In der Kirche (v.l.): Pfarrer Anton Brandstetter und Kirchenpfleger Leonhard Bachmeir. St. Silvester wurde Mitte des 15. Jahrhunderts errichtet. Um 1708 erhielt das Gotteshaus dann eine barocke Ausstattung, 1895 wurde es regotisiert. 	fotos: weber (2)/privat 
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In der Kirche (v.l.): Pfarrer Anton Brandstetter und Kirchenpfleger Leonhard Bachmeir. St. Silvester wurde Mitte des 15. Jahrhunderts errichtet. Um 1708 erhielt das Gotteshaus dann eine barocke Ausstattung, 1895 wurde es regotisiert.

Mittelstetten

St. Silvester und das akustische Vermächtnis

  • Ulrike Osman
    VonUlrike Osman
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Ob zum Gebet, zum Mittag, bei der Wandlung oder bei Todesfällen: In Mittelstetten läuten gleich drei Glocken – meist alle zusammen. Erklingt nur eine, dann verkündet sie einen Todesfall – und das in ganz bestimmter Art und Weise.

Mittelstetten – Den „Riesen-Schepperer“ hat Leonhard Bachmeir noch heute im Ohr. Er machte sich damals gerade für seinen Ministrantendienst fertig, als der Klöppel einer der Glocken in der Kirche St. Silvester herabgestürzt kam und auf das Dach der Sakristei krachte. Allen Anwesenden fuhr der Schreck in die Knochen, aber Schlimmeres passierte zum Glück nicht.

Bachmeir ist heute, runde 45 Jahre später, als Kirchenpfleger und Organist immer noch eng mit dem Gotteshaus und seinen Glocken verbunden. Drei sind es, die im Turm von St. Silvester regelmäßig läuten. Benannt sind sie nach Maria, Josef und dem Namenspatron der Kirche – wobei der Name auf der Glocke als „Sylvester“ eingraviert ist, während die Pfarrei sich mit „i“ schreibt.

Hergestellt in den Jahren 1949 und 1950, sind alle drei vergleichsweise jung. Die Vorgängerexemplare mussten während des Zweiten Weltkriegs abgegeben werden – sie kamen nach Hamburg und wurden eingeschmolzen. Während der Aufbruchphase nach dem Krieg entschloss man sich, den ursprünglich zwei Glocken eine dritte hinzuzufügen. „Wegen des besseren Klangs“, erklärt Bachmeir.

Es gibt in Mittelstetten noch Zeitzeugen, die sich an den Tag der Glockenweihe erinnern. Festlich geschmückt wurden die zwischen 130 und 416 Kilo schweren bronzenen Kolosse ihrer Bestimmung übergeben. Alle drei stammen aus einer Gießerei in Erding.

Während in den umliegenden Filialkirchen nur noch in größeren Abständen Gottesdienste stattfinden, versammeln sich in St. Silvester zweimal in der Woche Gläubige zur Messe und zum Rosenkranz. Entsprechend oft treten die Glocken in Aktion. In festgelegten Zeitabständen und Kombinationen rufen sie zum Gebet, zum Mittag, künden von der Wandlung und von Todesfällen im Ort.

Letzteres, das sogenannte Schiedungsläuten, bestreiten zunächst alle drei Glocken gemeinsam. Anschließend ertönt die Josefsglocke, wenn die verstorbene Person eine Frau war. Die Marienglocke erklingt, wenn es sich um einen Mann handelte. Im Sommer kommt ein weiteres Geläut hinzu – es begleitet den Wettersegen, den Pfarrer Anton Brandstetter während der Sonntagsmessen spricht.

Die größte der drei ist die Marienglocke. 

Für das richtige Timing des Läutens ist Mesnerin Bettina Zink verantwortlich. Apropos Timing – die Uhrzeit tönt ebenfalls alle 15 Minuten vom Kirchturm. Hierbei bewegen sich die Glocken nicht, sondern werden von einem mit der Turmuhr verbundenen Hammer angeschlagen.

Nicht immer funktionierte das in der Vergangenheit problemlos. Es kam vor, dass die Uhr im Winter bei längeren Kälteperioden zu schnell ging. Einmal fiel ein Schlagwerk aus, weil die Lager abgenutzt waren – plötzlich fehlten beim Stundenschlag einzelne Töne. 2014 wurden die Mängel behoben.

Die Glocken klingen seitdem schöner denn je, denn im Zuge der Reparaturarbeiten ließ man die alten Stahljoche gegen Exemplare aus Eichenholz auswechseln und setzte neue Rundballenklöppel ein. Ausgeführt wurden die Arbeiten von der renommierten österreichischen Firma Grassmayr, die vor wenigen Jahren die größte freischwingende Glocke der Welt herstellte – ein 25 Tonnen schweres Exemplar für eine Kathedrale in Bukarest.

Die Arbeiten in der Glockenstube von St. Silvester verfolgte Kirchenpfleger Bachmeir aus nächster Nähe und fasste auch selbst mit an. „Das war sehr interessant“, erzählt der 56-Jährige. Für den Austausch der Joche mussten die Glocken mit Seilzügen an die Decke befördert und anschließend wieder eingehängt werden.

Seitdem ist Schreinermeister Bachmeir regelmäßig in der Glockenstube, um die Halterungen nachzuziehen, da das Holz „schwindet“, also sich zusammenzieht. Es war dem 2018 verstorbenen Pfarrer Michael Würth ein Anliegen, den Glocken zu einem besseren Klang zu verhelfen. Seinen Mittelstettenern hat er damit ein akustisches Vermächtnis hinterlassen.

Die Serie

Bei „Die Glocken von Mittelstetten“ stellt das Tagblatt mit dem Verein Dorfbelebung Mittelstetten die Glocken aller sechs Gotteshäuser und ihre Geschichte vor. Der Verein veröffentlicht seine Recherchen bald als Broschüre.  

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