Umstrittene Studie

Landratsamt mahnt soziale Brennpunkte im Heile-Welt-Dorf an

Mittelstetten – Ist Mittelstetten ein sozialer Brennpunkt, ohne das es jemand bemerkt hat? Diesen Verdacht legt jedenfalls eine Untersuchung des Landratsamtes nahe, wonach es in der sechstkleinsten Kreisgemeinde erhebliche familiäre Probleme geben müsste. Auf einem so genannten Jugendhilfe-Index rangiert der Ort nach der Stadt Bruck und noch vor Puchheim mit einem Wert von 1,9 an unrühmlicher zweiter Stelle. Zum Vergleich: Die Nachbarn in Egenhofen sind mit minus 0,5 der positive Spitzenreiter.

Das Jugendamt in der Kreisverwaltung hatte anhand der Bevölkerungszahlen und eigener Daten eine Sozialraumanalyse erstellt und als deren Ergebnis einen Belastungsindex errechnet. Aus Faktoren wie Arbeitslosenquote, Ausländeranteil, Alleinerziehenden-Zahl und Quote der Sozialleistungsempfänger wurde zunächst ein allgemeiner Sozialbelastungsindex konstruiert. Hier liegt Mittelstetten noch im Mittelfeld. Spitzenreiter sind Puchheim, Bruck und Germering. Am heilsten ist die Welt demnach in Landsberied, Kottgeisering und Alling.

Anders das Ergebnis beim Jugendhilfe-Index, bei dem die eigenen Daten der Fachleute einfließen. Etwa die so genannten Gefährdungsmeldungen, wenn also Nachbarn, Erzieher oder Lehrer den Verdacht haben, dass es Kindern (und Jugendlichen) zuhause nicht gut geht. Mit 0,9 Prozent aller unter 18-Jährigen liegt Mittelstetten hier einsam an der Spitze, selbst Bruck und Puchheim bringen es nur auf 0,5 Prozent. Landsberied (0,0) war in den Untersuchungsjahren 2012 mit 2014 die einzige Gemeinde ohne solche Meldungen.

Ganz vorne war Mittelstetten prozentual auch bei den ambulanten Hilfen zur Erziehung, wenn etwa das Jugendamt eine sozialpädagogische Fachkraft zur Beratung in die Familien schickt. Und bei den teilstationären Hilfen, wenn ein Kind vorübergehend aus dem Elternhaus genommen werden muss. Wirkliche „Inobhutnahmen“ gab es allerdings hier genauso wenig wie im restlichen westlichen Landkreis – mit Ausnahme von Jesenwang und Maisach.

Grundlage für die Analyse waren Zahlen aus den Jahren 2012 mit 2014, je nach Index-Faktor wurden nur Minderjährige oder auch Heranwachsende bis zum Alter von 22 herangezogen. Das Interesse an der Fleißarbeit hielt sich offenbar in Grenzen. Einzig Puchheim lud die Autorin der Studie ein, um sich die Zahlen im zuständigen Sozialausschuss des Stadtrats erläutern zu lassen. Dort wurde die Analyse als Daten-Grundlage für weitere Planungen vorgestellt, allerdings auch betont, dass die Ergebnisse aus den kleinen Dörfern – aufgrund der geringen Fallzahlen – nur beschränkt aussagekräftig seien.

Nach den Zahlen des Landratsamtes, das für Mittelstetten auch einen Bevölkerungsrückgang von 2,1 Prozent in den Jahren 2009 bis 2014 ermittelt hatte – Quellen waren das Landesjugendamt für Statistik und eigene Berechnungen – gab es 2014 knapp über 300 Nicht-Volljährige im Ort. Jeder Fall mehr oder weniger verschlimmert oder verbessert die Bilanz mithin um 0,3 Prozent. Man könnte also fragen, was solche Momentaufnahmen und kommunale Rankings bewirken sollen.

Bei Mittelstettens Bürgermeister Andreas Spörl (CSU) offenbar nicht viel. Er hatte weder Gesamt-Sozialbilanz noch Jugendhilfe-Index im Gemeinderat diskutieren lassen und sah auf Tagblatt-Anfrage zunächst auch keinen Anlass, sich zu sorgen: „Wer Mittelstetten kennt, weiß, dass es die Familien gut haben.“ Nach Rücksprache mit dem Jugendamt hielt er es aber für sinnvoll, die für die Jahre 2015 bis 2017 geplante Fortschreibung abzuwarten.

Spörl ist sicher, dass sich die Zahlen nicht verfestigen. Wenn sie heute schon signifkant wären, erfuhr er in Bruck, wäre man auch schon auf die Gemeinde zugekommen. Fragen will das Jugendamt nur beantworten, wenn sie vorher schriftlich eingereicht worden wären.

Feiner raus ist da Alt-Bürgermeister Ernst Presser, dessen letzte Amtsjahre untersucht wurden, der aber von keinem Besorgnis erregenden Fall weiß: „Da wird im Landratsamt wieder eine Planstelle geschaffen worden sein.“ (op)

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