Ein altes Luftbild der US-Streitkräfte zeigt Bombenkrater vom Angriff (vergrößerter Ausschnitt) südöstlich des Ortes.

Mammendorf

Erinnerung an 1945: Die Zerstörung kam mit der Stunde Null

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Genau 75 Jahre ist es heute her, dass US-Soldaten den Landkreis einnahmen. Einer der Orte, in denen der 29. April 1945 besonders dramatisch verlief, war Mammendorf. Häuser brannten, Scheiben zerbarsten, Decken stürzten herab. Die Schäden gingen nur zum Teil auf das Konto der anrückenden Amerikaner. Auch die Wehrmacht richtete einiges an.

Mammendorf Noch am Tag vor dem Einmarsch wurde eine Einheit der Waffen-SS in den Ort verlegt. Sie richtete auf dem Haldenberg eine Abwehrstellung ein, ließ aber eines ihrer Fahrzeuge – bestückt mit einer Flugabwehrkanone – in der Espenstraße stehen. Es war wohl defekt. Dieses Fahrzeug entdeckten amerikanische Tiefflieger am letzten Kriegstag. Sie kamen von Hattenhofen. In Mammendorf schossen die US-Militärs acht Gebäude in der Umgebung der Espenstraße in Brand.

Ein Schwarzer Tag

Während des gesamten Krieges war der Ort von Feuer verschont geblieben. „Aber der Zusammenbruch brachte uns einen schwarzen Tag“, heißt es in der Feuerwehrchronik. Einer der Feuerwehrmänner von damals, die mit einer Hand- und zwei Motorspritzen die Brände bekämpften, war Kastulus Gantner. Sein Sohn Konrad, damals 14 Jahre alt, erinnert sich, dass gleichzeitig im Dorf die Angst vor einer Zerstörung der Maisachbrücke durch die Wehrmacht herrschte.

Sinnlose Sprengung

Einer der Offiziere hatte seinen Vater beruhigt – die Brücke werde nicht gesprengt. Doch als sich die Gantners vor den anrückenden Amerikanern in den Keller geflüchtet hatten, erschütterte eine Detonation die gesamte Umgebung. Die Waffen-SS-Leute hatten auf der Brücke Sprengstoff gezündet – allerdings einen technischen Fehler gemacht. Das Bauwerk hob sich lediglich etwas, blieb aber ansonsten fast unbeschädigt. Umso größer waren die Kollateralschäden dieser „völlig sinnlosen Maßnahme“, wie Mammendorfs Altbürgermeister und Heimatgeschichts-Experte Johann Thurner berichtet.

Keine Scheibe blieb heil

„Im ganzen Oberdorf gab es keine Fensterscheiben mehr, und von vielen Räumen fiel die Decke herab.“ Die ersten amerikanischen Panzer fuhren durch das Bachbett, da sie weitere Minen auf der Brücke befürchteten. Erst die nachfolgenden Fahrzeuge nutzten das nahezu unversehrte Bauwerk.

Die weiße Fahne

Der Gärtnermeister Sepp Schmid ergriff daraufhin die Initiative. Er ließ sich vom Obermesner Franz Xaver Sanktjohanser den Schlüssel zum Kirchturm der St. Nikolauskirche geben. Sepp Schmid rannte die Stufen hinauf und steckte eine weiße Fahne aus einem der Schalllöcher des Turms. Als Wehrmachtsangehörige auftauchten und androhten, die Fahne abzuschießen, zog er sie notgedrungen wieder herein. Kurz darauf hatten die letzten Nazis jedoch die Flucht ergriffen, und die weiße Fahne kam wieder zum Vorschein.

Der Eierkorb

Konrad Gantner erinnert sich, wie die amerikanischen Jeeps durch die Straßen rollten und die Soldaten auf der Suche nach Essbarem in die Häuser gingen. „Sieben, acht Mann kamen zu unserem Haus und schauten durchs Kellerfenster.“ Sie beschlagnahmten ein Körbchen mit Dutzenden Eiern. „Die Mutter hat ihnen hinterher geschrien: Lasst’s doch das Körberl da“, erzählt der 89-Jährige. Tatsächlich fand er kurz darauf das Körbchen am Straßenrand. Sogar ein paar Eier waren noch drin.

Gefangene Helfen

Ähnliches spielte sich im Gasthaus Giggenbach ab, wo französische Kriegsgefangene untergebracht waren. Als die amerikanischen Panzer durch den Ort rollten, jubelten die Gefangenen. Einer half jedoch den Dorfbewohnern, geplünderte Lebensmittel wiederzubekommen. Er rannte dem US-Soldaten, der sämtliche Eier aus der Küche der Gastwirtschaft geholt hatte, hinterher und brachte die Eier zurück.

Sorge um Fahrrad

Einige Offizielle wurden vorübergehend festgenommen, auch ein Polizeikommissar namens Knoll. „Von der Ladefläche des Jeeps aus rief er meinem Vater zu, wir sollten sein Fahrrad in Sicherheit bringen“, erzählt Konrad Gantner. Der 14-Jährige wurde geschickt, das Radl aufzulesen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch rannte er los. „Kurz vor dem Aussiedlerhof hab ich’s gefunden.“

Einquartierung

Die Amerikaner beschlagnahmten kurzzeitig rund 40 Häuser für ihre Soldaten. Für die Mammendorfer galt eine Woche lang eine strenge Ausgangssperre – nur zwischen elf und 13 Uhr durfte man sich auf den Straßen bewegen. Polizeikommissar Knoll wurde bereits wenige Tage nach seiner Festnahme auf seinem Posten in der Gendarmerie wiedereingesetzt. Einige Wochen nach Kriegsende wählten die Mammendorfer Kastulus Gantner zu ihrem Bürgermeister. 21 Jahre lenkte er die Geschicke des Ortes, viermal wurde er wiedergewählt.

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