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Der Spezial-Sport der Kupferplattler

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Kupferplattln Mittelstetten: Fachsimpeln am Plattl-Platz an der Feuerhausstraße in Mittelstetten: (v.l.) Andreas Kink, Thomas Euringer, Steffi Huber und Hansi Kink.
Fachsimpeln am Plattl-Platz an der Feuerhausstraße in Mittelstetten: (v.l.) Andreas Kink, Thomas Euringer, Steffi Huber und Hansi Kink. © Peter Weber

In Mittelstetten weiß jedes Kind mit dem Namen etwas anzufangen, aber außerhalb des kleinen Orts dürfte man bei dem Begriff „Kupferplattler“ auf Befremden stoßen. Was soll das sein? Spezialisierte Schlosser? Volkstümliche Tänzer? Nein, die Kupferplattler betreiben eine urbairische Sportart.

Mittelstetten – Für Bayern typische „Sportarten“ sind Fingerhackeln und Maßkrug-Stemmen. Doch in Mittelstetten gibt es die Kupferplattler. Sie haben ein besonderes Gerät: eine sechseckige, 500 bis 800 Gramm schwere Scheibe aus reinem Kupfer. Mit der soll ein in einiger Entfernung aufgestelltes Holzteil, die Daube, getroffen werden – zumindest soll man so nah wie möglich herankommen.

Fast 200 Aktive begeistern sich laut Verein für diese seltsame Abart von Boccia, Kegeln oder Stockschießen. Darüber, woher die Tradition ursprünglich stammt, gibt es verschiedene Legenden. Am geläufigsten ist die Version, wonach ursprünglich einige gelangweilte Bayerwäldler auf den Gedanken kamen, mit flachen Steinen auf ein Objekt zu werfen. Dem widerspricht die Tatsache, dass man bei einigen österreichischen Nachbarn schon lange die Tradition pflegt, mit ausgeschnittenen Ofenrohr-Ringen Maß zu nehmen. Wieder andere siedeln die Väter des Plattelns in Eisenbahner-Kreisen an, wo ja viel Zeit für ein Hobby bleibe und wenn man doch zu tun habe, dann eben mit Metall. Tatsächlich arbeiteten zwei der Vereinsgründer im Neuaubinger Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn.

Was macht einen guten Plattler aus? Treffsicherheit natürlich, Ausdauer, „a bissl Schmalz“ schadet auch nicht, findet Vereinschef Christian Kink. Der mehrfache Clubmeister und Gründungsvorsitzende Ernst Presser nennt augenzwinkernd zusätzlich Trinkfestigkeit, spricht aber auch von einer gewissen Technik, die man sich aneignen müsse.

Kupferplattln Mittelstetten: Der Vorsitzende macht einen Wurf vor.
Der Vorsitzende macht einen Wurf vor. © Peter Weber

Das Wurfgerät ruht vor dem Abwurf auf drei Fingern, wird vom Daumen fixiert und mit dem Zeigefinger umschlossen. Und Letzterer gibt bei den Profis unter den Plattlern dem abfliegenden Teil einen gewissen Effet mit. Bei Anfängern wird eher darauf geachtet, dass keine Mitspieler oder Zuschauer im Weg stehen oder gehen. Von einem beschleunigten Kilo Kupfer getroffen zu werden, merke man definitiv, formuliert es Kink. Verletzte sollen aber noch nie zu beklagen gewesen sein.

Für jeden direkten Treffer auf die Daube gibt es sechs Punkte, dann immer drei Zähler für das jeweils nächstliegende Plattl. Zwei Mannschaften mit bis zu fünf Spielern treffen aufeinander, Sieger ist, wer zuerst 15 Punkte erreicht hat.

So zumindest das Reglement in Mittelstetten. Dort kommen zur traditionellen Saisoneröffnung „Gast-Mannschaften“ von Feuerwehr, Grashoppers und Schützenverein und gewinnen nicht immer nur Erfahrung, wenngleich die Platzherren natürlich Favoriten sind. Bei Auswärtsbegegnungen – eigentlich gibt es nur den alljährlichen Alpin-Cup mit den ofenrohrschwingenden Tirolern – kann es andere Wertungsmöglichkeiten geben.

Die Gerätschaften für die besondere Sportart.
Die Gerätschaften für die besondere Sportart. © Peter Weber

Ein Verband, der über das korrekte Plattln wachen könnte, existiert natürlich nicht. Um die in Mittelstetten lebenden Eisenbahner Sepp Kink und Bep Kurz war die erste Plattler-Clique entstanden, irgendwann stieß auch Ernst Presser hinzu, der als Bub nach dem Krieg in der Münchner Trümmer-Landschaft ein ähnliches Zielwerfen gespielt hatte – mit Steinen auf Steine.

1994 hoben 15 – nach anderer Version 28 – Gründungsmitglieder den Verein aus der Taufe. Ein Jahr später wurde an der Glonn eine Wiese gepachtet, die heute noch als Vereinsgelände dient. In Eigenregie entstanden seitdem mehrere, teils umgenutzte Gebäude: Ein alter Schafwagen wurde zum Klohäusl, ein ausrangierter Verkaufspavillon zum Allzweckraum, mit Holzspenden von örtlichen Bauern wurde die erste richtige Vereinshütte gezimmert. Bei manchen Bauten dagegen will man vielleicht gar nicht so genau wissen, woher das Material stammt, wie bei den Leitplanken, die als Einfassung für eine kleine Stockbahn dienen.

Anfangs, erinnert sich Presser, Vereinsvorsitzender bis er ins Bürgermeisteramt wechselte, konnte man als „Familienverein“ in kurzer Zeit 400 Mitglieder gewinnen. Wo es Angebote für die Jüngsten wie Kinderkegeln und Martinsumzug gab, fehlten auch die Eltern nicht lange. Und für die gab es beispielsweise das „Oktoberfest“, bei dem die vereinseigene Blaskapelle aufspielte. Aber ein reiner Gaudiverein sei man nie gewesen, das Plattln wurde immer schon so ernst genommen wie bei einem derartigen Hobby möglich.

Nachfolger Christian Kink zählt heute 500 Mitglieder im Alter von 0 bis 94 Jahren, weil schon Säuglinge angemeldet werden und die nicht mehr so Aktiven dem Verein die Treue halten.

von Olf Paschen

Informationen zum Verein Kupferplattl Mittelstetten auf einen Blick

Gründungsjahr: 1994

Mitgliederzahl: rund 500, darunter fast 200 Aktive

Mitgliedsbeitrag: zehn Euro jährlich, Familien 15 Euro

Treffpunkt: am Plattl-Platz (Feuerhausstraße), jeden Freitag ab 16 Uhr

In der Serie „Der besondere Verein“ werden Vereine (auch Organisationen und lose Gruppen) vorgestellt, die in ihrem Ort oder im Landkreis Fürstenfeldbruck ein Alleinstellungsmerkmal haben.

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