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Der besondere Verein: Dieses Kartell ist legal und sozial

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Von: Helga Zagermann

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Kartell-Vorsitzender Christian Kemether (r.) und Karlheinz Wenhart können dank Christine Wenhart auf viele alte Fotos und Unterlagen zum Kartell Gernlinden zurückgreifen.	Foto: Helga Zagermann
Kartell-Vorsitzender Christian Kemether (r.) und Karlheinz Wenhart können dank Christine Wenhart auf viele alte Fotos und Unterlagen zum Kartell Gernlinden zurückgreifen. © Zagermann

Ein Verein für die Vereine. So etwas gibt es wohl nur in Gernlinden. Das Kartell koordiniert die Aktivitäten in Maisachs größtem Ortsteil – früher ging es dabei vor allem um den bekannten Kinderspielplatz, heutzutage mehr ums Dorffest und den Faschingszug.

Gernlinden – „Kartell“: Alle, die nicht aus Gernlinden kommen, wundern sich über diesen Namen. Und selbst Mitgründer und langjährige Vorstandsmitglieder wissen nicht genau, wie es zu der Benennung kam. Falsch ist der Name aber sicher nicht, beteuert Christine Wenhart, die seit vielen Jahren im Kartell aktiv ist. Schließlich stehe der Begriff für einen Zusammenschluss von Betrieben. Trotzdem, die meisten denken wohl eher zuerst an organisierte Kriminalität. Aber, versichert der aktuelle Kartell-Vorsitzende Christian Kemether mit einem Zwinkern: „Bei uns muss man keine Schutzgelder zahlen, nicht einmal Mitgliedsbeiträge.“

Anfangs ein Quartett

Aber der Reihe nach. Rudi Keilberth regte 1953 an, dass sich die Ortsvereine zusammenschließen sollten. Er gab dem Ganzen den Namen Kartell, das anfangs ein Quartett war: aus den Waldschützen, der Feuerwehr, dem VdK und dem TSV. Keilberth war der Zusammenhalt der Vereine sehr wichtig – er war selbst Mitglied in 20 Vereinen und Organisationen. Das Kartell leitete er als Geschäftsführer 42 Jahre lang. 1995 wurde er zum Ehrengeschäftsführer ernannt. Wie es in einer alten Publikation über Keilberth heißt, war er „stets bestrebt, den Faschingszug zu erhalten, zu vergrößern und zu verbessern“. Zweite Aufgabe in früheren Zeiten war der gemeinsame Erhalt des großen Spielplatzes – für den es aber inzwischen einen eigenen Förderverein gibt.

Mit fester Struktur

Auch in anderen Maisacher Ortsteilen haben sich die Vereine zusammengeschlossen. Doch dort ist es bis heute bei einem losen Verbund geblieben. Die Gernlindner dagegen machten ihr Kartell 1997 zum Verein. „Wir wollten einfach Klarheit haben“, sagt Christine Wenhart, die von 2000 bis 2014 Vorsitzende war. „Als klassischer Verein mit Vorstand und fester Struktur tut man sich bei Organisation und Finanziellem leichter“, ergänzt Christian Kemether, seit 2014 an der Spitze des Vereins. In der Satzung sind als Ziele Jugendförderung und Brauchtumspflege genannt. Es gibt einen Ausschuss, der den 1947 erstmals veranstalteten Faschingszug organisiert, der zweite kümmert sich noch immer teilweise um den Spielplatz und das Dorffest. Und die Burschen werden beim Maibaumaufstellen unterstützt.

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Der familiäre Ort

Christine Wenhart lebt seit 1956 in Gernlinden. Seitdem sind sie und ihre Familie ins örtliche Vereinsleben integriert. Sie sagt: „Es ist in Gernlinden schwerer, anonym zu bleiben, als mitzumachen.“ Also machte sie mit – und zwar gerne. Der Ort sei früher eine Arbeitersiedlung gewesen, mit vielen Angestellten des Fliegerhorsts. Die hatten abends und am Wochenende Zeit, sich daheim zu treffen und Hobbys nachzugehen. Kemether, seit 1976 in Gernlinden, sagt, es sei eben familiär im Ortsteil. „Dem konnte man sich selbst als Zugezogener nicht entziehen.“ Es gab schon immer viele Vereine, die viel anbieten: „Dadurch wird man schnell integriert.“

Im Kartell landeten Christine Wenhart und ihr Mann Karlheinz, derzeit Vize-Vorsitzender, spätestens 1972. „In diesem Jahr waren wir das Faschingspaar“, erzählt sie und zeigt auf alte Fotos. Damals gab es noch ein Prinzenpaar im Ort.

Die Kindergarde

Als es mit dem Fasching zwischendurch mal nicht so gut lief, so erinnert sie sich, „da sagte der Rudi zu mir: ,Mei, Christine, mach halt du was‘.“ Und so gründete sie 1987 eine Kindergarde und leitete sie bis 1998. Zwei ihrer drei Söhne machten mit, der älteste Sohn ist heute mit im Vereinsvorstand. „Fasching ist eben eine Familienveranstaltung. Das funktioniert nur, wenn man die Familie hinter sich hat und mitnimmt“, sagt die Gernlindnerin. 1998 endete ihr Engagement bei der Garde – aber in diesem Jahr gründete sich dann die Dance Corporation.

Die Vereine liegen Christine Wenhart am Herzen. Daher sind sie und Kemether stolz, dass das Kartell mittlerweile 23 Mitglieder hat. Im Herbst wird über einen weiteren Mitgliedsantrag zu entscheiden sein: Auch der Verein „Krebskranken Kindern helfen im Landkreis Fürstenfeldbruck“ will dabei sein.

Aufgenommen wird nur, wer seinen Sitz oder den Schwerpunkt seiner Arbeit in Gernlinden hat. Parteien sind ausdrücklich ausgenommen.

Verschiedene Aufgaben

Jeder Verein bleibt selbstständig, aber die Mitglieder sollten sich im Kartell einbringen. Bei Festen zum Beispiel oder beim Faschingszug: Vereine bauen nicht nur Wagen und bilden Fußgruppen, sondern helfen auch bei der Organisation. Mitarbeit ist zudem gefragt bei der Weihnachtsbeleuchtung und beim Bücherflohmarkt im Bürgerzentrum.

Mini-Faschingszug 2022: (unten v.r.) Christian Kemether und Christine Wenhart gaben mit anderen Kartell-Mitgliedern trotz Pandemie ein Lebenszeichen.	Foto: Peter Weber
Mini-Faschingszug 2022: (unten v.r.) Christian Kemether und Christine Wenhart gaben mit anderen Kartell-Mitgliedern trotz Pandemie ein Lebenszeichen. © Weber

Und das klappt bestens, berichtet Kemether: „Alle bringen sich ein.“ Christine Wenhart wurde schon oft außerhalb von Gernlinden angesprochen: „Bei euch im Kartell funktioniert das so gut.“

Steigende Mitgliederzahl

Mitgliedsbeiträge wären übrigens laut Satzung möglich, wurden aber noch nie erhoben: „Das Kartell konnte immer von seinen Einnahmen leben“, so Wenhart. Dazu bekomme man als Verein Förderung durch die Gemeinde und Spenden von Banken.

Die Mitgliederzahl steigt seit 1953. Daher war ein größeres Gerätehaus am Spielplatz nötig – es wurde in Eigenleistung gebaut und 2010 einweiht. Dort sind Biertischgarnituren und vieles mehr untergebracht, bei Arbeitseinsätzen trifft man sich dort. Für Besprechungen geht es in örtliche Wirtshäuser, in Räume der Mitgliedsvereine oder zu Vorstandsmitgliedern nach Hause.

Für die Zukunft des Kartells sieht es also gut aus. Man werde sich weiter für den Ortsteil einsetzen, sagt Karlheinz Wenhart: „Nach der Prämisse verändern und gestalten.“ Aus Dankbarkeit für bisher Geleistetes und als Erinnerung an ehrenamtliche Tätigkeit will das Kartell bald im Süden Gernlindens ein Feldkreuz aufstellen.

Steckbrief: Gründung: 1953; Eintragung ins Vereinsregister: 1997; Mitglieder: 23 Vereine und Organisationen (es gibt 29 eingetragene Vereine in Gernlinden); Beiträge: derzeit keine; Treffpunkt: Gerätehaus am Spielplatz und Gaststätten; Kontakt: per E-Mail an
info@kartell-gernlinden.de; Internet: www.kartell-gernlinden.de;

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Die Serie

stellt Vereine (auch Organisationen und lose Gruppen) vor, die in ihrem Ort oder sogar im ganzen Landkreis einzigartig sind.

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