+
Bezeichnet sich als „Eisenbahner mit Leib und Seele“: Ludwig Paternoster.

Porträt 

Der letzte Bahnwärter vom Fliegerhorst

Der Brucker Flugplatz ist bald Geschichte. Im Nordteil wird schon für Maisachs Südumfahrung gebaut. Dabei verschwinden auch die Gleisanlagen. Ludwig Paternoster kennt die Schienen so gut wie kein anderer: Mehr als 15 Jahre befuhr er sie und sorgte so für den Nachschub auf dem Fliegerhorst.

Maisach – Ein langer, heulender Ton durchschneidet die Morgenluft. Mit dem Verstummen der Sirene kommen auch die Lok und deren schwere Waggons quietschend vor dem Wachtposten zum Stehen. Der Fahrer reicht die Passierscheine, die Schranke öffnet sich, Weiterfahrt.

So erlebte es Ludwig Paternoster täglich. Der heute 79-Jährige arbeitete in den 1960er- und 1970er-Jahren lange Zeit als Rangierer am Maisacher Bahnhof und sicherte die Versorgung der Besatzung am Flugplatz.

Mitte der 1970er-Jahre am Maisacher Bahnhof: Paternoster schaut aus seiner Köf, angehängt die Waggons mit Flugzeugbezin, die er dann in den Fliegerhorst gefahren hat.

Über die vergangene Kältewelle kann der Maisacher nur müde lächeln: „Meine Lok hatte keine Türen, sondern nur einen dünnen Vorhang“, erzählt der Rentner. Seine Schicht begann um Punkt 6 Uhr morgens. Es galt, die Waggons mit Flugzeugbenzin und Kohle zu beladen und an seine Köf (Kleinlokomotive mit Ölmotor und Flüssigkeitsgetriebe) anzuhängen. Bis halb acht war dann Zeit, die Rampe am Maisacher Bahnhof zu verlassen, der Personenverkehr musste anrollen. Danach ging es Richtung Fliegerhorst, wo Paternosters Ladung schon erwartet wurde.

Bei der Bahn arbeitete der Maisacher seit 1961. Er fing als Gepäckarbeiter an. Durch einen Kontakt seines Bruders – ebenfalls ein Eisenbahner – wurde er kurz darauf zum Schrankenwärter befördert. Damals übernahm er den Posten 1 in Langwied auf der heutigen S 3-Linie. Über die Jahre kümmerte er sich um alle Schranken entlang der Strecke bis zu Posten 8 in Maisach.

Durch Zufall befand er sich auch 1964 in Maisach, als ein neuer Rangierer benötigt wurde. Paternoster erkannte seine Chance und absolvierte die notwendige Ausbildung. Kurze Zeit später lenkte er dann erstmals die voll beladenen Waggons gen Fliegerhorst selbst.

Und diese Arbeit gefiel ihm: „Es war eine schöne Zeit“, erzählt er rückblickend. Nicht lange dauerte es, da saß er bereits mit den Piloten im Fliegerhorst gemeinsam am Frühstückstisch. „Die kannten mich da sofort“, erzählt er. Wenn er reinkam riefen sie schon: „Ah der Eisenbahner. A Tass’ Kaffee und an Zimtschneck’.“

Das war seine Strecke: die Gleise im Fliegerhorst.

Über die Jahre häufte sich die Arbeit dann allerdings. Maisach wurde zu einem der Knotenpunkte im Münchner Bahnnetz. Hier starteten die Züge für die Arbeiter, Express- und Frachtgut sowie Reisegepäck wurden verladen. „Wir haben alles alleine gemacht“, erinnert sich Paternoster. Gleichzeitig waren die Zeitpläne auch immer knapper bemessen. So kam es vor, dass man oft die zulässigen 40 km/h überschreiten musste – nachfolgende „gelbe Karten“ aufgrund der Geschwindigkeitsüberschreitung blieben glücklicherweise folgenlos.

Anderntags kam es vor, dass „Wachtposten 5“ nicht besetzt war, die Lieferung aber unverzüglich benötigt wurde. So schlüpfte Paternoster kurzerhand unterm Zaun zum Fliegerhorst durch und öffnete sich selbst. Zurück blieben fragende Blicke der Wachen und später eine große Metallplatte vor dem Loch im Zaun.

Obwohl er täglich dieselbe Arbeit hatte, hielt diese immer wieder Überraschungen parat. So mussten während des Vietnamkrieges Tag und Nacht Ladungen in den Fliegerhorst gebracht werden. „Der Sprit wurde an der Rampe gleich von den Lastern abgeholt und zu den Flugzeugen gebracht“, berichtet er.

Am Münchner Hauptbahnhof: Paternoster gibt dort ab 1979 Informationen für Passagiere aus.

Ein weiteres historisches Ereignis – das Olympia-Attentat 1972 – erlebte Paternoster nicht persönlich, da er schon Feierabend hatte. „Als ich die Hubschrauber hörte, dachte ich an eine Übung“, erzählt er. „Aber am nächsten Morgen“, so der Rentner weiter, „stand die Arbeit still.“ Dies änderte sich für ihn erst wieder einige Tage später.

Persönlich blieb der Maisacher in seiner langen Zeit als Triebfahrzeugführer glücklicherweise unfallfrei. In seltenen Fällen wurde es dann aber doch brenzlig: Ein Kommunikationsproblem führte einmal beinahe zu einem Zusammenstoß zwischen Zug und Flugzeug, denn um zum Bahnhof zu gelangen, mussten Lok und Waggons die Landebahn passieren. In der Konsequenz kamen dann Ampeln zum Einsatz.

Eine Operation am Knie zwang den 79-Jährigen Ende der 1970er-Jahre allerdings dazu, den Posten zu wechseln. Paternoster arbeitete fortan an der Information am Münchner Hauptbahnhof und anschließend bis zur Rente 1992 als technischer Zugaufsteller.

Auch heute kehrt der Mann mit dem grauen Haar und dem herzlichen Lachen immer noch auf den Flugplatz zurück: Paternoster arbeitet ehrenamtlich als Feldgeschworener und hilft dort bei Vermessungen. Er bezeichnet sich selbst als „Eisenbahner mit Leib und Seele“ – und das bis heute. Das Ende des Fliegerhorsts und den Abbau seiner Schienen bedauert Paternoster. Er denkt an die schöne Zeit, die er hier hatte und auch daran, dass ein Teil der Geschichte nun auf ewig verschwindet. Die Erinnerungen an seine Köf und den Fliegerhorst bleiben ihm allerdings für immer.

von Matthias Kast

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Müllmann rutscht von Trittbrett ab und wird von eigenem Fahrzeug überrollt
In Mammendorf ereignete sich ein Unfall, bei dem ein 39-jähriger Müllmann von dem eigenen Müllfahrzeug überrollt wurde. Der Mann wurde schwer verletzt in das …
Müllmann rutscht von Trittbrett ab und wird von eigenem Fahrzeug überrollt
Jakob aus Emmering
Überglücklich sind Magdalena und Stefan Floerecke aus Emmering über die Geburt ihres ersten Kindes. Jakob kam im Brucker Krankenhaus zur Welt. Bei seiner Geburt wog der …
Jakob aus Emmering
Hund tötet Katze: Gemeinderat lehnt Leinenzwang aber ab
Im Bereich der Pfarrgasse im Ortsteil Rottbach hat Ende Juli ein freilaufender Hund einen Kater getötet. Etwa 20 Meter weiter wurde nur wenige Tage später ein Reh …
Hund tötet Katze: Gemeinderat lehnt Leinenzwang aber ab
Moorenweis macht sich an Mammutprojekt
Es ist ein Millionen-Projekt, das auf die Gemeinde Moorenweis zukommt: die Erweiterung des Kindergartens von derzeit fünf auf acht Gruppen sowie der Bau eines …
Moorenweis macht sich an Mammutprojekt

Kommentare