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Die einzigen Fotos vom Zugunglück 1917: Eugen Drexler bewahrt sie auf. Die Mutter des 85-Jährigen hat die dramatischen Geschehnisse damals noch selbst erlebt.

Erinnerung an die Schreckensnacht vor 100 Jahren

Zugunglück in Nannhofen 1917: Er hat die einzigen Fotos von der Tragödie

Es war das bis dahin größte Zugunglück der bayerischen Geschichte: Vor 100 Jahren kollidierten am Bahnhof Nannhofen zwei Züge, 21 Menschen waren sofort tot. Fotos zeigen ein einziges Trümmerfeld. Die Geschichte zu den Bildern ist fast ebenso mysteriös wie die bis heute nicht geklärte Schuldfrage beim Unglück.

Helfer und Neugierige sind fassungslos angesichts der Zerstörung. Lok und Wagons sind zerstört. 21 Menschen tot.

Mammendorf Etwa zehn schon etwas vergilbte Fotos hat der Mammendorfer Eugen Drexler (85) in seinem Archiv. Die Bilder zeigen schreckliche Szenen: eine umgekippte Lok, völlig zerfetzte Waggons, Helfer, die durch das Trümmerfeld gehen. Es sind die Folgen des Zugunglücks, das sich am 18. April 1917 am Bahnhof Nannhofen ereignet hat (siehe unten). Immer wieder, wenn sich die furchtbaren Ereignisse jähren, sind die Bilder aus dem Besitz der Familie Drexler in den Zeitungen zu sehen.

Wer die Fotos vom Zugunglück in Nannhofen schoss, ist unbekannt

„Die Bahn hatte ursprünglich gar keine Aufnahmen“, erzählt der Mammendorfer. Doch das änderte sich vor 30 Jahren. Im Archiv von Drexlers Vater Jakob tauchten die Bilder auf. Die Bahn durfte sich Kopien machen und stellt sie seitdem im Rahmen der Berichterstattung über das Unglück zur Verfügung. Doch wo die Bilder wirklich herstammen, bleibt im Dunkeln. „Ich habe sie von meinem Vater bekommen“, berichtet Eugen Drexler. „Aber wer sie gemacht hat, das kann man heute nicht mehr nachvollziehen.“

Dass Jakob Drexler sie selbst gemacht hat ist praktisch ausgeschlossen. Am Tag des Unglücks war er gerade zehn Jahre alt. „Die Bilder sehen außerdem professionell aus“, sagt Eugen Drexler und verweist auf die in Postkartenoptik gestalteten Fotorücken. Dass sein Vater in den Besitz der Aufnahmen kam und sie später der Bahn für Kopien überließ, könnte mit dessen Beruf zusammenhängen. Der Nannhofener arbeitete im Gleisbau.

Große Aufruhr in der Nacht der Unglücksnacht

Nicht nur wegen der Fotos hat die Familie Drexlers einen besonderen Bezug zur Unglücksnacht. Seine Mutter Elisabeth, geborene Heigl, bekam den Unfall als 13-Jährige hautnah mit. „Meine Großeltern hatten die Schlosswirtschaft in Nannhofen“, erzählt der 85-jährige. Die lag ganz in der Nähe des Bahnhofs.

Der Unfall, der ein wahres Trümmerfeld hinterließ, geschah im dichten Schneetreiben.

In jener Nacht im April 1917 vernahm die Familie gegen 22 Uhr Lärm und Aufruhr. Schnell machte die Nachricht von dem Bahnunglück die Runde. Elisabeth Heigl berichtete in den Jahren danach nur spärlich von den Ereignissen. „Sie war keine große Erzählerin“, sagt ihr Sohn. Ein paar wenige Berichte hat er im Laufe der Jahre aber aufgeschnappt.

Eine Geschichte blieb ihm dabei besonders im Gedächtnis. „In der Schlosswirtschaft gab es drei Fremdenzimmer“, erzählt der Mammendorfer. Die Familie schnappte sich kurzerhand sämtliches Bettzeug aus den Räumen, zerriss es und brachte den Stoff als Verbandsmaterial an den Unfallort. Aber auch in der Küche der Gaststätte herrschte in dieser Nacht Großbetrieb. „Alle haben zusammengeholfen, um die Helfer zu verpflegen.“ Inzwischen sind die Erinnerungen Drexlers an die Erzählungen seiner Mutter ein wenig verblasst – anders als die Fotos, die weiter Zeugnis über jene schreckliche Nacht im April 1917 ablegen.

Zahlen und Fakten der Zug-Tragödie in Nannhofen

Dichtes Schneetreiben herrschte in der Nacht des 18. April 1917, als am Bahnhof Nannhofen gegen 22 Uhr zwei Züge kollidierten. 21 Menschen starben noch am Unfallort. Mindestens neun weitere – andere Berichte sprechen sogar von 16 – Tote gibt es in den Tagen darauf zu beklagen. Wegen der schlechten Sichtverhältnisse soll der Zugführer eines aus Straßburg kommenden Militärzuges ein Halte-Signal übersehen haben. Er raste ungebremst in einen aus München kommenden Eilzug, der die Strecke gerade freimachen wollte. Gegen den Lokführer des Eilzugs und gegen den Oberstellmeister, der das Halte-Signal nach eigener Aussage gegeben hatte, wurde Anklage erhoben. Da es bei den Aussagen während des Prozesses zu Widersprüchen kam, ist die Schuldfrage bis heute nicht geklärt. Die Angeklagten wurden freigesprochen.

von Andreas Daschner

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