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Rundum glücklich: Gerlinde Zachmann auf ihrem Balkon in der Seniorenwohnanlage.

Nach der Kommunalwahl

Nach 24 Jahren im Stadtrat: Jetzt hat sie endlich Zeit für ihre Hobbys

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Ihre Präsenz und ihr Engagement haben Gerlinde Zachmann immer wieder in den Olchinger Stadtrat gebracht. Jetzt hat sich die 74-Jährige endgültig verabschiedet.

Olching – Man hatte ihr fest versprochen, dass sie nicht gewählt werden würde. Nur deshalb hatte Gerlinde Zachmann sich bereit erklärt, für einen kurzfristig ausgefallenen Kandidaten auf die Stadtratsliste der Freien Wähler zu gehen. Gerade hatte ihr Mann Ewald seine zweite und letzte Amtsperiode als Bürgermeister beendet. Sie selbst reizte nichts an einem Sitz im Kommunalgremium. Aber den würde sie auch nicht bekommen, versicherte man ihr. Von Platz 29 werde nie jemand hineingewählt. Und dann passierte es doch.

Massive Anfeindungen

„Mich hat fast der Schlag getroffen“, erinnert sich Gerlinde Zachmann und lacht. 24 Jahre ist das her, dreimal sollte sie wiedergewählt werden. Beim zweiten Mal habe sie sich beweisen wollen, dass nicht nur der Name Zachmann gezogen hatte – genau das war ihr in der ersten Sitzungsperiode öfter unterstellt worden. „Ich wurde ziemlich massiv angefeindet und musste sechs Jahre mit den Giftpfeilen leben“, erzählt die ehemalige Sozialreferentin. Sie nahm das zur Kenntnis, ohne sich davon zermürben zu lassen. Das wäre ja noch schöner.

Beim zweiten Mal bekam sie von den Bürgern noch mehr Stimmen. Es wurde die Amtsperiode, in der die Idee für ein Sozialzentrum aufs Tapet kam – für die damalige Geschäftsführerin des Olchinger Sozialdienstes ein Herzensprojekt. Und weil sich Planung und Bau bis nach der nächsten Wahl hinzogen, blieb sie dem Kommunalgremium weitere sechs Jahre treu. Nun aber sollte Schluss sein mit den anstrengenden Sitzungen, die „in einem Viertel der Zeit“ hätten über die Bühne gehen können, wenn es immer sachlich zugegangen wäre.

Fokus auf Projekte

Bei der Stadtratswahl 2014 zog sich Zachmann auf Listenplatz 15 zurück – und wurde doch wieder gewählt. Für sie selbst mag ihre Beliebtheit eine Überraschung gewesen sein, für den Außenstehenden erschließt sie sich schnell. „Ich bin keine Politikerin. Mir ging es immer um Projekte“, erzählt die 74-Jährige. Sie sitzt im sonnigen Innenhof der Seniorenwohnanlage an der Isabellastraße und ist rundum glücklich.

Engagiert für Senioren

Ein Gastkommentar von Gerlinde Zachmann im Tagblatt aus dem Jahr 2004.

Viele Bekannte haben sich gewundert, als Gerlinde Zachmann im vergleichsweise jungen Alter von Mitte 60 mit ihrem Mann aus dem großen Eigenheim herzog. Doch die Zachmanns haben ihre Entscheidung keinen Moment bereut. Jeder kennt die beiden hier, alle Augenblicke bleibt jemand auf ein Schwätzchen stehen. Seit Beginn der Corona-Krise organisiert Gerlinde Zachmann jeden Sonntag für alle eine Essensbestellung aus einer lokalen Wirtschaft und jeden Montag eine Kuchenlieferung. Als Vorsitzende des Vereins „Älter werden in Olching“ hat die dreifache Mutter und siebenfache Großmutter im letzten Sommer das Projekt Log in gestartet, das Senioren den Umgang mit Smartphone, Tablet und Co. näher bringt – ohne zu ahnen, wie wichtig die Technik ein paar Monate später sein würde. Jetzt sind alle froh, dass sie gelernt haben, mit Angehörigen zu chatten und zu whatsappen.

Tragisches Erlebnis

Sich um Menschen kümmern war immer Gerlinde Zachmanns Sache. Sie begann ihr Berufsleben als Kinderkrankenschwester in Ravensburg, erlebte früh dramatische Situationen. Einmal wachte sie während einer Silvesternacht bei einem herzkranken Mädchen. Als das Feuerwerk vorbei war, bat die Kleine um einen Schluck zu trinken. Zachmann war noch nicht ganz aus der Tür, als ein verspäteter Böller das ganze Krankenhaus erschütterte. „Ich drehte mich um und das Kind war tot.“ Seit der Zeit mag sie die Knallerei nicht mehr.

Aus dem heimatlichen Baden-Württemberg folgte sie Ehemann Ewald nach München, verdiente zeitweise für beide das Geld, weil er noch studierte. Als 1969 die erste Tochter kam, übernahm er ganz selbstverständlich einen Teil der Kinderbetreuung, was für die damaligen Verhältnisse unerhört fortschrittlich war. „Meine Schwiegermutter war entsetzt“, erzählt Gerlinde Zachmann und lacht.

1972 ließ sich die Familie in Esting nieder. Schnell war die junge Mutter im öffentlichen Leben engagiert, baute mit anderen Eltern einen Spielplatz und arbeitete ehrenamtlich im sozialen Bereich. „Das war eine tolle Zeit.“

Pflegedienst aufgebaut

Mit 40 stieg sie als Pflegekraft im Brucker Josefstift wieder voll ins Berufsleben ein. Und musste sich gelegentlich fragen lassen, ob sie als Bürgermeistergattin „das denn nötig“ habe. Dass sie an der Altenpflege ehrlich Freude hatte, „konnten die Leute nicht fassen“. Aber so war es. Und weil Gerlinde Zachmann auch gern organisierte, griff sie zu, als die AWO ihr anbot, in Olching einen ambulanten Pflegedienst aufzubauen.

Dass sie während des ersten Bürgermeister-Wahlkampfs ihres Mannes von dem SPD-nahen Träger regelrecht vergrault wurde, hat sie als Erfahrung abgehakt. „Ich war nie nachtragend und hege auch keinen Groll.“ Sie wechselte mit dem gesamten Pflegeteam zum Olchinger Sozialdienst und wurde später dessen Geschäftsführerin.

Keine Zeit für Hobbys

Dass sie nie Zeit für Hobbys hatte, stört die leidenschaftliche Köchin nicht. „Mein Hobby war immer die Arbeit.“ Heute genießt die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes es, mehr Zeit mit ihrem Mann zu verbringen, und freut sich, wenn die Enkel wieder zu Besuch kommen können. Die sieben Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen strahlen mit ihren Eltern von Fotos im Flur der geräumigen Wohnung. „Es sind alles tolle Menschen“, sagt Zachmann und betrachtet die Bilder. Ihre Lebensbilanz („ich bin so dermaßen zufrieden mit allem“) glaubt man ihr aufs Wort.

Weitere Nachrichten aus Olching finden Sie hier.

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