In seiner alten Wohnung im zweiten Stock war Zewdu W. eingesperrt. Jetzt, aus seinem neuen Zuhause im Erdgeschoss, kommt er endlich wieder ins Freie. Foto: Archiv osman

Welle der Hilfsbereitschaft

Neue Wohnung gibt Krankem neue Kraft

Maisach - Das Schicksal von Zewdu W., den eine tückische Krankheit an seine Wohnung in Maisach fesselte, hat die Tagblatt-Leser sehr bewegt. Unser Bericht löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Und tatsächlich fand der 50-Jährige das, was er sich am meisten wünschte: eine neue Wohnung. Von dort aus kommt er endlich wieder ins Freie.

Zewdu W. ist sichtlich aufgelebt. Seine Augen strahlen, seine Stimme klingt kräftiger als noch vor ein paar Wochen. „Gestern bin ich zwei Stunden mit dem Rollator spazieren gegangen, heute eine Stunde“, erzählt er.

Das ist nicht selbstverständlich. Der Äthiopier, der seit über 20 Jahren in Deutschland und seit neun Jahren in Maisach lebt, leidet an Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Die Krankheit zerstört nach und nach die Nervenbahnen, führt zu Muskelschwund, Lähmung und schließlich zum Tod. Seine alte Wohnung im zweiten Stock konnte der 50-Jährige nicht mehr verlassen – die Treppen waren einfach zu viel.

Eine neue Bleibe war nicht zu finden. „Ich habe damit gerechnet, dass ich dort eingesperrt bleibe“, sagt er.

Aber manchmal liegt das Gute unglaublich nahe. Seit ein paar Wochen wohnen Zewdu W. und seine Frau zwei Ecken von ihrer alten Wohnung entfernt, die Rückseiten der Grundstücke grenzen aneinander. Seine neue Vermieterin kannte ihn flüchtig – sie hatte sich schon gewundert, warum sie den 50-Jährigen so lange nicht mehr auf der Straße gesehen hatte. Als die Hausbesitzerin im Tagblatt von W.s Krankheit las, wurde zufällig gerade die Wohnung im Erdgeschoss frei.

Der frühere Vermieter entließ das äthiopische Ehepaar ohne Kündigungsfrist aus dem Mietvertrag. Und nicht nur das: Er übernahm die Renovierung der alten Wohnung auf eigene Kosten und bot an, überflüssig gewordene Möbelstücke für die W.s zu entsorgen.

Den Umzug spendete die Jesenwanger Firma „Kräftige Männer“, obwohl gar kein Termin frei war. Die Mitarbeiter erledigten das in ihrer Freizeit. Und da die neue Wohnung etwas teurer ist als die alte, gab es außerdem noch finanzielle Unterstützung von der Kette der helfenden Hände, der Hilfsaktion des Fürstenfeldbrucker Tagblatts.

Von ihrer Kirchengemeinde bekamen die W.s eine Couchgarnitur geschenkt. Eine alte Dame, die kein Konto besitzt, brachte 100 Euro in bar vorbei – einfach so, weil das Schicksal von Zewdu W. sie so anrührte. Und die neue Vermieterin will in den kommenden Monaten noch den Zugang zur Terrasse mit Hilfe einer Rampe barrierefrei gestalten.

Das Ehepaar ist überwältigt von der Hilfsbereitschaft. „Das ist einfach schön. Ich möchte mich bei allen herzlich bedanken“, sagt der 50-Jährige. Seine früheren Nachbarn haben ihn alle schon besucht, auch sein ehemaliger Vermieter und dessen Vater, dem Zewdu W. früher ab und zu bei der Gartenarbeit geholfen hat.

Zwei Kinder brachten zum Einzug Salz und Brot – ein Brauch, den die W.s vorher nicht kannten. Sie waren gerührt. „Das war wirklich toll.“

Am liebsten würde Zewdu W. sich irgendwie erkenntlich zeigen. Der Jurist und Buchautor überlegt, über seine Erfahrungen zu schreiben. Seine Frau hofft, dass sich der Verlauf der Krankheit verlangsamt, „weil er glücklich ist“. Auch Palliativmediziner Karlheinz von Jan und die Mitarbeiter des Ambulanten Palliativteams Fürstenfeldbruck sind froh, dass sich alles so wunderbar gefügt hat. Sie betreuen Zewdu W., haben ihn bei der Wohnungssuche unterstützt „und das Zehnfache an gutem Gefühl zurückbekommen“.

von Ulrike Osman

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