Bundestagswahl in der Boom-Region

Sicherheit, Wohnen, Verkehr: Wie schaffen wir das?

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Die Menschen in den Landkreisen Dachau und Fürstenfeldbruck bekommen den Boom der Großstadt München mit voller Kraft zu spüren. Beate Walter-Rosenheimer (Grüne), Katrin Staffler (CSU) und Michael Schrodi (SPD) geben Antworten auf die drängendsten Fragen im Münchner Speckgürtel.

Fürstenfeldbruck/Dachau – Viele Wähler sind laut Umfragen noch unentschieden, für welchen Kandidaten oder welche Partei sie bei der Bundestagswahl stimmen sollen. Das Kanzlerduell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz dürfte den Unentschlossenen wenig geholfen haben. Zu groß waren die Gemeinsamkeiten, zu wenig sichtbar das Unterscheidbare.

Das Tagblatt hat bei den Wahlkreis-Direktkandidaten von CSU, SPD und Grüne nachgefragt, wie sie die Herausforderungen in der Münchner Boom-Region angehen wollen. Es wird deutlich: Die politischen Unterschiede sind groß – zumindest bei den drängendsten Themen.

Die Themen

Die Themen, welche die Menschen im Wahlkreis am meisten bewegen, lauten: Wohnen, Verkehr und Sicherheit. Die Landkreise Fürstenfeldbruck und Dachau befinden sich im Münchner Speckgürtel. Die Wirtschaft boomt, die Mieten steigen, die Straßen sind während der Rushhour verstopft und die S-Bahnen voll. Wer hier leben will, muss es sich leisten können. Es gibt ungefähr so viel Wohnraum wie Wasser in der Wüste. Gleichzeitig ziehen immer mehr Menschen ins Münchner Umland. Sie verdrängen Alteingesessene, die weniger verdienen. Abstiegsängste grassieren – und das Bedürfnis nach Sicherheit ist groß.

Mehr Polizei

In der CSU soll Katrin Staffler ein Politik-Urgestein beerben. Gerda Hasselfeldt hat den Wahlkreis 30 Jahre lang in Berlin vertreten. Nun verlässt sie die Politik. Staffler muss in große Fußstapfen treten – diese Phrase hört die 35-Jährige oft. Dafür absolviert die Türkenfelderin ein aberwitziges Programm. Sie hat sich vorgenommen, in fast jedem Ort des Wahlkreises auf der Straße mit den Menschen zu reden. Sie hetzt von Infostand zu Infostand. Dabei begegnet ihr immer wieder ein Thema: Sicherheit.

Katrin Staffler: Die Christsoziale fordert deutschlandweit 15 000 zusätzliche Polizei-Stellen.

Zwar lebt man im Landkreis quasi supersicher – hier passieren noch weniger Verbrechen als im Rest des Freistaates. „Aber jeder Einzelfall ist einer zu viel“, sagt Staffler. Es gebe diffuse Ängste in der Bevölkerung. Die Leute hätten weniger Angst vor Terror als viel mehr vor „ganz einfachen Dingen“ oder Wohnungseinbrüchen. Und wenn gewisse Ängste da seien, müsse die Politik etwas tun, um die Menschen zu schützen. Stafflers Vorschlag: „Mehr Sicherheit durch Sichtbarkeit.“ Das heißt 15 000 zusätzliche Stellen bei der Polizei, 2000 davon in Bayern.

Dass Polizisten fehlen, daran sind laut Beate Walter-Rosenheimer die Christsozialen selbst schuld. Die Grüne aus Germering wirft der Staatsregierung vor, Stellen bei der Polizei und beim Bundeskriminalamt aus Spargründen überhaupt erst abgebaut zu haben. Wie Staffler erkennt auch Walter-Rosenheimer schwer zu fassende Ängste in der Bevölkerung. Dinge wie Terror, Trump, Nordkorea würden die Menschen verwirren, sagt sie. „Man muss aber auch ehrlich sein und darf Bedrohungslagen nicht ausnutzen, um Ängste zu schüren.“

Michael Schrodi versteht unter Sicherheit mehr als Schutz vor Gewalt und Kriminalität. Zwar fordert der Sozialdemokrat aus Olching wie Staffler 15 000 zusätzliche Stellen. „Die Hilfeschreie der Polizei sind im ganzen Landkreis zu hören“, sagt er. Schrodi spricht aber von „sozialer Sicherheit“. Das impliziere eine sichere Rente, einen sicheren Arbeitsplatz oder die Sicherheit, in einer Wohnung zu leben. „Dafür muss man übrigens Polizeibeamte auch besser bezahlen.“

Mehr Wohnraum

Schrodi will es dieses Mal endlich in den Bundestag schaffen. Vor vier Jahren scheiterte er knapp. Innerhalb der bayerischen SPD hat er sich nach vorne gearbeitet und steht nun auf Listenplatz 17. Obwohl die Christsozialen den Sieg bei der Erststimme im Wahlkreis quasi gepachtet haben, könnte es für den Olchinger über die Zweitstimme reichen.

Schrodi kämpft dennoch für die Erststimme. Er hat unzählige Videos gedreht, die man auf Youtube ansehen kann. Auf einem ist er zu sehen, wie er in Maurer-Kluft gerade Ziegel aneinanderreiht. Die Message: Wir müssen in der Region dringend bezahlbaren Wohnraum schaffen und ich wäre der richtige Mann dafür in Berlin.

Michael Schrodi: Der Sozialdemokrat sagt, das Thema Wohnen sei „die neue soziale Frage“.

„Das ist die neue soziale Frage, die jeden etwas angeht“, sagt er. Die Mieten seien im Landkreis so stark gestiegen wie nirgendwo anders in Bayern. Und ausgerechnet hier gibt es keine Wohnungsbaugesellschaft. Seit 15 Jahren kämpfe er dafür auf kommunalpolitischer Ebene. Doch die CSU würde das immer wieder verhindern. Laut Schrodi muss der Bund großflächig in den Wohnungsbau investieren. „Außerdem wollen wir, dass Grundstücke des Bundes, wie zum Beispiel der Fliegerhorst, günstig an Kommunen verkauft werden.“

Gerade die Konzepte der Parteien zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum gehen auseinander. Während die SPD hauptsächlich den Staat in die Pflicht nehmen möchte, setzt die CSU auch auf private Investoren. Etwa wolle man bürokratische Hürden abbauen, um Genehmigungsverfahren zum Beispiel bei der Ausweisung von Bauland zu beschleunigen, sagt Staffler. Auch wenn ein Bauer seine landwirtschaftliche Fläche für Wohnraum zur Verfügung stellen möchte, soll es Steuerbegünstigungen geben. Schrodi hält das für den „vollkommen falschen Weg“. Man solle lieber gezielt nachverdichten, statt neue Flächen zu versiegeln. „Der Landkreis muss bezahlbar, aber auch lebenswert bleiben.“

Wie die SPD sind auch die Grünen dafür, die Mietpreisbremse zu verschärfen und Liegenschaften des Bundes kostengünstig an Kommunen weiterzugeben. „Der Bund darf nicht zum Spekulanten werden“, sagt Beate Walter-Rosenheimer. Grundsätzlich sei es ein „Trauerspiel“, dass sei Jahren nichts passiere – genauso wie beim täglichen Wahnsinn auf den Straßen und Schienen.

Weniger Verkehr

Beate Walter Rosenheimer sitzt seit 2012 im Bundestag – und dürfte auch in der nächsten Legislaturperiode ein Mandat bekommen. Die 52-Jährige belegt Platz Fünf auf der Liste der bayerischen Grünen. Die Germeringerin kämpft daher um Zweitstimmen. Sie tritt nicht nur im Wahlkreis Dachau-Fürstenfeldbruck, sondern in ganz Bayern auf. Neulich war sie in der Oberpfalz.

Beate Walter-Rosenheimer: Die Grünen-Kandidatin will es den Menschen erleichtern, Bahn oder Bus zu fahren.

Zwar sei man im Vergleich zu anderen Gegenden Bayerns im Landkreis bei den Bus-Verbindungen relativ gut aufgestellt, sagt sie. Dennoch: „In manchen Regionen, auch im westlichen Landkreis geht es ganz ohne Auto nicht.“ Es sei eine politische Entscheidung, den öffentlichen Personennahverkehr auszubauen und Geld zu investieren. Das rechne sich unter Umständen nicht. „Die Busse sind dann vielleicht leer.“ Grundsätzlich müsse man es den Leuten einfacher machen, öffentlich zu fahren. Walter-Rosenheimer fordert diesbezüglich mehr Querverbindungen bei der S-Bahn und den „Tarifdschungel“ zu lichten.

Auch Schrodi plädiert dafür, mehr in die Verkehrsinfrastruktur zu investieren. „Wer Landkreise Bruck und Dachau im Bundestag vertritt, muss sich dafür einsetzen.“ Die Töpfe des Bundes dafür seien unterfinanziert. Der CSU wirft er vor, einseitig auf die „Sparpolitik der schwarzen Null“ zu setzen. Angesichts des täglichen Verkehrswahnsinns sagt er: „Die Priorität muss sein, die Leute von der Straße auf die Schiene zu bekommen.“

Staffler dagegen meint, klar müsse man die aktuellen Verkehrsprojekte angehen, „aber auch einen Schritt weiter denken“. Es geht um Visionen für die Zukunft. Sie spricht von Mobilitätszentren, die an Bahnhöfen entstehen könnten und verschiedene Verkehrsformen miteinander verbinden wie Carsharing, ÖPNV oder Mietfahrräder. Eine App könnte dem Nutzer anzeigen, welches Verkehrsmittel das beste wäre, um das Ziel zu erreichen. Dafür müsse man schon jetzt die Weichen stellen.

Übrigens sind sich alle drei Kandidaten bei einem Punkt einig: Der Ausbau der S4 an den Außenästen. Staffler sagt, das müsse so schnell wie möglich geschehen. „Der Optimalfall wäre, wenn es gleichzeitig mit der zweiten Stammstrecke passiert.“

rat

Rubriklistenbild: © dpa

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