+
Stefan Pfannes mit dem goldenen Löffel seiner Großtante.

Zeitzeugen

Kriegsende 1945: Von den Amerikanern blieb ein goldener Löffel zurück

  • schließen

Chaos, Dreck und manchmal auch Plünderungen: Viele Zeitzeugen haben den Einmarsch der Amerikaner ähnlich erlebt.

Rottbach - Auch die Familie von Maisachs Gemeinde-Archivar Stefan Pfannes hat ihre Geschichte. Der 44-Jährige war damals natürlich nicht dabei – seine Großtante Maria Riesenberger hat dem Rottbacher aber ausführlich über die Geschehnisse berichtet – inklusive Anekdoten zum Schmunzeln.
So hat sich etwa die Mutter der Großtante anerkennend darüber gefreut, dass die Amerikaner ihre eigenen Eier dabei hatten – bis sie von ihrer Tochter darauf hingewiesen wurde, dass die Eier aus der eigenen Speisekammer stammen.
Die Großtante muss zudem eine mutige Frau gewesen sein. Als die Amerikaner abzogen, schnappten sie sich noch sämtliche Decken der Familie. Das wollte sich Maria Riesenberger offenbar nicht gefallen lassen. „In einem unbeobachteten Moment hat sie sich als Ausgleich ein paar Militärdecken von einem Lastwagen geschnappt“, berichtet Stefan Pfannes schmunzelnd.
Und auch ein Stück „Kriegsbeute“ ist der Familie geblieben. Als die Amerikaner weg waren und die Großtante das hinterlassene Chaos beseitigte, fand sie einen goldenen Teelöffel, der bis dahin definitiv nicht zum Haushalt der Familie gehörte. Den Löffel hat der 44-Jährige noch heute – und schaufelt damit den Zucker in den Kaffee.  

Die Panzer kamen beim Schafkopfen

Zwischen bayerischer Tradition und amerikanischem Lifestyle lag für Michael Keller nur eine Stunde. Der heute 89-Jährige erlebte den Einmarsch der Invasoren im Rottbacher Ortsteil Deisenhofen. Aus der Feindschaft erwuchs schnell eine innige Freundschaft. Ob es ein Solo-, Wenz- oder Sau-Spiel war, weiß Michael Keller nicht mehr. Fest steht: Der Spaß am Schafkopfen steht bei dieser Partie in der Stube der Kellers nicht im Vordergrund. Es ist wohl mehr die Ablenkung, die die deutschen Offiziere suchen, als in der Ferne schon der Kanonendonner der Amerikaner zu hören ist. „Die wussten, dass es vorbei ist“, sagt Michael Keller. Als am Horizont die ersten feindlichen Panzer auftauchen, löst sich die Runde ähnlich schnell auf wie der Rest der Wehrmacht. „Die sind Hals über Kopf davon und haben ihre Waffen weggeworfen“, sagt Keller. 

Es ist wohl das Beste, was sie tun können. Denn bei Gegenwehr machen die Amerikaner kurzen Prozess. Das müssen ein paar versprengte deutsche Soldaten erfahren, die am Nachmittag des 29. April 1945 durch das Tal der Lappach ziehen. Beim Anblick des Feindes ziehen sie sich ins Karholz zurück. „Sofort fuhren am östlichen Ausgang drei amerikanische Panzer in Stellung und schossen zwölf oder 13 Mal in den Wald“, schreibt der damalige Rottbacher Bürgermeister Silvester Freytag in seinen Aufzeichnungen. 

Seltsame Karten

Michael Keller, seiner Schwester und den Eltern bleibt das erspart. Knapp eine Stunde nachdem sich die Schafkopf-Runde Hals über Kopf aufgelöst hat, fahren die Amerikaner in dem kleinen Weiler ein. Die Kellers beherbergen zu diesem Zeitpunkt zwei junge Flakhelferinnen aus Thüringen. Die können ein bisschen englisch und stellen den ersten Kontakt her. Mit den seltsamen Karten die noch auf dem Tisch in der Stube liegen, können die Fremden nichts anfangen. Dafür haben sie Süßigkeiten, Gelatine – und Zigaretten. Der damals 14-Jährige greift bei allem zu. Für den Bürgermeister verläuft der Einmarsch nicht ganz so entspannt. Er will um jeden Preis verhindern, dass sein Ort in Schutt und Asche versinkt. Die Nacht auf den 30. April will der Ortsvorsteher im Dorf verbringen, als seine Magd herbei eilt. Auf seinem Hof treibt sich noch immer die SS herum, berichtet die Frau verzweifelt. Freytag zögert nicht und meldet es den neuen Machthabern.

 Die schicken Panzer. „Die SS haute beim Hören von Panzerrasseln ab“, schreibt der Bürgermeister. Nun ist auch sein Hof befreit. Am nächsten Tag quartieren sich dort 130 Amerikaner ein. Die Familie muss in den Stadel. Sohn Josef wird abgeführt. Er diente bei den Panzerjägern – und sollte erst 1948 aus der Gefangenschaft zurückkehren. Die Befreier hinterlassen ein Chaos: „Eine Unordnung und aller Schmuck geraubt, von meinen Kriegsauszeichnungen war nichts mehr zu finden“, schreibt der Bürgermeister.

 Auf dem Hof von Michael Keller benehmen sich die Amerikaner besser. Geplündert wird nichts. Als sie abziehen, ist der Krieg für den 14-Jährigen vorbei. In den folgenden Monaten und Jahren freundet sich Michael Keller sogar mit einem am Fliegerhorst stationierten Amerikaner an. „Der Corin konnte gut deutsch“, erinnert sich Keller. Gemeinsam gehen sie regelmäßig auf die Jagd. Ein Mitbringsel der Sieger begleitet Michael Keller noch viele Jahrzehnte. Die Zigaretten der Amerikaner hatten es dem Deisenhofener angetan. Doch auch dieses Kapitel ist jetzt vorbei. Vergangenes Jahr hat Michael Keller mit dem Rauchen aufgehört.

Auch interessant: Mutiger Bürger rettet Gröbenzell

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Harthaus: Der lange Weg vom Trampelpfad zur Treppe
Das jahrelange Warten hat ein Ende. Noch in diesem Jahr wird der Trampelpfad, der vom nördlichen P&R-Platz des Bahnhofs Harthaus zum Bahnsteig führt, durch eine Treppe …
Harthaus: Der lange Weg vom Trampelpfad zur Treppe
Volksverhetzung und Holocaustleugnung: FDP-Poltiker mit Skandal-Post - Partei entsetzt
Die FDP im Landkreis geht auf Distanz zum Brucker Stadtrat Herwig Bahner. Nach einem rechtsextremen Facebookpost verlangen Politiker von ihm eine „öffentliche Erklärung …
Volksverhetzung und Holocaustleugnung: FDP-Poltiker mit Skandal-Post - Partei entsetzt
Darum werden hier Bäume gefällt
Wer von Eichenau nach Emmering fährt, kann es nicht übersehen: Entlang des stillgelegten Bahndamms aus der Hitler-Zeit werden großflächig Bäume gefällt. Warum war …
Darum werden hier Bäume gefällt
Kommunale Blitzer sind ein Draufzahl-Geschäft
Die kommunale Verkehrsüberwachung wird für die Gemeinde immer mehr zum Draufzahlgeschäft. 
Kommunale Blitzer sind ein Draufzahl-Geschäft

Kommentare