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Sportstar nach Schicksalsschlag: Sie erobert im Rollstuhl die Welt

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Von: Peter Loder

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Mit Schwung: Quell beim Kugelstoßen 1984 bei den Paralympics in Stoke Mandeville (England). 
Mit Schwung: Quell beim Kugelstoßen 1984 bei den Paralympics in Stoke Mandeville (England).  © Repro Weber

Sie haben Herausragendes geleistet und Ruhm und Glanz in ihre Heimat gebracht: die berühmten Söhne und Töchter der Region. Dazu gehört Margit Quell aus Mammendorf, die mehrfach bei den Paralympics gewonnen hat.

Mammendorf – Es war ein heißer Sommer 1960. Nichts deutete bis Mitte Juli darauf hin, dass sich wenige Tage später für acht Kinder aus Mammendorf ihr Leben für immer verändern wird. Margit Quell war eines der Kinder. Das Mädchen hatte wenige Wochen zuvor den zwölften Geburtstag gefeiert, als ihr Heimatort zu einem Hotspot der in Oberbayern grassierenden Polio-Epidemie wurde. Von da ab musste sie ihr Leben im Rollstuhl meistern.

Der Rollstuhl ist kein Handicap

61 Jahre später sagt die mehrfache Paralympic-Siegerin: „Mit zwölf Jahren wurde ich aus einer schönen Kindheit gerissen. Ab da musste ich kämpfen.“ Und: „Der Sport hat mir geholfen.“ Sogar noch mehr: Die zehnfache Goldmedaillengewinnerin hat von Mammendorf aus die Welt erobert, bis auf Australien alle Kontinente bereist und die großen Hauptstädte gesehen. Dabei war und ist der Rollstuhl kein Handicap, sagt sie. Im Gegenteil: Ohne ihn wäre sie nicht die Margit Quell, die heute als 73-Jährige fitter denn je ist, lokalpolitisch Maßstäbe gesetzt und als Botschafterin des Landkreises weit über dessen Grenzen hinaus Impulse gegeben hat.

Mit Schultüte: Margit Quell 1954. 
Mit Schultüte: Margit Quell 1954.  © tb

Dabei fing alles ganz normal an. Geboren wurde sie als Tochter des Käsermeisters Andreas Schweiger. Mutter Frieda hatte zu Hause entbunden. Nach einer glücklichen Kindheit mit vier Geschwistern besuchte die Margit bis zur 6. Klasse die Grundschule. Bis sich das gefährliche Polio-Virus über das Trinkwasser verbreitete. Auch Quells ältere Schwester war erkrankt, hatte aber einen milderen Verlauf.

Margit Quell hingegen verbrachte eineinhalb Jahre im Schwabinger Krankenhaus, wurde dort für ein Leben im Rollstuhl vorbereitet und besuchte die Landesschule für Körperbehinderte in München. Mit sehr guten Noten beendete sie ihre Internatszeit, begann eine Banklehre und blieb dem Unternehmen als Vermögensberaterin bis zum Renteneintritt treu.

Eineinhalb Jahre in Schwabinger Klinik. 
Eineinhalb Jahre in Schwabinger Klinik.  © tb

Trotz des Schicksalsschlages wurde aus dem Kind ein lebensfroher Teenager. Als hübsches Mädl im Rollstuhl erregte sie Aufsehen, wenn sie mit ihrer Clique die damaligen Brucker Disco-Hochburgen Edi-Bar und Waldcafé besuchte, übers Volksfest rollte oder auf Münchens bekannten Faschingsbällen die Säle rockte. Doch ihr eigentliches Leben, das war der Sport.

Ihre internationale Karriere startete, als sie in Wien und England als Leichtathletin und Schwimmerin erste Triumphe feierte. 1968 folgten bei den Paralympics in Tel Aviv (Israel) – den dritten Handicap-Spielen überhaupt – Gold und Bronze im Brust- und Rückenschwimmen. Hätten die Wettkämpfe damals schon den medialen Stellenwert von heute mit täglichen Live-Übertragungen gehabt: Margit Quell wäre sicherlich der Superstar gewesen.

Holte sich drei Mal Gold im Rollstuhlrennsport 1988 bei den Paralympics in Seoul (Südkorea).
Margit Quell holte sich drei Mal Gold im Rollstuhlrennsport 1988 bei den Paralympics in Seoul (Südkorea). © Repro: Weber

Die Paralympics in Heidelberg, Toronto, Arnheim (Niederlande) und Stoke Mandeville (England) folgten. Mittlerweile hatte sich Quell zudem als überragende Leichtathletin einen Namen gemacht. Das Speerwerfen war ihre Domäne, doch Kugelstoßen und Marathon beherrschte sie ebenso perfekt.

Als dreifache Goldmedaillengewinnerin beendete sie 1988 in Seoul (Südkorea) ihre aktive Karriere. Nicht aber ihr Dasein in der paralympischen Familie, die sie in Barcelona, Atlanta, Athen, Turin, Peking, Vancouver, London, Sotschi, Rio de Janeiro und Pyeongchang dann in offizieller Funktion repräsentierte. Zuletzt verhinderte Corona den Besuch der Sommerspiele in Tokio. Auch die Winter-Paralympics in Peking wird sie verpassen.

Furore auf dem Tanzparkett

Der Sport hatte auch Einfluss auf ihr Privatleben. Ein Jahr nach ihrer Paralympics-Premiere in Tel Aviv hatte Margit Quell bei einem Basketballspiel ihren späteren Ehemann Bernd kennengelernt und 1969 in Fürstenfeldbruck geheiratet. Der damalige Bürgermeister Willi Buchauer vermittelte dem frischgebackenen Ehepaar eine Wohnung in der damals neu entstandenen Siedlung an der Konrad-Adenauer-Straße. 1971 wurde Tochter Tirza geboren, die später ebenso wie die Mama in der deutschen Rollstuhltanz-Szene für Furore sorgte. Margit Quell hatte nach ihrer Leichtathletik-Karriere mit ihrem Tanzpartner Carsten Lenz als mehrfache deutsche Meisterin geglänzt und wurde 1991 und 1993 in München und Oslo Europameisterin.

Rollstuhltanz Margit Quell
Glänzender Auftritt: Margit Quell gewinnt die 1. Europameisterschaft im Rollstuhltanzen 1991 in München zusammen mit Partner Carsten Lenz.  © Repro: Weber

Mutter und Tochter politisch aktiv

Mutter und Tochter verbindet eine politische Heimat in der SPD. Beide saßen im Mammendorfer Gemeinderat, Margit Quell außerdem noch von 1996 bis 2020 im Kreistag. Natürlich als Sportreferentin, aber auch als treibende Kraft für Barrierefreiheit und Inklusion. Ihr 1992 verstorbener Ehemann hatte sie zur SPD gebracht.

Verdienstorden: Quell mit Horst Seehofer 2014. 
Verdienstorden: Quell mit Horst Seehofer 2014.  © tb

Sportpolitische Ehrenämter übte sie als Schatzmeisterin beim Bayerischen Behinderten- und Versehrtensportverband aus, war Vorsitzende des SV Mammendorf – dort gründete sie 1984 die Schwimm-Abteilung – und Funktionärin beim Deutschen Rollstuhlsportverband. Auch mit dem Universitäts-Sportclub (USC) München ist ihr Name eng verbunden, nachdem sie 1975 ein Gründungsmitglied der Rollstuhlsport-Abteilung war. Seit 24 Jahren lebt Quell mit Tochter Tirza und Familie in einem rollstuhlgerecht gebauten Häuschen am westlichen Ortsrand – mit unverbauten Blick auf den Sportplatz.

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