Gertraud Thümmel mit ihrer Familie, den Söhnen Alexander (l.) und Boris sowie Ehemann Peter. tb-Foto „Wie soll ich etwas verzeihen, wofür sich niemand entschuldigt?“Gertraud Thümmel

Bundesverdienstmedaille

Kämpferin für ihre Söhne

Gertraud Thümmel ist Künstlerin, ihre sakralen Plastiken sind weit über die Region hinaus bekannt. Sie ist eine schöne Frau, die leuchtende Farben und passenden, selbst gemachten Schmuck trägt. Kein Mensch würde hinter dem strahlenden Äußeren ein Schicksal vermuten, das sprachlos macht. 

Olching– Die Olchingerin wird am 24. März von Landrat Thomas Karmasin die Bundesverdienstmedaille bekommen – für ihr „jahrzehntelanges und aufopferungsvolles Engagement, mit welchem sie ihre beiden über lange Zeit hinweg pflegebedürftigen Söhne betreut“, wie es in der Pressemitteilung des Landratsamts heißt.

Gertraud Thümmels Söhne sind heute 42 und 39 Jahre alt. Der Jüngere, Boris, kam mit einer Behinderung zur Welt. Der Ältere, Alexander, war ein Bilderbuch-Sohn. Einser-Abitur, glänzendes Vordiplom in Elektrotechnik, sozial engagiert, glücklich verliebt – er und seine Freundin schmiedeten bereits Heiratspläne.

Doch eine Woche nach Alexanders 24. Geburtstag liegt seine Zukunft in Trümmern. Bei einem Sturz vom Fahrrad zieht er sich ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu. „Ein paar Wochen lang wussten wir nicht, ob er überlebt“, erzählt seine Mutter. Zurück bleiben sch

were Schäden. Alexanders linke Körperhälfte ist gelähmt, die rechte ständig in Bewegung. Er hat Wahrnehmungsstörungen und kann zunächst weder sitzen noch sprechen noch schlucken.

Eine Zeitlang betreut Gertraud Thümmel ihren Sohn zu Hause. Es bringt sie an ihre Grenzen und darüber hinaus. Alexander schläft nie, sie ist rund um die Uhr gefordert. Vieles aus dieser Zeit ist der 67-Jährigen im Gedächtnis, als wäre es gestern gewesen. Wie ihr Sohn langsam ein paar Fähigkeiten zurückerlangte. Wie er seine ersten verständlichen Worte sprach: „Uni gehen.“ Wie er einmal eine ganze Nacht lang versuchte, sich eine Jeans anzuziehen und dabei bemerkte, dass er eine Windel trug. „Von dem Moment an war er wieder kontinent.“

Die Suche nach einer Einrichtung, in der Alexander gut aufgehoben ist, gestaltet sich schwierig. „Es gibt haufenweise Heime für Menschen mit geistiger Behinderung, aber dort passt unser Sohn nicht hinein. Er ist eingeschränkt, aber nicht geistig behindert“, stellt Gertraud Thümmel klar.

Immer wieder lebt er zwischendurch bei seinen Eltern – und ist unglücklich. „Vor dem Unfall war er ein so selbstständiger Mensch. Er hat sich daheim nicht mehr wohlgefühlt.“ Unter großen Opfern finanzieren die Thümmels schließlich eine behindertengerechte Wohnung im Zentrum von Olching. Dort kommt Alexander zurecht, ein paar Stunden in der Woche hat er Hilfe von der Caritas. Endlich scheint ein akzeptabler Zustand erreicht. Er dauert bis zum Tag vor Fronleichnam 2007.

An diesem Abend fährt Alexander – der, wie seine Mutter, tief religiös ist – allein mit seinem Rollstuhl in die Kirche. Es gibt dort eine schmale Rampe ohne Handlauf. Gertraud Thümmel kämpft zu diesem Zeitpunkt schon länger um einen besseren behindertengerechten Zugang – bis dahin ohne Erfolg. „Ich habe mich damit so richtig unbeliebt gemacht“, erinnert sie sich.

Sie fordert, dass die linke Seitentür geöffnet wird und bietet an, dass ihr Mann eine ausreichend breite, sichere Rampe baut. „Daraufhin hieß es, man wolle sich die Kirche nicht verschandeln lassen.“ Eine Reaktion, die sie bis heute fassungslos macht. „Ich begreife nicht, wie Menschen so sein können.“

An jenem fatalen Abend vor Fronleichnam stürzt Alexander beim Verlassen der Kirche von der schmalen Rampe. Er fällt auf seine vorgeschädigte linke Seite und zieht sich erneut ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu. Seitdem kann er nicht mehr alleine leben. Was ihm zuvor noch möglich war – lesen, Filme anschauen – geht nicht mehr. Zu stark ist seine Auffassung verlangsamt. „Er kann sich nicht mehr allein beschäftigen“, sagt seine Mutter. Zutiefst verletzt hat sie, dass es von offizieller Seite nie eine Entschuldigung gegeben habe. „Wie soll ich etwas verzeihen, wofür sich niemand entschuldigt?“

Alexander lebt heute in einer Einrichtung in Augsburg. „Das geht einigermaßen“, sagt Gertraud Thümmel. Ihr größter Wunsch wäre aber, dass es in der Region ein Heim für Schädel-Hirn-Patienten gibt. Das Thema Barrierefreiheit treibt die 67-Jährige nach wie vor um – seit sieben Jahren engagiert sie sich im Olchinger Behinderten-Beirat. Die Stadt war es auch, die sie für die Bundesverdienstmedaille vorschlug.

Alexanders jüngerer Bruder Boris, der mit Spina bifida zur Welt kam, musste während der schlimmen Zeiten oft zurückstecken. Auch für ihn bedeutete der Unfall seines Bruders einen großen Einbruch in seiner Lebensplanung. Doch dank der modernen Medizin und der Unterstützung seiner Eltern hat er sich „fantastisch hochgerappelt“, wie Gertraud Thümmel erzählt. Heute lebt Boris in Irland – als Künstler, wie seine Mutter. (os)

Der Weg zur Gelassenheit

Gertraud Thümmel hat ein Buch geschrieben, in dem sie Parallelen zwischen der Geschichte ihrer Familie und der von Jesus zieht. „Ein Weg zur Gelassenheit“ ist im Buchladen Olching erhältlich.

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