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Rund 100 Menschen kamen am Sonntagabend in die Jesus-Christus-Kirche in Germering, um bei der Nachtkirche mit dem Motto „Flüchtlinge willkommen“ dabei zu sein.

Besonderer Gottesdienst

Nachtkirche: Besucher müssen sich registrieren wie Flüchtlinge

Germering - Flüchtlinge willkommen – das war das Motto der jüngsten Nachtkirche in Germering. Die Besucher sollten sich intensiv mit dem Thema Flucht und Asyl auseinandersetzen, und das bereits vor Beginn des Gottesdienstes. Dazu ließen sich die Organisatoren etwas ganz Besonderes einfallen.

Einfach so durch eine Türe gehen, eine Grenze überschreiten – als Flüchtling ist das oft nicht so einfach. Und das sollten die Besucher der Nachtkirche spüren. Bevor sie die Kirche betreten durften, mussten sie einen Umweg einmal ums Gebäude herum gehen und sich einer Personenkontrolle am Eingang unterziehen. Erst als sie ein Armbändchen samt Registrierungsnummer hatten, durften sie in die Jesus-Christus-Kirche. Damit stimmte das Kirchenteam die Besucher gleich zu Beginn auf das Motto „Flüchtlinge willkommen“ ein.

Bevor Pfarrer Jan Freiwald predigte, stand ein „gespielter Frauenabend“ auf dem Programm. Bei Rhabarberschorle spulten zwei gutsituierte Damen ein vorurteilsbeladenes Wohlstandsgeplänkel ab – ein Gespräch, wie es mancherorts sicher schon stattgefunden hat: Man habe ja schon Verständnis für die Flucht im Allgemeinen – aber dass die jetzt alle zu uns kommen müssen? Ständig hantierten diese doch relativ gutgekleideten Asylbewerber mit teuren Smartphones herum und man wisse schließlich, was das alles koste. Ob die nicht Plätze an den Unis oder Lehrstellen besetzen, und ob nicht auch potenzielle Vergewaltiger darunter seien?

Von solcherlei Ängsten unter deutschen Eigenheimdächern kam das Programm des Gottesdienstes schnell zur Realität – hin zu tatsächlich in einer Erstaufnahmeeinrichtung geführten Aufnahmegesprächen, die ebenfalls nachgespielt wurden: Ein 30-jähriger Syrer, der vor dem Assad-Regime geflüchtet ist, weil in seiner Heimat Hab und Gut zerstört wurden und er seinem Sohn ein besseres Leben bieten will. Eine junge Frau, die ihre Schwester mit Verdacht auf Sonnenstich zu den Sanitätern bringt – nach einer 70-Kilometer-Flucht in sengender Hitze. Eine Familie aus Damaskus, deren Sohn auf der Flucht geboren wurde und die gemeinsam zwei Tage nach der Geburt im Schlauchboot trotz größtem Risiko für Leib und Leben weiterflüchteten.

„Heute gibt’s harten Tobak – das Thema stellt uns mehr in Frage als alle anderen globalen Themen und es ist uns im wahrsten Sinne des Wortes zugelaufen“, begann Freiwald seine Predigt. Hunderttausende kämen zu Wasser oder auf dem Landweg zu uns und plötzlich seien die Probleme uns ganz nah auf den Pelz gerückt: „So nah, dass wir sie nicht mehr ignorieren können.“ Der Pfarrer stellte fest: „Ich darf ganz andere Dinge sagen, als das Politiker tun können oder dürfen und das werde ich heute auch tun, auch wenn es unbequem ist.“

Die Themen Flucht und Vertreibung sind so alt wie die Menschheit – das gab es schon immer – ob durch Krieg, Unterdrückung oder Hunger oder weil man in der Heimat keine Perspektive mehr sah. „Auch die Menschen heute hoffen auf eine bessere Zukunft und Hoffen ist schließlich ein Grundrecht und so eine gefährliche Reise unternimmt man nur, wenn’s nicht anders geht.“ Echte Nächstenliebe frage nicht nach Gründen, trotzdem müssten viele Flüchtlinge die bittere Erfahrung machen, nicht aufgenommen zu werden. „Die Angst vor den Flüchtlingen ist letztlich als Verlustangst in uns selbst begründet: Angst, etwas zu verlieren, was für uns Wohlstand und Sicherheit bedeutet“, stellte Pfarrer Freiwald in den Raum.

Er zitierte Bibelpassagen in denen davon die Rede ist, dass Verlust bereichernd ist und forderte auf: „Wir sollten froh sein über jeden der aus welchem Grund auch immer kommt – als echte Christen müssten wir jubeln, die Möglichkeit zu haben, schnell und direkt helfen zu können; investieren wir in eine gerechtere Welt, denn Gutes bringt Gutes hervor.“

Dem Nachtkirchenteam war wichtig, eines zu vermitteln: „Dass es beim Thema Flüchtlinge kein Aber geben darf, weil Menschen zu uns kommen, die in Not sind – egal aus welchem Grund.“

VON ANGI KIENER

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