Wolfi Müller ist Geräuschemacher. Hier zeigt er eine selbstgebaute Tür-Attrappe, mit der er das Öffnen von Türen vertont.
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Wolfi Müller ist Geräuschemacher. Hier zeigt er eine selbstgebaute Tür-Attrappe, mit der er das Öffnen von Türen vertont.

So werden Bilder lebendig

Der Geräuschemacher von Olching: Erst sein Ton macht den Film perfekt

  • Andreas Daschner
    vonAndreas Daschner
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Ein Plastikabflussrohr, eine uralte Videokamera, die Wählscheibe eines Telefons aus den 80er-Jahren: Was für die meisten Menschen nach einem Haufen Tand und Müll aussieht, ist für Wolfi Müller Handwerkszeug. Der Olchinger ist Geräuschemacher beim Film und vertonte unter anderem den Streifen „Bullyparade – Der Film“.

Olching – Das meiste von dem, was der Zuschauer bei Filmen hört, ist kein Originalton. Weder Schritte auf einem Holzboden, noch eine knarzende Tür, ja nicht einmal der knisternde Geräusch einer eben angezündeten Zigarette. „Filme im O-Ton sind meistens furchtbar“, sagt Müller. Alles klinge extrem steril. „Es lebt einfach nicht.“

Mit ein Grund dafür: Tontechniker legen den Fokus bei den Aufnahmen auf die Dialoge der Schauspieler. Bei allen anderen Geräuschen schlägt die Stunde von Müller. Der 37-jährige Olchinger absolvierte im Jahr 2003 die Tontechniker-Ausbildung an einer Münchner Fachschule. Max Bauer, der als Guru der Geräuschemacher gilt, hielt dort 2005 einen Workshop ab, bei dem ein Kurzfilm vertont wurde. „Da hat’s gefunkt“, sagt Wolfi Müller. „Ich wusste, ich muss das machen.“ Weil der Olchinger aufgrund eines Praktikums seinen Fuß bereits bei eines Produktionsfirma in der Tür hatte, war der Weg in die Filmbranche geebnet.

Fast jeder dürfte Müllers Arbeit unbewusst schon gehört haben, entweder in einer der Folgen der Serie „Die Rosenheim Cops“, bei „Hubert & Staller“ oder eben bei Bully Herbigs „Bullyparade - Der Film“. In diesen und zahlreichen weiteren Produktionen fungierte der Olchinger als „Ton-Schauspieler“, wie er selbst eine Arbeit nennt.

Im Prinzip spielt er alle Szenen der Darsteller noch einmal im Ton nach. „Etwa fünf Sechstel davon machen Schritte und Bewegungsgeräusche aus“, erzählt Müller. Alleine um den Schritten der Darsteller verschiedene Klänge zu geben, besitzt der Olchinger unzählige Schuhe. „Ich glaube, ich habe mehr Paar Schuhe als meine Frau“, sagt er und lacht. Dazu gehören freilich auch Frauenschuhe. Guter Klang geht dabei vor Passform. „Wenn sie zu klein sind, muss ich sie vorne eben aufschneiden“, sagt Müller.

Mit in Säcken verpackten Requisiten wie alten Tonbändern, Stärkemehl oder Kies, aber auch mit Holzbrettern und Steinplatten simuliert der Geräuschemacher die verschiedenen Untergründe, auf denen die Schauspieler laufen – von steinigem Untergrund über Laub bis zu Schnee. Und auch alle anderen Bewegungen – beispielsweise wenn sich ein Darsteller an den Bartstoppeln kratzt – vertont der Olchinger im Studio.

Sind Schritte und Bewegungen aufgenommen, folgen die sogenannten Specials, also die weiteren Hintergrundgeräusche. Um zum Beispiel das Drücken einer Türklinke aufzunehmen, hat Müller eigens eine Minitür nachgebaut. Den Ton eines knarzenden Stuhls beim Hinsetzen simuliert er mit halbierten Korken, die er mittels zweier Bretter zusammenpresst. Drückt Müller Styroporflocken von ausrangiertem Verpackungsmaterial mit den Fingern zusammen, so klingt das im Film wie das Knistern einer Zigarette.

Viele Geräusche werden auf mehreren Tonspuren aufgenommen, die anschließend übereinander gelegt werden. Bei Kaminfeuer simuliert Müller beispielsweise erst mit einem Stofftuch das Lodern der Flammen und anschließend mit Plastik-Packband das Knistern der brennenden Äste, dem er im dritten Schritt mit einer Folie mehr Tiefe verleiht.

Zahlreiche seiner Requisiten findet der Olchinger dabei auf dem Flohmarkt. So zum Beispiel auch seine alte Videokamera, mit der er perfekt das Klappern eines Gewehres simulieren kann. Oder eine alte Federwaage, die wie ein quietschendes Bettgestell klingt. „Die kommt oft bei Sex-Szenen zum Einsatz“, berichtet der Olchinger mit einem Augenzwinkern.

Müllers Arbeit ist preisgekrönt. So war er unter anderem Mitglied der Crew, die für die Vertonung des Liebesfilms „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck 2018 den Golden Reel Award erhielt. Vom Zuschauer würde eine gute Vertonung oft aber gar nicht wahrgenommen, sagt Müller. Dabei sei sie sehr wichtig: „Mit den Bildern erschafft man beim Film Stimmung - mit einer entsprechenden Soundkulisse erschafft man Emotionen.“

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