Literatur-Talk im Internet

Fürstenfeldbruck - Bücher lesen und darüber reden - das tun viele Literatur-Fans. Doch der Fürstenfeldbrucker Arndt Stroscher hat sich dazu eine Plattform ausgesucht, auf der er Millionen von Menschen erreichen kann: einen Blog im Internet.

Wenn Arndt Stroscher morgens um halb fünf in die S-Bahn Richtung München steigt, tut er das voller Vorfreude. Eineinhalb Stunden Fahrtzeit liegen vor ihm, das bedeutet eineinhalb Stunden Zeit zum Lesen. Herrlich. Er wird die Nase nur aus dem Buch nehmen, um ein paar Gedanken zu notieren. Die fließen später in die Buchbesprechung ein, die er abends in den Computer tippt und auf seine Internetseite stellt.

Arndt Stroscher ist Literatur-Blogger und wurde damit innerhalb weniger Jahre vom ganz normalen Leser zum vielbeachteten Buchkritiker. AstroLibrium heißt sein Blog. Das klingt irgendwie nach Horoskopen. Doch es klingt nur so. „Astro“ ist eine Kombination aus Stroschers Vor- und Nachnamen. Der Bezug zu den Sternen ist dennoch bewusst gewählt.

„Manche Autoren sind wie Fixsterne, sie sind immer da, man kann sein Leben nach ihnen ausrichten“, sinniert der 53-Jährige. „Andere verglühen wie Sternschnuppen. Wieder andere tauchen nur alle paar Jahrzehnte auf wie ein Komet.“ Einer der Fixsterne ist etwa der Literaturnobelpreisträger Günter Grass. Ihn kennt Stroscher längst persönlich.

Doch alles der Reihe nach. Arndt Stroscher, Berufsoffizier im Sanitätsdienst, gebürtig aus der Eifel, wohnhaft seit vielen Jahren in Fürstenfeldbruck. Graumeliertes Haar, gepflegter Bart, freundliches Wesen. Büchersüchtig. Früher stellte er seine Rezensionen auf eine Internetplattform, auf der Leser anderen Lesern Bücher empfehlen. 2009 reichte er eine seine Kritiken bei einem bundesweiten Wettbewerb ein - und gewann. Daraufhin erschien sein Text als Anzeige im „Zeit-Magazin“. Man wurde auf ihn aufmerksam.

Die eigene Internetseite war der nächste logische Schritt. Inzwischen hat Stroscher Kontakt zu rund 40 Verlagen. Er wird zu Buchmessen und Literaturveranstaltungen eingeladen, wo er berühmte Autoren interviewt und Pulitzer-Preisträger kennenlernt. Man schickt ihm Neuerscheinungen zu, Monate, bevor sie auf den Markt kommen. Damit er seine Rezension möglichst am ersten Verkaufstag ins Netz stellt. Manchmal zitieren ihn die Verlage in ihrer Werbung.

Ein Buch bekommen, darüber schreiben dürfen und damit auch noch Beachtung finden - „das ist für mich noch immer ein unfassbares Privileg“, sagt der zweifache Vater. Er mag Romane und Thriller, hat aber auch ein Faible für Kinder- und Jugendbücher. Was immer er liest, es begleitet ihn gedanklich und gegenständlich. „Ich mache Fotos, wo ich lese, wo ich mit dem Buch unterwegs bin.“

Die Bilder kommen in den Blog. Bei Kinderliteratur sind es manchmal richtige kleine Inszenierungen, die der 53-Jährige fotografiert, um seine Texte optisch anzureichern. Verrisse verkneift er sich. Wenn ihm ein Buch nicht gefällt, schreibt er nicht darüber.

Eine Ausnahme von dieser Regel gibt es jedoch - und das sind Bücher über den Holocaust. Hat ein Autor hier unsauber recherchiert oder verfälscht, spart Arndt Stroscher nicht mit Kritik. Die Erinnerung an die Opfer der Nazi-Diktatur wachzuhalten, ist ihm ein zentrales Anliegen - nicht nur in seinem Blog.

Der Berufsoffizier spricht darüber in Schulen, wo er den Jugendlichen mit Hilfe von Büchern und Bildern Einzelschicksale näherbringt, statt abstrakt von sechs Millionen Opfern zu sprechen.

Solche Zahlen überfordern und führen zu dem, was der Blogger aus Fürstenfeldbruck als „Dachau-Blockade“ bezeichnet. Stattdessen rät Stroscher den Schülern, sich bei ihrem Besuch der KZ-Gedenkstätte ein einzelnes Opfer herauszusuchen und über diesen Menschen so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen. Wenn man auf diese Weise an die Geschichte herangehe, könne man viel Scheu abbauen.

„Vergissmeinnicht“ hat der 53-Jährige sein Projekt genannt, zu dem auch eine Ausstellung mit Bildern der Inninger Malerin Peggy Steike gehört. „Dem Erinnern Farbe zu verleihen und dabei Wort, Buch und Bild zu vereinen - dem habe ich mich verschrieben“, sagt Arndt Stroscher. Und er fährt fort: „Das ist mein Lebensprojekt.“ (os)

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