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Porträt

Nobelpreisträger erforscht weiter die Natur

Nur wenige wissen, dass in Kottgeisering ein Nobelpreisträger lebt. Gerd Binnig, heute 70 Jahre alt, gelang 1986 mit der Erfindung des Rastertunnelmikroskops ein Durchbruch in der Physik. Aktuell arbeitet er daran, einen Computer zum Künstler zu machen. Und er hat das Ortsgeschehen immer im Blick.

KottgeiseringDas Rastertunnelmikroskop, jene bahnbrechende Erfindung der Physik, genauer gesagt der Quantenmechanik, sieht aus wie das Innenleben einer Wanduhr. Oder wie eine Bombe. Messingfarbene Schräubchen und Muttern, ein paar rote Drähte, Kleinteile, seltsamerweise auch Alufolie, das Ganze unter einem gläsernen Deckel. Von Tunnel nichts zu sehen – und ein Mikroskop hat im Biologieunterricht auch ganz anders ausgesehen.

Das Ding ist nichts Geringeres als der Nobelpreis für Physik aus dem Jahr 1986, verliehen an den Kottgeiseringer Gerd Binnig. Wie kommt der vor 70 Jahren in Frankfurt geborene Physiker zu dieser Erfindung, die die Welt zur Nanotechnologie eröffnete?

„Ausgangslage war, dass ich sichtbar machen wollte, wie die feinsten Strukturen von Objekten aussehen – bis hinunter zu den Atomen, welche Bindungen sie eingehen, wie sie sich zu Strukturen zusammenfügen“, berichtet der Physiker. Die Erfindung, das sichtbar zu machen, ist nach kaum einem viertel Jahr theoretisch fertig. Andere Forscher seien da nicht draufgekommen, weil sie nicht im Bild einzelner Atome dachten und eher Statistiken verhaftet waren. „Somit war die Lösung eigentlich ein Tabubruch, weil Atome ,unberührbar‘ erschienen und auch weil es darum ging, mit einer Nadelspitze im Abstand von einem millionstel Millimeter die Oberfläche von Atomen abzurastern“, erklärt Binnig. Der dabei fließende Tunnelstrom beschreibt dann das Aussehen der atomaren Anordnungen.

Etwas länger dauert es dann, ein Gerät zu entwickeln, mit dem die Nadelspitze so exakt geführt werden kann, um echte Bilder zu produzieren. Allein eine laufende Klimaanlage würde den Vorgang unmöglich machen. „Heute macht man das mit dem Computer, aber die ersten ,Bilder‘ waren Ausdrucke aus XY-Plottern, die ausschauten wie Tapetenmuster“, erzählt Binnig. Ein Durchbruch bedeutet die Abbildung von Silizium-Atomen auf einer Siliziumoberfläche.

An der Westküsteimmer gefremdelt

„Zusammen mit meinem Kollegen Heinrich Rohrer haben wir nicht auf einen Nobelpreis hingearbeitet – aber wie das Rastertunnelmikroskop die ersten spektakulären Bilder lieferte, war uns klar, dass das der Nobelpreis sein müsste“, blickt der Kottgeiseringer zurück.

Wenig später gelingt dem Physiker mit zwei Kollegen noch eine weitere herausragende Erfindung: das Rasterkraftmikroskop, für das die Forscher erst vor kurzem den renommierten und hochdotierten Kavli-Preis erhielten. Fortan ist er, vor allem für seinen Arbeitgeber IBM ein gefragter Wissenschaftler, der zwischen Forschungslaboren im kalifornischen Silicon Valley und im schweizerischen Rüschlikon und als Honorarprofessor der Ludwig-Maximilians-Universität nach München pendelt. Die feste Basis ist für ihn seit 24 Jahren die Ampermoos-Gemeinde Kottgeisering, in der er zusammen mit seiner Frau in der Villengegend ein altes Haus bewohnt. „Wir haben damals etwas gesucht und in Kottgeisering gefunden, was zwischen München und Zürich lag“, erzählt Binnig, der zudem in München 1995 eine Softwarefirma gründete. An der amerikanischen Westküste hätte er immer etwas „gefremdelt“ – und festgestellt, dass in Kottgeisering das Umfeld mit einer guten Mischung aus bäuerlichem Ursprung und Villengegend stimmt.

Interessante Charaktere würden hier im Ort dafür sorgen, dass es angenehm „heterogen“ zugeht, aber gelegentlich auch nicht optimal, wie er sagt. Was beweist, dass der mit weiteren Preisen und Ehrungen – zum Beispiel dem Bayerischen Verdienstorden und dem Großen Verdienstkreuz – ausgezeichnete Wissenschaftler die Ortspolitik manchmal auch kritisch verfolgt. Und sich auch mal zu Wort meldet, etwa wenn die Villengegend städtebaulich in eine falsche Richtung zu laufen droht. „Auch wenn das für uns eher nicht in Frage kommt, bedaure ich, dass es den Initiatoren des Seniorenwohnens so schwer gemacht wird“, sagt Binnig zu einem anderen Thema der Gemeindepolitik.

Kreativer PC undeigene Skulpturen

Dass das Erreichen des Rentenalters nicht das Ende des Forschergeistes oder der sportlichen (Golf, Tennis, Ski) und musikalischen (Geige, Gitarre, Klavierspiel) Umtriebigkeit bedeutet, gilt natürlich auch für den Honorarprofessor Binnig. Aktuell beschäftigt er sich mit der Frage, wie man einen Computer so programmiert, dass er kreativ werden kann, um „künstliche Kunst“ am Computer zu entwickeln. In seinem Buch „Aus dem Nichts – über die Kreativität von Natur und Mensch“ entwickelt der 70-Jährige eine eigene Evolutionstheorie, die diese als kreativen Prozess definiert.

Und bis sein Computer eines Tages wirklich selbstständig kreativ wird, betätigt sich der Wissenschaftler selbst kreativ – und in ganz anderen Maßstäben als seine Rastermikroskope: In Frankreich hat Gerd Binnig entdeckt, wie entspannend es für ihn ist, Marmorskulpturen zu meißeln. (mjk)

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