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Historisches Schneechaos in Oberbayern: B2 komplett gesperrt - Augenzeugin beschreibt chaotische Zustände

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Von: Thomas Steinhardt, Tobias Gehre

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Abschleppdienst im Dauereinsatz
Abschleppdienste waren im Dauereinsatz. Hier wird ein Transporter bei Moorenweis aus dem Acker geborgen.  © Auto Schweitzer

Der Wintereinbruch vom Dienstag hat zahlreiche Autofahrer kalt erwischt. Schneewehen brachten den Verkehr zum Erliegen. Mehrere Stunden mussten Autofahrer auf der B 2 ausharren.

Landkreis – Oliver Erhardt muss lange zurückdenken, um sich an eine ähnliche dramatische Wetterlage zu erinnern. „Seit über 20 Jahren hatten wir so etwas nicht mehr“, sagt der Verkehrs-Experte der Brucker Polizei.

Schneechaos in Bayern: „Seit über 20 Jahren hatten wir sowas nicht mehr“

Dass auf der B 2 über Stunden fast gar nichts mehr ging, lag laut Erhardt an einer Verkettung unglücklicher Umstände. Angefangen hat alles mit einem österreichischen Sattelschlepper, der gegen 11.30 bei Puch die B 2 blockierte. Dadurch sei auch der Winterdienst nicht mehr durchgekommen. In der Folge habe sich der Schnee durch den starken Wind immer höher auftürmen können – bis zu einem halben Meter hoch. In diesen Schneewehen seien dann andere Fahrzeuge stecken geblieben.

Bei Schneechaos: Havarierter Sattelzug wird flott gemacht - und stellt sich wieder quer

Ähnliches passierte am anderen Ende der betroffenen Strecke bei Mittelstetten. Dort sorgte ein havarierter Sattelzug aus Estland dafür, dass die Bundesstraße dicht war. Die Fahrt des Brummis stand an diesem Tag unter keinem guten Stern. Nachdem der Abschleppdienst den Lkw wieder flott gemacht hatte, stellte sich dieser nach 30 Metern wieder quer, wie Erhardt berichtet. „Die Lkw hatten Allwetterreifen aufgezogen. Das hat an diesem Tag nicht gereicht.“

Der Verkehrsexperte der Brucker Inspektion schätzt, dass insgesamt mindestens 100 Fahrzeuge betroffen waren – darunter auch ein voll besetzter Schulbus. Die Fahrer seien überwiegend sehr geduldig gewesen, berichtet Erhardt, der sich selbst vor Ort ein Bild der Lage gemacht hatte. Manche hätten sogar anderen geholfen. Erhardt berichtet vom Fahrer eines Geländewagens, der Autos aus dem Schnee zog.

Bei Unfällen auf spiegelglatten Straßen wurden mehrere Menschen verletzt. 
Bei Unfällen auf spiegelglatten Straßen wurden mehrere Menschen verletzt.  © Auto Schweitzer

Ein wahres Chaos herrschte auch bei Geltendorf. Dort hatten sich am Nachmittag rund 60 Autos festgefahren. Ein Großaufgebot der Feuerwehr half, die Wagen wieder flott zu machen. Die Straße musste dazu gesperrt werden.

Schneechaos im Landkreis Fürstenfeldbruck: Großaufgebot der Feuerwehr im Einsatz

Insgesamt ging das Schneechaos für die meisten Betroffenen glimpflich aus. Einige Verkehrsteilnehmer wurden aber auch leicht verletzt. So etwa zwei Autofahrer, die gegen 17 Uhr auf der Kreisstraße FFB 7 bei Schöngeising miteinander kollidierten. Ein 26-Jähriger geriet auf schneebedeckter Fahrbahn ins Schleudern und kam in den Gegenverkehr. Dort war eine 64-Jährige unterwegs. Die Frau musste leicht verletzt ins Krankenhaus gebracht werden. Der Schaden liegt laut Polizei bei 15 000 Euro.

Schneechaos in Bayern: Bis zu 90 Minuten Verspätung bei Bussen

Drei Verletzte gab es bei einem Frontalcrash nahe Wenigmünchen. Dort geriet ein 57-Jähriger in den Gegenverkehr. Sowohl er als auch die Insassen des anderen Autos wurden leicht verletzt. Den Schaden schätzt die Polizei auf rund 35 000 Euro. Ein 36-Jähriger aus Adelshofen krachte gegen 18 Uhr zwischen Moorenweis und Jesenwang gegen einen Baum. Der Mann blieb unverletzt. Der Schaden: rund 3000 Euro.

Zahlreiche Autos landeten wegen der Schneewehen im Graben. 
Zahlreiche Autos landeten wegen der Schneewehen im Graben.  © Auto Schweitzer

Das Schneechaos hatte auch große Auswirkungen auf den Busverkehr im Landkreis. Ein Phänomen wie jetzt mit den Schneewehen habe man so noch nie gehabt, sagt Hermann Seifert, ÖPNV-Experte im Landratsamt. Die Busse seien teils im Stau gestanden, teils habe man versucht, die B2 auf anderen Routen zu umgehen – etwa über Jesenwang nach Mammendorf.

Die Busunternehmen hätten teils auch mit den Schulen Kontakt aufgenommen, damit diese wussten, was auf Schüler am Heimweg zukommen könnte. Insgesamt habe sich der ÖPNV wahnsinnig schwer getan, es sei zu starken Verzögerungen gekommen. „80 bis 90 Minuten Verspätung, das ist schon bombastisch.“

Im Dauereinsatz waren Nico Bebst und sein Team vom Abschleppdienst Auto Schweitzer. „Ich mache das jetzt ja auch schon seit ein paar Tagen, aber sowas haben wir noch nie gehabt.“ Einige Mitarbeiter seien spontan aus der freien Woche in die Arbeit geeilt, um zu helfen, erzählte Bebst.

Ein Bulldog half bei Vogach, einen Linienbus wieder flott zu machen. 
Ein Bulldog half bei Vogach, einen Linienbus wieder flott zu machen.  © Thomas Huber

Der schlimmste Einsatz sei der mit dem Lastwagen bei Mittelstetten gewesen. Weil Autofahrer versuchten, vorbei zu kommen, habe der Abschleppdienst einen Riesen-Umweg machen müssen, um wieder zu dem havarierten Lkw zu gelangen. Andererseits seien viele Autofahrer auch vernünftig gewesen. Wieder andere wendeten auf der B2, manche wichen wegen der starken Verwehungen auf die andere Fahrbahn aus und kamen dem Abschleppdienst so entgegen. Bebst lobt die Zusammenarbeit mit der Polizei, die teils ihre Autos vorangeschickt habe, um den Weg frei zu machen.

Nico Bebst konnte zudem beobachten, wie das Rote Kreuz Menschen in ihren Autos versorgte – auch wenn offiziell kein Versorgungsnotfall ausgerufen worden war. Sein Fazit: „Es war dramatisch.“

Schneechaos in Oberbayern: Augenzeugin berichtet - „War Gott sei dank warm angezogen“

Vier Stunden lang befand sich Sabine Kastner am Dienstag praktisch im Auge des Sturms. Nun erzählt sie von chaotischen Momenten inklusive Linksverkehr auf dem Weg von Fürstenfeldbruck bis Althegnenberg.

Auf der B 2 war um die Mittagszeit am Pucher Berg schon alles dicht. Also fuhr Sabine Kastner über Puch, Aich und Landsberied nach Mammendorf. Dort angekommen dachte sie sich: „Super.“ Denn die Straße war frei. Allerdings nicht lange. Denn nach der Ortsdurchfahrt begann das wahre Chaos. Der Schnee wehte die Seitenfront ihres Wagen komplett zu. Abschlepp-Autos fuhren vorbei, genau wie ein Räumfahrzeug – und sie kamen wieder zurück.

Sabine Kastner: Im Radio im Auto habe sie gehört, was wegen des Schnees alles gesperrt ist. „Das war wie ein Roman.“
Sabine Kastner: Im Radio im Auto habe sie gehört, was wegen des Schnees alles gesperrt ist. „Das war wie ein Roman.“ © privat

Dann ging es ein paar Meter weiter. Als sie auf der Bahnbrücke angelangt war, herrschte endgültig Stillstand – für lange Zeit. Die Polizei kam und fuhr wieder. Dann habe es geheißen, man solle sich bis Hattenhofen durchkämpfen und von dort aus auf die umliegenden Dörfer ausweichen.

Denn die B2 bei Mittelstetten war wegen eines liegengebliebenen Lkw komplett dicht. Die Zeiten, in denen nichts vorwärts ging, vertrieb sich Sabine Kastner mit Telefonaten mit Freundinnen und einer Arbeitskollegin – und sie daddelte auf dem Handy. „Ich hatte außerdem Salat mit Besteck dabei und war Gott sei dank warm angezogen. So ging es mir nicht schlecht.“

Der Sprit wurde allerdings immer knapper. Schließlich entschied sie sich wie einige Autofahrer vor ihr, auf der Gegenfahrbahn Richtung Hattenhofen zu rollen, vorbei an liegengebliebenen Lkw und vorbei an Autos, die ihrerseits auf der Gegenfahrbahn fuhren. Sabine Kastner: „Das war wie Linksverkehr.

Schneechaos im Landkreis Fürstenfeldbruck: „So etwas habe ich noch nie erlebt“

Die anderen fuhren rechts an mir vorbei. Aber irgendwann wollte ich da raus“, sagt die Althegnenbergerin. Nicht verstanden habe sie, warum die Polizei nicht dablieb, um das Chaos zu entzerren. „Aber wahrscheinlich hatten die auch was anderes zu tun.“ Schließlich gelangte sie nach Hattenhofen, wo ihr Freund auf sie wartete, um sie nach Hause in Althegnenberg zu geleiten. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Das Hauptproblem seien die Lkw gewesen, die nicht mehr vorwärts kamen.

Sabine Kastner fährt die Strecke täglich. Normalerweise ist sie in gut 20 Minuten zu bewältigen. Immer wieder komme es dort zu Schneeverwehungen. Man müsse überlegen, ob mehr Schneezäune nicht hilfreich wären, denkt sie. Andererseits sei der Schnee durch die vorhandenen Zäune durchgerauscht wie nix. Nach vier Stunden Schneechaos im Westkreis war Sabine Kastner daheim – und zeigte sich am Ende ein wenig amüsiert. Im Autoradio habe sie gehört, was wegen des Schnees alles gesperrt war. „Das war wie ein Roman.“

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