Heft zu Maisacher Geschichte

Eine Jüdin als Nazi-Wirtin

Das neue Heft zur Geschichte der Gemeinde Maisach mit dem Titel „Meisaha“ liegt vor. Es enthält einen interessanten Beitrag über eine Jüdin, die Nazis bewirtete – und von der es kein Foto mehr zu geben scheint.

MaisachGisela Amode war das, was man eine schillernde Figur nennt – eine elegante, selbstbewusste Person mit Geschäftssinn und bewegter Vergangenheit. 1932 kam sie nach Maisach, wo sie ein beliebtes Café und den Bahnhofskiosk führte. Das an sich wäre vielleicht noch nicht weiter erstaunlich. Doch Gisela Amode war Jüdin – und ihr Café ein beliebter Treffpunkt für die Nazi-Größen des nahen Brucker Flughafens. Wie sie die NS-Zeit überlebte und sich später einen erbitterten Kampf mit einem SPD-Bürgermeister lieferte, ist Inhalt eines spannenden Artikels im neuen Maisacher Geschichtsheft.

Älteren Maisachern ist der Name Amode bis heute ein Begriff. Auch an den Bahnhofskiosk können sich viele noch erinnern. „Über die Amode hat man hinter vorgehaltener Hand gesprochen“, sagt die Autorin des Beitrags, Helga Rueskäfer vom Arbeitskreis Geschichte. Sie hat im Archiv der Gemeinde und im Staatsarchiv in München Akten gewälzt, um die Lebensgeschichte der 1889 in Kroatien geborenen Frau so weit wie möglich zu rekonstruieren. Zutage kam Erstaunliches. „Eine Geschichte für Hollywood“, findet Ortsarchivar Stefan Pfannes.

Gisela Amode und ihr Mann übernahmen im Sommer 1932 das Café in der Aufkirchnerm Straße 4 und machten es zu einem beliebten Treffpunkt mit Tanzbetrieb. „Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten entdeckte auch die SA das Lokal und man traf sich dort bis spät nachts“, schreibt Helga Rueskäfer in ihrem Beitrag. „Auch SA-Obersturmführer und der politischer Kommissar im Bezirksamt Marquard verkehrte dort.“

Dass Gisela Amode aufgrund ihrer Herkunft in ständiger Angst gelebt haben musste, kann man sich vorstellen. In Maisach wussten viele Mitbürger Bescheid. 1940 wurden die Behörden erstmals auf die Geschäftsfrau aufmerksam, später wurde sie vor die Gestapo nach München zitiert. Zur Tarnung trat sie der NS-Frauenschaft bei, beflaggte das Café mit Hakenkreuzfahnen und schmückte es mit Nazi-Symbolen.

Auch habe sie den gesamten Bahnhofsvorplatz mit Führerreden und Marschmusik beschallt, lautete später ein Vorwurf gegen sie. Denn nach dem Krieg musste sich die Gastronomin – trotz ihrer jüdischen Herkunft – in einem Spruchkammerverfahren verantworten, weil sie die Tarnung in den Augen einiger so sehr übertrieben hatte, dass man ihr eine nationalsozialistische Gesinnung unterstellte.

Der Hauptwidersacher Amodes war eigentlich ein Leidensgenosse: Hans Wegmann, ein Sozialdemokrat, der während der NS-Zeit verfolgt und inhaftiert worden war. Nach dem Krieg wurde er Maisacher Bürgermeister. Von Amode fühlte er sich verleumdet und verfolgt – nicht ganz zu Unrecht, denn sie strengte gemeinsam mit einigen dubiosen Mitstreitern ein – erfolgloses – Amtsenthebungsverfahren gegen Wegmann an. „Die beiden haben sich bekämpft bis aufs Messer“, sagt Helga Rueskäfer. „Dieser Hass zwischen ihnen ist unbegreiflich.“

Vielleicht, so meint die Hobby-Historikerin, liegt die Erklärung in der Verschiedenartigkeit der Charaktere. Hier der ernste, strenge Wegmann, der sicher mit Abscheu auf das Treiben im Café geblickt habe. Dort die unkonventionelle, selbstbewusste Wirtin, die „eine ziemlich schräge Person“ gewesen sein musste. Erst 1959 verließ sie Maisach und verbrachte ihre letzten Lebensjahre in München-Pasing. Eines ist den Mitgliedern des Arbeitskreises Geschichte bei allen Recherchen nicht gelungen – ein Foto von Gisela Amode aufzutreiben. Sie hoffen, dass sich vielleicht auf die Veröffentlichung des neuen Geschichtshefts hin jemand meldet, der der schillernden Figur der Ortsgeschichte ein Gesicht gibt.

Ulrike Osman

Das neue Heft

wird am, Mittwoch, 13. Dezember, ab 19 Uhr im Pfarrheim vorgestellt. Erhältlich ist es ab Donnerstag im Rathaus, bei der Sparkasse und bei der VR-Bank zum Preis von fünf Euro.

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