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