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Krähen koordiniert zurück in Natur drängen

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Von: Helga Zagermann

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Da wäre es ideal für die Vögel: Uwe Temper am Brauereiwald bei Germerswang. Hier hatten sich Saatkrähen angesiedelt – doch dann vertrieb sie wohl ein Uhu.
Da wäre es ideal für die Vögel: Uwe Temper am Brauereiwald bei Germerswang. Hier hatten sich Saatkrähen angesiedelt – doch dann vertrieb sie wohl ein Uhu. © Weber

2022 soll die Wende in der Saatkrähen-Problematik bringen. Dafür sind zwei Faktoren entscheidend: Die Kommunen müssen bei der Vertreibung der Vögel aus Wohngebieten geschlossen agieren. Und sie müssen dafür sorgen, dass die Saatkrähen in ihrer neuen Heimat außerhalb der Orte Ruhe haben. Sonst kommen sie zurück.

Gernlinden – Derzeit ist es ruhig in den von Saatkrähen-Kolonien betroffenen Wohngebieten. Doch spätestens im Februar/März, wenn die Vögel ihre Suche nach Nistplätzen beginnen, wollen die Kommunen im Landkreis vorbereitet sein. Über den Winter soll gemeinsam ein Managementplan erarbeitet werden, um die Vögel aus den Wohngebieten zu vertreiben. Sie sollen in Naturräumen eine neue Heimat finden – dort, wo sie die Menschen nicht stören und wo die Menschen die Vögel nicht stören. Bei einem Runden Tisch mit Vertretern aus Puchheim, Germering, Olching, Maisach, Eichenau und Gröbenzell hatte man sich für dieses Vorgehen das Okay der ebenfalls anwesenden Zuständigen der Höheren Naturschutzbehörde (Regierung von Oberbayern) geholt. Das gilt gemeinhin als Durchbruch, denn die Kommunen hatten sich schon länger eine Kooperation miteinander gewünscht.

Auf Vergrämung folgt Aufsplitterung

Einer, der dieses Vorgehen schon lange propagiert, ist Uwe Temper aus Gernlinden (Gemeinde Maisach). Er kartiert für das Landesamt für Umwelt (LfU) die Saatkrähenbestände in Maisach/Gernlinden, Olching, Gröbenzell, Mammendorf und Fürstenfeldbruck (siehe Kasten). Das LfU ist offiziell zuständig für die seit 1977 geschützte Art. Seit 2009 zählen Ehrenamtliche in ganz Bayern die Kolonien der Saatkrähen und die Brutpaare. „Das Monitoring erweist sich zunehmend schwieriger, da die Zahl der Kolonien durch die Aufsplitterungen nach Vergrämungsaktionen zunimmt“, heißt es aus dem LfU.

Nester der Saatkrähen: Im Außenbereich wären sie willkommen, im Innenbereich sind sie’s nicht.	Fotos: Archiv Weber
Nester der Saatkrähen: Im Außenbereich wären sie willkommen, im Innenbereich sind sie’s nicht. © Weber

Auch im Landkreis Fürstenfeldbruck ist das seit Jahren zu beobachten: Die Vögel werden aus einem Wohngebiet vertrieben und tauchen in einem anderen wieder auf. Lärm und Dreck, die vor allem bei Brut und Aufzucht der Jungen entstehen, werden also nur verlagert. Das erfolglose Pingpong-Spiel soll nun durch ein gemeinsames Handeln beendet werden.

„Das koordinierte Vorgehen ist ausdrücklich zu begrüßen“, sagt Uwe Temper. Er hatte bereits im Sommer den Zuständigen in den Rathäusern in seinem Kartierungsgebiet mitgeteilt, dass bei der Erstellung des Konzepts zwei Grundsätze zu beachten seien. Erstens müssten sich die betroffenen Kommunen eng abstimmen. Dazu gehöre auch, noch nicht von Saatkrähen besiedelte Nachbarstädte und -gemeinden einzubinden. Denn man wolle die Vögel gar nicht dorthin treiben. Also müsse man auch über Landkreisgrenzen hinaus denken. Generell sei der Radius für Vergrämungsaktionen (zum Beispiel durch einen Falkner) möglichst weit zu ziehen.

Ruhe nötig in neuen Refugien

Zweitens muss für Ruhe gesorgt werden, so Temper: „Genauso wichtig für den Erfolg des Vorhabens ist der unbedingte Schutz neu gegründeter Saatkrähen-Kolonien im Offenland.“ Die jetzige Generation der Vögel sei auf Siedlungen konditioniert. Sie müsse das Leben in der Natur erst wieder lernen und sich an die dortigen Umstände und natürlichen Feinde gewöhnen. Das gelinge nur, wenn Störungen durch den Menschen ausbleiben.

Soll heißen: Wenn die Vögel aus neuen Natur-Refugien wieder vertrieben werden, etwa durch Grundstücksbesitzer, Jäger oder Landwirte, ziehen sie in Wohngebiete zurück. Die Saatkrähen bleiben nur dann nachhaltig in einem neuen Brutareal, wenn sie dort ungestört sind.

Genügend geeignete Areale im Außenbereich gebe es in der Region, meint Uwe Temper. Er nennt das bei den Saatkrähen beliebte Auwaldgelände in Olching nördlich des Mühlbachs. Das Gebiet sei kaum konfliktbeladen und biete erhebliche Erweiterungsmöglichkeiten – mehr Platz also für Nester.

In der Gemeinde Maisach hatte man 2017 Hoffnung geschöpft, als eine Kolonie sich neu im Brauereiwald bei Germerswang ansiedelte. Die Saatkrähen hatten seit 2013 am Friedhof in Gernlinden und in angrenzenden Wohngebieten für Ärger gesorgt. Der Brauereiwald war ein guter neuer Nistplatz für die Vögel – dort störten sie nicht.

Doch dann, über Nacht im April 2018, hatten die Vögel ihr Naturparadies verlassen. Es hatte sie wohl ein Uhu aufgeschreckt, glaubt Temper. Genau das meint er, wenn er sagt, in den neuen Refugien müsste sich die Art an ihre natürlichen Prädatoren erst gewöhnen. Solche Störungen kann man nicht verhindern, wohl aber Eingriffe durch den Menschen.

Gemeinsame Aktion wird Jahre dauern

„Man kann gespannt sein, wo die Vögel letztendlich aufschlagen“, sagt Mikrobiologe Temper, der freiberuflich im technischen Umweltschutz arbeitet und seit seiner Jugend Hobby-Ornithologe ist. Man werde die Saatkrähen über mehrere Jahre, jeweils ab Beginn der Nistplatzsuche, im Auge behalten und steuern müssen. Vergrämung müsse nicht nur von öffentlichem Grund im Innenbereich, sondern auch von Privatgrundstücken erfolgen.

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