Fast ein bisschen zu wuchtig neben dem Seitenschiff wirkt der Turm von St. Sebastian in Oberdorf.
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Fast ein bisschen zu wuchtig neben dem Seitenschiff wirkt der Turm von St. Sebastian in Oberdorf.

Serie: Die Glocken von Mittelstetten

Filialkirche Oberdorf: Berühmte Schwestern-Glocken läuten in Köln und Nazareth

  • Ulrike Osman
    VonUlrike Osman
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Der Turm wirkt fast zu wuchtig für das kleine Kirchenschiff. Das hat den Vorteil, dass St. Sebastian nicht aussieht wie jede andere Kirche – man schaut zweimal hin. Und das ist nicht das einzig Bemerkenswerte an der Filialkirche in Oberdorf: Sie hat eine bewegte Geschichte, und ihre Glocken haben berühmte Verwandte.

Oberdorf – 1690 wurde der barocke Saalbau mit Zwiebelturm am östlichen Rand von Oberdorf errichtet. Doch schon 14 Jahre später ging die Kirche in Flammen auf – es tobte der Spanische Erbfolgekrieg, in dem das Kurfürstentum Bayern zusammen mit Frankreich gegen eine Allianz der Mächte Österreich und England kämpfte. Ob erst nach Kriegsende oder schon vorher – die Quellen sind sich uneins –, jedenfalls bauten die Oberdorfer ihre Kirche wieder auf. Seither ist sie von größeren Katastrophen verschont geblieben.

Mehrere Renovierungen im Laufe der vergangenen 70 Jahre sorgten dafür, dass St. Sebastian heute in gutem Zustand dasteht. Erhalten sind sogar die 300 Jahre alten Barock-Fenster. Eine Verschalung aus Eichenholz schützt sie vor Wettereinflüssen.

Die beiden Glocken: Das Geläut ist nur über vier Leitern zu erreichen.

Was die Geschichte der Glocken betrifft, ist Detektivarbeit gefragt. Katharina Schlamp vom Verein Dorfbelebung Mittelstetten, die für eine Broschüre über alle Glocken im Gemeindegebiet recherchiert, hat noch nicht auf alle ihre Fragen Antworten gefunden. Sicher ist: Im Turm von St. Sebastian hängen zwei Glocken.

Eine erinnert laut Aufschrift an „Sebastian und Peter“. Gemeint sind nicht die gleichnamigen Heiligen, sondern ein örtlicher Bauer und sein Sohn und Hoferbe, der im Alter von nur 30 Jahren starb. Die Witwe und Mutter, Anna Schamberger, stiftete die Glocke im Jahr 1926. Gegossen wurde sie in der Glockengießerei der Gebrüder Rupert und Rudolf Oberascher in Salzburg. 1899 übernahm der Traditionsbetrieb zudem die Werkstatt des Münchners Josef Strasser und schuf unter anderem das bekannte Glockenspiel für das Rathaus am Marienplatz.

Schmucker Innenraum: Erhalten sind sogar die Barockfenster.

Die zweite Oberdorfer Glocke ist im Vergleich zur ersten größer, schwerer und jünger. Vor genau 70 Jahren entstand sie in der Gießerei Czudnochowsky in Erding. Von hier stammen alle drei Glocken der Mittelstettener Kirche, außerdem die mit sieben Tonnen größte der Glocken im Alten Peter in München sowie Exemplare in St. Ottilien und im Kölner Dom. 1873, als der Betrieb noch Bachmair hieß, wurde hier die zehn Zentner schwere Ave-Maria-Glocke für die Franziskanerkirche in Nazareth gegossen.

Katharina Schlamp vermutet aufgrund der Entstehungsjahre, dass in beiden Weltkriegen je eine der Oberdorfer Glocken beschlagnahmt und eingeschmolzen wurde. Dass es bereits im 19. Jahrhundert zweistimmig vom Turm getönt haben muss, besagt eine Inventarliste von 1846.

Per Seil bedient Mesnerin Elisabeth Hauser die beiden Glocken.

Heute geschieht das nur noch alle fünf Wochen, wenn in Oberdorf Messe gefeiert wird. Eine Viertelstunde vor Beginn erklingt das Läuten in gemessenem Tempo. Kurz bevor die Messe startet, schlagen beide Glocken stürmisch, um diejenigen Gläubigen zur Eile zu mahnen, die noch nicht in der Kirche sitzen.

Doch welche Töne hört man eigentlich? Für diese Frage ist das Amt für Kirchenmusik in Augsburg zuständig. Dort gibt es allerdings über die Oberdorfer Glocken keine Unterlagen, wie Katharina Schlamp festgestellt hat. Die Tonhöhe dürfte sich trotzdem bestimmen lassen – indem man den Klang mit dem Handy aufnimmt und als Audiodatei an die Glocken-Experten schickt. Der Verein Dorfbelebung hofft, dass die Antwort vorliegt, bevor die Broschüre in Druck geht.

Ende der Serie: Bei „Die Glocken von Mittelstetten“ stellte das Tagblatt mit dem Verein Dorfbelebung die Glocken aller sechs Gotteshäuser und ihre Geschichte vor. Der Verein wird seine Recherchen bald als Broschüre veröffentlichen. Mit dieser Folge zu Oberdorf endet die sechsteilige Serie.

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