Der 93-jährige Konrad Kästle malt noch jeden Tag. Als seine Lehre zum Kirchenmaler begann, war er 13 Jahre alt.
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Der 93-jährige Konrad Kästle malt noch jeden Tag. Als seine Lehre zum Kirchenmaler begann, war er 13 Jahre alt.

Mittelstetten

Kirchenmaler mit 80 Jahren Berufserfahrung

  • Ulrike Osman
    VonUlrike Osman
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In acht Jahrzehnten hat er es an Pinsel und Spatel, mit Farben und Blattgold zur Meisterleistung gebracht: Kirchenmaler Konrad Kästle aus Vogach. Er hatte mit Millionären und Kirchenfürsten zu tun. Doch er ließ sich nie aus der Ruhe bringen. Noch heute arbeitet der 93-Jährige jeden Tag an seinen Bildern.

Vogach – Es war an einem kalten Wintertag Anfang 1941, als Konrad Kästle in seinem Heimatort Gundelfingen bei Restaurationsarbeiten in einer kleinen Kirche zuschaute. Fasziniert beobachtete er, wie Figuren hergerichtet und Altäre ausgebessert wurden. „Willst du auch sowas machen?“, fragte der Chef der Handwerker den Buben. Im selben Jahr begann der damals 13-Jährige eine Lehre als Kirchenmaler.

80 Jahre ist das her. Heute ist Konrad Kästle 93. Er hat in vielen Kirchen gearbeitet, in Klöstern und in den Villen von Superreichen. Aber er will deswegen kein Aufhebens machen. „Ich bin auch nichts anderes als andere“, sagt er bescheiden.

Wenn er so auf der selbstangelegten Terrasse seines Häuschens in Vogach sitzt, ins üppige Grün rund um den Fischteich schaut und von seinem Werdegang erzählt, hört man eher glückliche Fügungen heraus als strategische Planung. Seine Ausbildung wurde vom Kriegsdienst unterbrochen. Mit 16 wurde er noch eingezogen, ein Jahr später war der Irrsinn vorbei. Kästle beendete seine Ausbildung als Kirchenmaler, Fassmaler und Vergolder. Nach kurzer Zeit bei seiner alten Firma ging er als Geselle nach München, wo es mehr für ihn zu tun gab.

In einem Café am Lenbachplatz traf er eine junge Berlinerin namens Gisela, die dort hinter der Theke arbeitete. 70 Jahre ist er inzwischen mit ihr verheiratet. Auch sie hat dieses Jahr ihren 93. Geburtstag gefeiert. „Wir haben immer Glück gehabt“, sagt Gisela Kästle.

Aus ihrem ersten gemeinsamen Zimmer zogen die beiden in eine Wohnung in der Nähe des Sendlinger Tors. Aus dem Küchenfenster konnten sie auf den Stachus schauen. Konrad Kästle machte sich selbstständig und übernahm Restaurationsarbeiten in vielen repräsentativen Gebäuden. In der Asamkirche, im Bürgersaal, an der Fassade der Residenz, im Alten Peter und in etlichen weiteren Kirchen hat er seine Spuren hinterlassen.

Das Vergolden

Seine besondere Stärke war das Vergolden. Sein alter Chef hatte ihm Tricks beigebracht, die sonst niemand kannte. Außerdem entwickelte Kästle in jahrelanger Arbeit ein Verfahren zum Lackieren von Decken, das sie glatter aussehen ließ als die Motorhaube eines Neuwagens. Konkurrenten versuchten, es ihm nachzumachen, schafften es aber nie.

Kästle schloss Freundschaften, keine Seilschaften. Über einen befreundeten Bildhauer und einen Architekten ergaben sich immer neue schöne Aufträge. Der zweifache Vater übernahm die künstlerische Ausgestaltung der Bierstuben im Kloster Andechs, war für die Familie Swarovski in Österreich tätig und verzierte eine Villa des bayerischen Molkerei-Millionärs Meggle mit Deckengemälden und Stuckleisten.

Wer war einfacher im Umgang – die kirchlichen Auftraggeber oder die schwerreichen Privatleute? „Die privaten“, antwortet Kästle wie aus der Pistole geschossen. „In den Klöstern waren sie sich meistens nicht einig.“ Seinen Privatkunden bescheinigt er rückblickend eine unglaubliche Geduld. Allein mit der der Ausgestaltung der Meggle-Villa in Wasserburg sei er sechs oder sieben Jahre beschäftigt gewesen. Hetzen ließ er sich nicht bei der Arbeit. Und wenn er zwischendurch mal eine Woche frei machen wollte, dann war das so.

1971 zogen Konrad und Gisela Kästle in den Mittelstettner Ortsteil Vogach. Auch das ergab sich durch einen Freund. Der hatte in der Nähe ein Gut und wollte die beiden gern nahe bei sich haben. Er half dem Paar beim Um- und Ausbau des ehemaligen Austragshäusls, das zum Mesner-Anwesen neben der St.-Johannes-Kirche gehört.

Hier lebt das Ehepaar noch immer selbstständig, zusammen mit Hündin Bella, zwei Katzen, vier Hühnern und den Fischen im Teich. Konrad Kästle malt noch jeden Tag, seine Frau spielt Klavier. Enkel haben die beiden nicht, aber ihre Tochter kommt oft zu Besuch.

Ihren Sohn mussten sie schon zu Grabe tragen, er starb mit 62 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Mit ihm hat Konrad Kästle früher viel zusammengearbeitet. „Er war ein guter Maler“, sagt der Senior und schaut in die Ferne. „Besser als ich.“

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