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Mit dem Eurofighter in der Negev-Wüste

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Von: Max-Joseph Kronenbitter

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Die Luftwaffenbasis Ovda liegt mitten in der Negev-Wüste, in dem abgesenkten Shelter sind die sechs deutschen Eurofighter geparkt, der rechts trägt an der Oberseite der Tragflächen die israelische Flagge mit Davidstern, auf der anderen Seite die deutsche mit dem Bundesadler.	Foto: mjk
Die Luftwaffenbasis Ovda liegt mitten in der Negev-Wüste, in dem abgesenkten Shelter sind die sechs deutschen Eurofighter geparkt, der rechts trägt an der Oberseite der Tragflächen die israelische Flagge mit Davidstern, auf der anderen Seite die deutsche mit dem Bundesadler. © mjk

Deutsche Touristen gibt es in der israelischen Urlauber-Hochburg Eilat am Roten Meer in Corona-Zeiten nicht. Wenn doch Deutsche auftauchen – noch dazu in tarngefleckter Uniform –, ist ihnen die Aufmerksamkeit sicher. Tagblatt-Reporter Max-Joseph Kronenbitter aus Kottgeisering, Pressestabsoffizier der Bundeswehr, berichtet von der Luftwaffen-Übung in der Negev-Wüste.

Kottgeisering/Eilat – Temperaturen von tagsüber bis zu 38 Grad bringen auch noch Ende Oktober die Luft über dem ockerfarbigen Wüstenboden zum Flimmern. Wie aus dem Nichts jagt eine Zweierformation Kampfjets knapp über die schroffe Hügelkette, kurz darauf die Verfolger. Italiener, Amerikaner oder doch die Israeli? In der Blitzartigkeit des Überflugs ist der Flugzeugtyp oft nicht erkennbar. Mehrmals knallt die Schallmauer.

Kampfjets in der Luft? Das stört niemanden.

Wäre ich jetzt, wie so oft, als Presseoffizier im Taktischen Luftwaffengeschwader 74 im bayerischen Neuburg eingesetzt, könnte ich die Minuten zählen, bis das Telefon läutet und die erste Bürgerbeschwerde eingeht – oder sich die örtlichen Zeitungsredaktionen erkundigen, was denn da los sei. Hier in der menschenleeren Wüste Israels interessiert das keinen, im Gegenteil, es wird oft als beruhigender Beleg dafür angesehen, dass die Luftwaffe präsent ist. Denn anders als in Deutschland, wo mit dem Begriff Bündnis- und Landesverteidigung keiner mehr so recht etwas anfangen kann, geschweige denn dafür notwendige Konsequenzen (Übungen) zu tolerieren gewillt ist, sieht sich Israel permanenter Bedrohung ausgesetzt – und die Bevölkerung ist froh, die Luftwaffe über sich zu wissen.

Sieben Nationen waren eingeladen

Zum dritten Mal im Abstand von jeweils zwei Jahren haben die Israeli zur Übung „Blue Flag“ die Luftwaffe Deutschlands und sechs weiterer Nationen eingeladen. Neben den bereits genannten waren auch Frankreich, Griechenland, das Vereinigte Königreich und als besonderer „Exot“ (weil nicht in der NATO) Indien dabei. Rund 1000 Männer und Frauen trainierten mit ihren 70 Luftfahrzeugen knapp drei Wochen lang alle Formen der Luftkriegsführung, vom Schutz eigener Anlagen, über das Abfangen und Stören bis zum Angriff auf Verteidigungsstellungen.

Bundesadler neben Davidstern

Das 160 Soldaten umfassende deutsche Kontingent kam aus dem Luftwaffengeschwader 31 in Nörvenich südwestlich von Köln und brachte sechs Eurofighter für gemeinsame Übungen mit. Einer davon sorgte mit einer Sonderfolierung für besonderes Aufsehen: Auf den beiden Tragflächen waren die Flaggen Deutschlands und Israels mit dem Bundesadler beziehungsweise dem Davidstern abgebildet. Mehr noch: Die beiden Luftwaffenchefs Generalleutnant Ingo Gerhartz (Deutschland) und Amikam Norkin (Israel) absolvierten einen gemeinsamen Flug über die Knesset, das israelische Parlament. Das epochale Ereignis, das noch vor Jahren völlig undenkbar gewesen wäre, schaffte es sogar in die Abendnachrichten beider Länder.

Fortsetzung des Überflugs von Fursty

Gleichzeitig war es eine Fortsetzung dessen, was durch einen Überflug über den Fürstenfeldbrucker Fliegerhorst Fursty als Ort des grausamen Finales der Entführung israelischer Olympioniken und dem anschließenden Vorbeiflug am Konzentrationslager Dachau in ähnlicher Formation im vergangenen Jahr begann.

Es ging also nicht nur um eine von vielen Übungen, sondern auch um den persönlichen Austausch mit den Gastgebern, die einen immer wieder erstaunen: Jüdische Gebräuche, die selbstverständlich auch in der Kaserne zelebriert werden, die Wehrpflicht, die die israelische Armee zu einer jungen und ziemlich weiblichen (auch Frauen müssen in Israel zweieinhalb Jahre dienen) macht, oder die Neugierde auf Land und Leute in Deutschland, die trotz der sehr schwierigen Vergangenheit überraschend unvoreingenommen ist.

Die Sicherheitslage ermöglichte mir an den zumeist freien Sabbat-Wochenenden ein uneingeschränktes Reisen zu vergleichsweise menschenleeren, biblischen Stätten. So musste man an der Grabeskirche Jesu nicht anstehen. Doch die Ruhe täuscht: Israel ist allzeit bereit. Wenn kaum 20-Jährige im Kampfanzug und teilgeladenem Sturmgewehr ein Schnellrestaurant zum Essen betreten, dann juckt das keinen – zuhause würden die Leute unter die Tische springen und das Sondereinsatzkommando zwei Minuten später das Lokal räumen.

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