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Längst ist am alten Flugplatz Gras über die Rollflächen gewachsen. Im Hintergrund ist einer von zwei Sheltern zu sehen, die erhalten bleiben. Darin können Maschine und Geräte für die Pflege der Wiesen gelagert werden. Zudem dienen Innenräume und Wände als Heimat für Vögel und Fledermäuse.
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Seit Jahren wird am Bebauungsplan gearbeitet: Landschaftsarchitekt Hans Michael Schober (l.) und Rathausgeschäftsleiter Peter Eberlein stehen am Rande des Gebiets auf der Panzerlochmatte. Für Pflegearbeiten wie die Mahd bleibt diese Art der Bodenbefestigung – alle anderen betonierten Flächen werden in Wiesen umgewandelt.
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Fledermäuse willkommen: Die Kästen sind schon montiert.
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Habitat für Zauneidechsen: Im Steinhaufen sollen sich die Reptilien wohlfühlen und überwintern. Die Wiesen drumherum mit Grashüpfer und Co. sind ihr kulinarisches Schlaraffenland.

Rundgang mit Planer

Naturschutz am Flugplatz – ein weites Feld

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Am alten Flugplatz bei Maisach wird gebaut. Nein, noch nicht die Umfahrung und erst recht nicht die Trabrennbahn. Es wird die Natur umgebaut.

Maisach – Zwei Rehe springen durchs Unterholz. Auf den Wiesen daneben ist es so ruhig, dass das Summen der Bienen fast schon zu laut ist. Im Sommer sorgen blühende Margeriten und Salbei für ein weißes Meer mit lilafarbenen Tupfen. Und jetzt im Herbst duftet der Thymian. Hier am alten Flugplatz im Süden von Maisach ist man mitten in der Natur – und doch auch wieder nicht.

Nirgendwo in Südbayern gibt es zusammenhängende Wiesenflächen in vergleichbarer Größe. Deshalb und wegen des Artenreichtums wurde das Gebiet im Jahr 2004 vom Freistaat Bayern als sogenanntes Flora-Fauna-Habitat-(FFH)-Gebiet nachgemeldet. In einer ersten Tranche waren alle möglichen Areale für das europaweite Netz an Schutzgebieten (Natura 2000) genannt worden. Doch das reichte nicht. Daher mussten mehr Flächen her – also wurden einfach Areale alter Flugplätze genannt. Das war gleichermaßen willkürlich wie praktisch.

„Da hat damals keiner daran gedacht, dass das zu Konflikten führen könnte“, sagt Landschaftsarchitekt Hans Michael Schober aus Freising. Er arbeitet seit 2009 im Auftrag der Gemeinde Maisach mit seinem Büro am Bebauungsplan für den Nordteil des alten Flugplatzes und koordiniert die Renaturierungsmaßnahmen. Denn in einem FFH-Gebiet stehen Pflanzen, Tiere und deren Lebensräume unter besonderem Schutz.

Flieger ade hieß es vor sieben Jahren in Maisach

Die Voraussetzungen waren gut. Dadurch, dass das Gebiet des Fliegerhorstes abgesperrt ist – ursprünglich natürlich für das Militär –, konnten sich hier Pflanzen und Tiere ganz besonders entwickeln. Sie hatten und haben Platz und viel Ruhe. Zwischen Sheltern, Rollbahnen und Munitionslagern konnten sich Trocken- und Magerrasenarten ausbreiten – noch verstärkt nach Ende des militärischen Flugbetriebs im Jahr 1997. 2010 verschwanden dann auch die zivilen Flieger.

Die Natur nutzte den Raum. Aus Rissen im Beton sprießt Mauerpfeffer. Andere Arten, die noch weniger Wasser brauchen, wachsen teilweise über die Rollbahn. Fledermäuse und Schwalben zogen in Ritzen und Shelter ein.

Doch jetzt wird in der Natur umgebaut. Denn um einen Ausgleich zu schaffen für den von Maisach fest eingeplanten Bau der Südumfahrung und die vielleicht irgendwann entstehende Trabrennbahn, müssen wertvolle Ausgleichsflächen geschaffen werden. Das heißt, die Natur wird an einigen Stellen neu gestaltet und somit aufgewertet.

Der Mensch greift in die Natur ein und macht sie damit zu einer besseren Natur? Hört sich unlogisch an, das gibt der Landschaftsarchitekt zu. „Aber man darf nicht vergessen: Das hier ist keine Natur. Das sind von Menschen gemachte Lebensräume.“

Der größte Teil des Rückbaus soll bis Ende 2017 abgeschlossen sein

Und nun greift wieder der Mensch ein. Die Waldstücke wurden gelichtet: Zum einen wurden nicht einheimische Baumarten reduziert, zum anderen die Ansitzwarten für Greifvögel dadurch reduziert. Das geschieht für die Feldlerche. Ein Brutpaar braucht etwa einen Hektar Fläche – und muss geschützt werden vor Gefahr von oben. Daher werden für die Feldlerchen große Gebiete entlang der künftigen Umfahrung ausgewiesen, möglichst weit weg von den Bäumen. Schober sagt, die Vögel werden sehr nah an der Straße brüten – „Autos sehen sie nicht als Gefahr“. Anders wäre es bei Spaziergängern und Hunden, aber die dürfen ja nicht ins Gebiet hinein.

Nah am Wald wohnt die Zauneidechse. Für sie wurden Gruben angelegt, einen Meter tief, fünf bis zehn Quadratmeter groß, mit Steinblöcken aufgefüllt. In den Gruben können die Zauneidechsen überwintern. Drumherum ist im Sommer ihr Jagdrevier, die Steine selbst sind ideal zum Sonnen.

Bis auf zwei Shelter werden alle anderen, auch alle Hallen und Lager abgerissen, sämtliche Hügel eingeebnet – gebraucht werden zusammenhängende Wiesen. Viel ist schon passiert, der größte Teil des Rückbaus soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. In den zwei verbleibenden Sheltern ist Platz für Maschinen der Landwirte, die Flächen gepachtet haben und Heu ernten. Die erste Mahd darf nicht vor Ende Juli erfolgen – dann ist das Mähgut zwar nährstoffärmer, aber die Pflanzen konnten ihre Samen vollständig ausbringen.

Dann erfolgt noch eine zweite Mahd. Früher durften die Landwirte in Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde sogar düngen – das ist jetzt verboten.

Alles hat Grenzen: Rehe dezimiert

In den Sheltern ist zudem Platz für Fledermäuse – sie haben schon Kästen an die Fassade geschraubt bekommen – und für Vögel. „Was kaum jemand weiß: Alle europäischen Vogelarten sind streng geschützt“, betont Schober. Daher sind auch für die Schwalbe und den Feldsperling Kästen aufgehängt, für die Dorngrasmücke wurde extra Weißdorn gepflanzt.

Wenn jetzt mancherorts gejammert wird, dass eine Staatsstraße und eine Trabrennbahn am FFH-Gebiet gebaut werden, dann kontert Schober: „Bis jetzt hat sich kein Mensch um das Gebiet gekümmert.“ Erst durch die geplante Nachnutzung erfolge jetzt die Aufwertung der Flächen. Zudem habe Maisach durch das Nachnutzungskonzept Wichtiges erreicht, ergänzt Rathausgeschäftsführer Peter Eberlein: „Die Flieger und der Fluglärm sind weg. Das ist der springende Punkt. Aber das haben einige Anwohner wohl schon vergessen.“ Mit dem Lärm manchmal quietschender Reifen (von BMW), dem Verkehr einer Umfahrung und zu einer Trabrennbahn könne man vergleichsweise leben.

Aber zurück zur Natur. Für den Schutz von Flora und Fauna am Flugplatz wird großer Aufwand betrieben – aber nicht in allen Fällen. Am Crash-Tor bei Gernlinden, wo früher die Feuerwehr schnell auf den Flugplatz kam, trifft man den für das Gebiet zuständigen Jäger. Er berichtet, dass zuletzt ziemlich viele Rehe abgeschossen werden mussten – BMW sehe die Tiere ungern über die Teststrecke springen.

Aufwendig werden Wiesen aufgepäppelt – bis sich ein Gleichgewicht einstellt

Die Wiesen im Nordteil des Flugplatzes werden gepäppelt. Mitte der Woche wurde – kurz nach der Mahd – die Grasnarbe streifenweise mit einem Kreiselgrubber aufgerissen. Dann übernahm eine Spezialmaschine die Ansaat von Arten der Salbei-Glatthaferwiesen. „Dadurch werden wir im Frühsommer eine Vergrößerung des Artenreichtums haben“, sagt Landschaftsarchitekt Hans Michael Schober.

Behandelte Flächen wechseln sich mit unbehandelten ab. Beim nächsten Mähen im August 2018 werden sich dann die Samen überall verteilen. Alle die Maßnahmen für Flora und Fauna müssen fruchten. Es gibt einen Pflegeplan, der vorgibt, wann nachgearbeitet werden muss. Und es gibt Erfolgskontrollen. Schober geht aber davon aus, dass die Arbeiten an den Flächen zurückgehen. „Sonst wäre es ja keine Natur, wenn wir ständig eingreifen müssten.“ Irgendwann werde sich ein Gleichgewicht einstellen. Insgesamt werden im Geltungsbereich des Bebauungsplans rund 63 Hektar an Fläche aufgewertet. Durch den Rückbau von Rollbahnen kommen rund sechs Hektar neue Wiese hinzu.

Die Südumfahrung, ein möglicher Aussichtsturm und Führungen mit Experten

Was passiert im nächsten Jahr auf dem Nordteil des alten Flugplatzes? Auf etwas weniger als der Hälfte des Taxiways wird die Maisacher Südumfahrung gebaut. Die Baustelle, das betont Rathausgeschäftsführer Peter Eberlein, wird komplett eingezäunt, sodass die Bauarbeiter gar keine Möglichkeit haben, die wertvollen FFH-Flächen zu beschädigen. Das Material aus dem Rückbau darf nur auf bestehenden Beton-Nebenflächen gelagert werden – die später ebenfalls zu Wiesen renaturiert werden. Gebaut wird in Vor-Kopf-Bauweise.

Die neue Staatsstraße wird zu beiden Seiten eingezäunt sein. Im Norden, um das FFH-Gebiet zu schützen, im Süden als Abgrenzung zum Fahrsicherheitszentrum von BMW und Polizei. Generell wird das ganze FFH-Gebiet auch künftig von einem Zaun umgeben sein. Doch Landschaftsarchitekt Hans Michael Schober ist sich mit Rathausgeschäftsführer Peter Eberlein einig: Auf irgendeine Weise muss das Areal für die Bevölkerung geöffnet werden. „Man muss den Leuten nahe bringen, was hier passiert“, sagt Schober. Gedacht wird deshalb an einen Aussichtsturm am Rande des alten Flugplatzes. Möglich wären auch Führungen mit Ornithologen und anderen Experten.

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