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Das Tandem: Harald Kiowsky (61) und Erwin Fendt (58, links) radelten an der deutschen Grenze entlang.

Tour um ganz Deutschland herum 

Grenz-Radler stoßen auch an eigene Grenzen

Einmal um ganz Deutschland herum: Zwei Radfahrer aus Maisach haben dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt und sind innerhalb zweier Monate entlang der gesamten Bundesgrenze geradelt. Dabei stießen sie auch an ihre eigenen Grenzen.

An der deutsch-polnischen Grenze mit den Stelen, die entlang des gesamten Grenzverlaufs immer wieder stehen.

Maisach – Beinahe 4900 Kilometer und 24 500 Höhenmeter haben Harald Kiowsky (61) und Erwin Fendt (58) zwischen Juli und Anfang September zurückgelegt. Die beiden versuchten, so weit als möglich die deutsche Staatsgrenze abzufahren. Dabei führte es die Freizeitsportler beginnend von Murnau im Uhrzeigersinn über das Allgäu an Frankreich und den Benelux-Staaten vorbei bis an die Nordseeküste. Von dort ging es durch Dänemark an die Ostsee, dann an Polen und Tschechien entlang bis in den bayerischen Wald und über Salzburg wieder zurück nach Murnau.

Dabei verlief die Tour der Radler nicht nur auf deutschem Gebiet. „Wir waren bis auf die Niederlande in jedem Nachbarland“, erzählt Harald Kiowsky. Erwin Fendt ergänzt: „Man merkt oft gar nicht, ob man in Deutschland oder einem anderen Land ist, so oft überquert man die Grenze.“

Alte Karten und ein umbenanntes Dorf in Nordrhein-Westfalen

Bei dieser wahrhaften Herkules-Aufgabe stießen die beiden Radfahrer nicht nur an die deutschen, sondern auch an ihre eigenen Grenzen. Schon am zweiten Tag erschien das Fahren aufgrund der vielen Höhenmeter erst einmal äußerst heftig, was sich allerdings schnell legte. Kleinere Probleme ergaben sich durch teils veraltete Landkarten, auf denen heute nicht mehr existente Campingplätze oder ein inzwischen umbenanntes Dorf in Nordrhein-Westfalen eingezeichnet waren. „Aber ein Aufgeben kam zu keinem Zeitpunkt in Frage“, betonen die Radler.

Neues Fahrzeug: In Ueckermünde vor der Fähre Priwall, mit der die beiden das Stettiner Haff überquerten.

Ihren alten Karten vertrauten die beiden trotzdem, denn durch Überschneidungen hätten neuere einen viel größeren Ballast dargestellt. Generell durfte das Gepäck nicht zu schwer werden. Am Ende wogen beide Rucksäcke jeweils 20 Kilo, darin Campingausrüstung und Ersatzteile.

Auf die Tour haben sich beide mit Ausdauer-Training und Skilanglauf beziehungsweise Bergwanderungen vorbereitet – und konnten so auf dem gleichen Level radeln. Anfänger sind sie sowieso keineswegs: Mit Freunden geht es jedes Jahr auf eine einwöchige Tour. Mit ihrer jetzigen Fahrt haben sich Fendt und Kiowsky dann ein neues Ziel gesetzt.

Und beide hatten gute Gründe dafür: Kiowsky, der inzwischen in Altersteilzeit arbeitet, wollte sich auf den anstehenden Ruhestand vorbereiten: „Wie funktioniert das nach all den Arbeitsjahren mit mehr Freizeit?“, hat sich der 61-jährige Germerswanger gefragt. Der selbstständige Fendt aus Maisach wollte seine Arbeit ebenfalls reduzieren und kürzertreten. „Außerdem“, so der 58-Jährige, „wollte ich mich eine Zeit von Medien fernhalten und diese ganzen äußeren Einflüsse begrenzen, denen man sonst ausgesetzt ist.“

Die Radler sind 65 Tage unterwegs – schneller als geplant

Selbstredend stehen auch der Sport und die persönliche Fitness im Vordergrund. Obwohl sie an ihren Lebensumständen sonst nichts weiter veränderten, wirkte sich der Sport deutlich auf ihr Wohlbefinden aus. „Für den Körper ist das eine Regenerationsphase“, erzählen sie.

Am Ende war das Team 65 Tage unterwegs und damit deutlich unter den geplanten drei Monaten. Sie erzählen, sie hätten im Schnitt 80 Kilometer am Tag fahren wollen. Oftmals mussten sie aber auch 100 Kilometer zurücklegen, um den nächsten Campingplatz zu erreichen.

Ihre Bilanz über diese „einmalige Tour“ ist positiv. So konnten sie perfekt ausgebaute Radwege nutzen, das Besichtigen von Sehenswürdigkeiten kam auch nicht zu kurz und sie sind mit vielen passionierten Fahrradfahrern in Kontakt getreten.

Erwin Fendt nimmt auch persönlich einiges mit: „Meine Einstellung gegenüber Radfahrern hat sich geändert“, erklärt der Maisacher sein neues Bild zum Thema Straßenverkehr: „Inzwischen fahre ich langsamer.“

Negativ fiel allerdings beiden auf, dass viele und gerade junge Menschen aus Bequemlichkeit mit dem E-Bike fahren. Die beiden Grenz-Radler meinen, man solle sich nicht vom Wohlstand beeinflussen lassen, sondern einfach aufs Rad steigen und sich immer weiter steigern. „Die Motivation kommt von ganz allein“, sagt Harald Kiowsky.

von Matthias Kast

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