Treffen von Münchner und Augsburger Sozialdemokraten im Maisacher Sommerkeller am 7. August 1887.

Sozialdemokratie

100 Jahre SPD Maisach: Schwarzweiße Erinnerung ans „rote Dorf“

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Lange galt Maisach aufgrund seiner starken Sozialdemokraten als „rotes Dorf“. Inzwischen sitzen zwar nur noch vier SPD-Vertreter im Gemeinderat. Trotzdem gibt es am Wochenende einen Grund zu feiern: nämlich 100 Jahre SPD Maisach.

Hans Wegmann, erster Ortschef und Bürgermeister

Maisach – So ganz genau weiß man nicht, wann die Maisacher SPD gegründet wurde – ob es Ende 1918 war oder Anfang 1919. Eine Gründungsurkunde ist nicht überliefert. Eines ist jedoch sicher: Irgendwann in den letzten Wochen ist die Ortspartei 100 Jahre alt geworden. Mehr als die Hälfte dieser Zeit, nämlich 56 Jahre, saß im Rathaus ein SPD-Bürgermeister auf dem Chefsessel.

Es ist schon kurios: Was man heute über die Anfangsjahre der Ortspartei weiß, ist der „fast hysterischen Überwachung aller sogenannten Linksparteien durch die bayerische Regierung“ zu verdanken, wie die frühere SPD-Ortsvorsitzende Helga Rueskäfer in der Festschrift „100 Jahre SPD Maisach-Gernlinden“ schreibt. Wenn die Genossen sich trafen, war der Gendarm nicht weit. Laut einem Polizeibericht hatte die Ortspartei bei ihrer Gründung 140 Mitglieder.

Zum Vorsitzenden wurde der Uhrmacher Hans Wegmann gewählt, ein Neubürger, still und bescheiden, Vater einer Tochter. Er führte die SPD zu ihren ersten Erfolgen, wurde jedoch selbst später zur tragischen Figur. Während der Nazi-Diktatur hatte Wegmann unter Schutzhaft und Schikanen zu leiden. Nach dem Krieg wurde er von den Amerikanern zum kommissarischen Bürgermeister ernannt und von den Maisachern später im Amt bestätigt – bei der Kommunalwahl 1946 siegte Wegmann mit überwältigender Mehrheit gegen nicht weniger als neun Gegenkandidaten.

Die Aufgaben in jener Zeit waren schwer und undankbar. Die Gemeinde war für die Verteilung von Bezugsscheinen und Brennstoff zuständig sowie für die Unterbringung von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen. Oft musste dafür Wohnraum beschlagnahmt werden. Wegmann, so heißt es, habe sich immer um Ehrlichkeit und Gerechtigkeit bemüht. Er überstand ein Amtsenthebungsverfahren, das eine Gruppe vergrätzter Bürger anstrengte.

Doch bei der Bürgermeisterwahl 1952 hatte Wegmann das Nachsehen. Er unterlag ausgerechnet dem Mann, der während der gesamten Nazi-Zeit Maisacher Bürgermeister gewesen war. Dies sei für Wegmann eine bittere Enttäuschung gewesen, schreibt Helga Rueskäfer. Er starb nur ein Jahr nach seinem Ausscheiden aus dem Amt.

Bürgermeister Gerhard Landgraf überreicht dem ehemaligen Bürgermeister Franz Moser (links) die Ehrenbürgerurkunde der Gemeinde Maisach.

Auf Wegmann folgten später zwei weitere SPD-Bürgermeister – Franz Moser (1958 bis 72) und Gerhard Landgraf (1972 bis 2008). Letzterer hat in seinen insgesamt sechs Amtszeiten die Gemeinde maßgeblich geprägt. Wohngebiete wurden erschlossen, Kindergärten errichtet, die Schulen erweitert und  Gewerbegebiete ausgewiesen.

„Der stets umsichtige und umtriebige Gerhard Landgraf hielt das Schiff ,Gemeinde Maisach‘ tapfer auf Kurs“, heißt es in der Festschrift. „Seine Verdienste und seine Bürgernähe sind unbestritten.“

Doch die Beziehung zwischen dem damals dienstältesten Bürgermeister im Landkreis und seiner SPD endete in Scherben. Nach Erreichen der Altersgrenze konnte Landgraf nicht mehr für das höchste Amt kandidieren, wollte sich aber um ein Gemeinderatsmandat bewerben. Die Ortspartei hingegen wünschte sich einen Generationswechsel. Außerdem hatte Landgraf mit dem Selbstbewusstsein aus 36 Amtsjahren wohl so manches aktive Mitglied nachhaltig verprellt. Man bot ihm lediglich einen hinteren Listenplatz an.

„Rückblickend war das ein Riesenfehler“, sagt Alfons Strähhuber, der seit 1972 für die SPD im Gemeinderat sitzt. „Wir waren realitätsfremd. Das tut mir heute leid.“ Denn das populäre Zugpferd Landgraf wanderte zu den Freien Wählern ab und nahm so viele Stimmen mit, dass die SPD fünf ihrer acht Mandate einbüßte.

Bei den Kommunalwahlen 2014 konnten die Sozialdemokraten einen Sitz zurückgewinnen und sind seitdem wieder zu viert im Gremium. Sie kämpfen für sozialen Wohnungsbau und setzten für Gernlinden eine Baumschutzverordnung durch, um den Gartenstadt-Charakter zu schützen. Auch der Erhalt traditionsreicher Gebäude liegt der SPD am Herzen, doch dafür fehlt die Mehrheit. Vergeblich forderte die Fraktion den Erhalt der Riedl-Villa Maisach und der Bahnhofswirtschaft Gernlinden.

Dort gab es sogar eine Demonstration, als der Abriss startete. Als der Bagger beim ersten Anlauf durch eine Kellerdecke einbrach und die Arbeiten für diesen Tag gestoppt werden mussten, hätten die Leute applaudiert, erinnert sich Strähhuber.

Helga Rueskäfer: Verfasserin der Festschrift

Aktiv ist der Ortsverein auch auf kulturellem Gebiet, unter anderem mit dem Sommerfest auf dem Rathausplatz und dem von Strähhuber und seiner Frau veranstalteten Literaturcafé. SPD-Rätin und 3. Bürgermeisterin Waltraut Wellenstein rief das Maisacher Kinder-Ferienprogramm ins Leben und sorgt mit dem Weihnachts-Wunschbaum dafür, dass Wünsche von Kindern aus weniger begüterten Familien erfüllt werden können. Und Norman Dombo kämpfte an vorderster Stelle viele Jahre lang in der Bürgerinitiative gegen Fluglärm.

Der Festakt

„Willkommen“ heißt der Neujahrsempfang, zu dem die SPD seit Jahren einlädt. Heuer dreht sich die Veranstaltung am Samstag, 2. Februar, um das 100-Jährige. Ab 14 Uhr wird im Pfarrheim an der Schmidhammerstraße gefeiert. Bürger sind willkommen. Festredner ist Ludwig Hoegner, der Urenkel von Wilhelm Hoegner (SPD), des ersten bayerischen Ministerpräsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg. Für Musik sorgt die „Junge Gernlindener Volksmusik“ unter der Leitung von Alfons Strähhuber.

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