1. Startseite
  2. Lokales
  3. Fürstenfeldbruck
  4. Olching

Klimacheck vor Ort: Wo Müll die Energiewende befeuert

Erstellt:

Von: Kathrin Böhmer

Kommentare

Ja, das ist schon die ganze Heizung: Stadtwerke Chef Thomas Grulke mit einer Übergabestation Fernwärme. 
Ja, das ist schon die ganze Heizung: Stadtwerke Chef Thomas Grulke mit einer Übergabestation Fernwärme.  © Weber

Preis-Explosionen bei Gas und Öl, Ukraine-Krieg und drohende Embargos: Die Menschen denken darüber nach, wie sie die Energiewende in ihren eigenen vier Wänden voranbringen.

Olching – Auch in Olching ist das zu spüren: Die Nachfrage nach Fernwärme boomt. Sie gilt als ein Motor für den Klimaschutz vor Ort. Das Ungewöhnliche: Die Quelle ist Abfall.

Die neue Energie kommt in einem weißen Remondis-Lastwagen an. Der Sattelzug mit einem Anhänger voller Abfall rollt vor das blaue Gebäude der Müllverbrennung, das aussieht wie ein riesiger Schuhkarton mit Kamin. Die Ampel zeigt Grün. Der Fahrer muss erst einmal rangieren. Er beugt sich über sein Lenkrad, schaut links und rechts in die Außenspiegel, dann geht es passgenau rückwärts in den dunklen Schlund von Tor 3. Die Fracht hat ihr letztes Ziel erreicht. Für diese Welt hat sie keinen Nutzen mehr. Trotzdem hat sie großen Wert für die hehren Ziele der Klimawende.

120 000 Tonnen Abfall pro Jahr

Es ist die erste Station eines Prozesses, der am Ende Olchinger Wohnungen per Fernwärme heizt. Tagtäglich liefern etliche Lastwagen Müll im Abfallheizkraftwerk in Geiselbullach ab. Rund 120 000 Tonnen sind es jährlich, wie der Betreiber GfA (Gemeinsames Kommunalunternehmen für Abfallwirtschaft) weiß. Das ist ungefähr die Menge, die eine Viertelmillion Menschen pro Jahr produziert. Der Müll stammt von Gewerbe und Privathaushalten aus den Landkreisen Fürstenfeldbruck und Dachau. Ihm ist eines gemeinsam: Er brennt lichterloh – und man kann ihn nicht recyceln.

Das kann GfA-Chef Thomas König gut veranschaulichen. Der schlanke Mann in blauem Pulli sitzt in einem Büro schräg gegenüber der Anlieferzone. Er hält eine Plastik-Pumpflasche mit Desinfektionsmittel in der Hand. König zupft an dem Etikett: „Es ist ein Materialmix, man müsste alle kleinsten Teile trennen“, erklärt er. Kunststoffe müssen sortenrein vorliegen, um sie überhaupt wiederverwerten zu können.

Patagonia-Jacken nicht verwertbar

Es ist nur ein Beispiel. Da wären auch noch Funktionskleidung, Abfälle aus dem Baugewerbe und der verarbeitenden Industrie. Nichtsdestotrotz: „Der Brennstoff ist zu 50 Prozent klimaneutral“, sagt König. Die Hälfte bestehe aus nachwachsenden Rohstoffen und zähle zu den erneuerbaren Energien.

All dies landet zunächst im Bunker, die nächste Station des Prozesses. Hier ist die Fracht des Remondis-Lasters hineingerutscht. Der Abfall türmt sich in dem Betongraben, es ist unheimlich und dunkel. Eine riesige Kralle greift in den Müllberg und transportiert die Ladung über einen Trichter in den Feuerraum. Bei rund 1000 Grad Celsius verglühen alte Sofas und Patagonia-Jacken über dem Rost. „Wir zerstören die Schadstoffe, das ist unsere Kernaufgabe“, erläutert König. Das sei alternativlos. „Und besser, als wenn Plastik in der Landschaft landet.“

Ganz ohne Schmutz geht es nicht: Bei der Verbrennung entstehen Schadstoffe, die durch eine Reinigungsanlage gefiltert werden. Um dennoch etwas für das Klima zu tun, ist ein Faktor entscheidend: Die Wärmeenergie (so genannte „Eh-da-Wärme“) muss bestmöglich genutzt werden. „Im Prinzip machen wir aus dem Unvermeidbaren das Beste“, erklärt der GfA-Chef. Wichtig ist ihm, zu betonen: „Wir brauchen keine Zusatzbrennstoffe wie Öl oder Gas.“ Das wäre auch nicht wirtschaftlich.

Im Feuerraum glühen 1000 Grad

Nach dem Feuerraum folgen weitere Stationen im Inneren des Gebäudes: Hier wird Strom und Wärme erzeugt. Zum jetzigen Zeitpunkt kann Olching 65 Prozent seines Elektro- und 14 Prozent seines Wärmebedarfs damit abdecken. Es funktioniert über das gängige Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung. Das Herzstück der Anlage ist eine Turbine, zu der Wasserdampf geleitet wird und die Strom erzeugt. „Wie ein Fahrraddynamo“, so König. Nur eben viel, viel größer: Ihre Leistung erreicht umgerechnet fast 9000 PS.

Garnelenzucht mit der Abwärme?

Das Hirn der Anlage ist die Leitwarte, über die alle Anlagen gesteuert werden. Die Fernwärme entsteht durch den Dampf im Hochtemperaturbereich (zwischen 90 und 130 Grad). Dieser findet laut GfA ausreichend Absatz. Potenzial sei aber noch bei der Abwärme im Niedrigtemperaturbereich vorhanden. Da gab es schon Ideen für Garnelenzucht oder Ananas-Gewächshäuser, was floppte. Auch hier sei die Nutzung für Fernwärme denkbar. Das wäre aber mit Investitionen verbunden, was wiederum vom Absatz abhänge.

Putin schon vor 20 Jahren ein Thema

Damit die Energie vom Kraftwerk in die Häuser kommt, sind zwei Trassen gebaut worden: Eine führt nach Olching, die andere nach Bergkirchen. Das Neubaugebiet Schwaigfeld ist bereits zu 100 Prozent an die Fernwärme angeschlossen (es war damals eine Auflage). Es geht aber nicht nur ums Heizen: Die Bäckerei Glockenbrot in Bergkirchen nutzt das heiße Wasser etwa zum Kisten spülen. Für König ist klar: Das Kraftwerk kann die Klimawende vorantreiben. Und da wäre noch ein Argument: „Ich habe schon vor 20 Jahren, als wir mit der Fernwärme anfingen, zu den Leuten gesagt: Wollt ihr lieber von der GfA abhängig sein – oder von Putin?“

Nachfrage jetzt fünf Mal so hoch

Ukraine-Krieg, Debatten über Embargos und Preis-Explosionen bei fossilen Brennstoffen: Das alles wirkt sich akut auf die Station des Prozesses aus, die die Kunden liefert: die Stadtwerke Olching. Deren Chef Thomas Grulke hat festgestellt: „Die Nachfrage hat sich verfünffacht.“

Kamen früher zwei Anfragen pro Woche für die Fernwärme herein, seien es jetzt zehn. Und das bei den vergleichsweise kleinen Stadtwerken Olching mit 20 Mitarbeitern.

Rund 9000 Tonnen CO2 pro Jahr gespart

Grulke steht im blauen Sakko und Hemd im Servicecenter am Ilzweg, nur ein paar Radl-Minuten von der GfA entfernt. Er deutet auf eine Übergabestation für Fernwärme. Sie ist winzig, einen eigenen Raum für eine Heizung braucht es nicht mehr. Das ist eines der Argumente, mit denen die Stadtwerke werben. Oder: Die Fernwärme spart in Olching rund 9000 Tonnen CO2 pro Jahr gegenüber fossilen Brennstoffen, die neben Autos am meisten Energie verbrauchen. Seit die Alternativen aber ebenso teuer oder sogar teurer sind (etwa Wärmepumpen), ist die Akquise leichter. Der Geldbeutel ist das stärkste Argument.

In den vergangenen Jahren hat sich im Fernwärmenetz der Stadt zudem einiges getan, laut Stadtwerke wurden alle wichtigen Achsen erschlossen. In manchen Teilen Olchings ist aufgrund des hohen Grundwassers gar keine Öl-Heizung möglich (von dem Verbot 2026 ganz abgesehen). Geographische Besonderheiten wie die Bahnlinie oder die Amper beziehungsweise der Mühlbach waren eine Herausforderung. Es gab dennoch einen Lückenschluss, einstige Inseln, die mit Biomasseheizkraftwerken versorgt wurden, Neu-Esting oder das Gewerbegebiet an der B471, kamen ans Netz. Dieses zählt mittlerweile rund 40 Kilometer.

Rund 400 Haushalte kommen 2023 hinzu

Und es soll im Jahr 2023 noch weiter wachsen. Von bis zu 400 (jetzt 800) weiteren Haushalten bis 2030 ist die Rede. Der Wärmeabsatz soll beinahe verdoppelt werden.

Neben der aktuellen Situation spielen natürlich auch Dinge wie die CO2-Steuer eine Rolle. Doch trotz aller Dynamik durch politische Entscheidungen und Zielen für die Zukunft in Richtung Energiautarkie sind sich Grulke und der technische Bereichlseiter Fridolin Felsche einig: „Komplett Olching zu versorgen, ist nicht möglich.“ Aber das ist wohl so bei großen Zielen wie der Klimawende: Jeder Schritt zählt, ist er auch noch so klein.

Beim Strom ist das Ziel schon erreicht

Die Fernwärme ist nur ein Baustein von vielen, die Olching bis tazum Jahr 2030 zu einer Kommune machen sollen, die energieaurk und klimaneutral ist. Klimaschutzreferent Michael Maier (Grüne) kann bestätigen, dass die Fernwärme in der Akzeptanz gestiegen ist und sieht das auch positiv. „Der Preis war lange das Problem.“ Das passe sich derzeit schon an. Olching sei insgesamt auf einem guten Weg, es müsse aber noch mehr passieren. So sollte es die Pflicht für alle gewerbliche Bauten geben, Photovoltaik auf den Dächern zu errichten.

Wie es um den lokalen Klimaschutz steht, hat Bürgermeister Andreas Magg (SPD) neulich im Rahmen einer VHS-Veranstaltung aufgezeigt. Vom gesamten Energieverbrauch (Haushalte, Firmen, Industrie) entfällt mit 37 Prozent der größte Teil auf den Verkehr, gefolgt von Gas (23 Prozent) und Heizöl (14 Prozent). Zum Vergleich: Die Fernwärme liegt bei drei Prozent. Wärme und Strom wird mit Abstand am meisten in den Haushalten benötigt, nicht im wirtschaftlichen Bereich. Die Energienetze sind seit 2018 wieder in lokaler Hand. Beim Strom ist Olching bilanziell bereits CO2-neutral. Der Großteil kommt aus der GfA, elf Prozent liefert das Wasserkraftwerk und 24 Prozent Solarenergie. Der Bedarf der Stadt liegt bei rund 69 000 000 kwh/a, vor Ort werden 72 090 720 kWh/a erzeugt, also ein Überschuss.

Es ist aber noch Potenzial vorhanden, etwa bei PV-Anlagen. „Jeder Bürger hat es selber in der Hand, Strom erneuerbar zu produzieren und Kosten und CO2-Belastung zu senken“, so Magg. Auch städtische Liegenschaften werden derzeit daraufhin geprüft. Im Jahr 2022 soll der ÖPNV sukzessive elektrifiziert werden. 2023 sollen die Mobilitätsstationen umgesetzt werden, wo man sozusagen aus der S-Bahn direkt auf ein Leih-Rad springen kann statt ins Auto. Fahrradstraßen und Elektro-Ladesäulen gibt es schon, gerade letztere sollen aber noch mehr werden. Vertreter der Stadt, der Stadtwerke, der Bürgerschaft sowie der lokalen Wirtschaft arbeiten außerdem im Energieforum gemeinsam an Lösungen, zum Beispiel in Sachen Verkehr. gar

Auch interessant

Kommentare