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Wasser trinkt er gerne aus der Leitung: Bürgermeister Andreas Magg mit Tagblatt-Redakteurin Kathrin Garbe. 

Interview

Olchings Bürgermeister Andreas Magg: „Ich bin ein absoluter Lokalpatriot“

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Andreas Magg ist seit zehn Jahren Chef des Olchinger Rathauses. Im Interview mit dem Tagblatt erklärt der 39-Jährige, was ihm in seiner Amtszeit wirklich Angst gemacht hat und was seine Kindheit mit der Stadtentwicklung zu tun hat.

Olching – Andreas Magg (SPD), ursprünglich ein Geiselbullacher, trat vor zehn Jahren den Dienst als Rathauschef an. Damals war er 29 Jahre alt. In Maggs Amtszeit fällt ein wichtiger Umbruch: Die Gemeinde Olching wurde 2011 zur Stadt erhoben. Im Interview schildert er die Zeit aus seiner Sicht.

-Sie geben sich gerne hemdsärmelig. Vor Sitzungen kommt ein lustiger Spruch, es wird gelacht, dann geht es los. Wie hat sich diese Art bewährt?

Ich mache das nicht bewusst, das ist nicht antrainiert. Aber eine gewisse Lockerheit bei aller Ernsthaftigkeit ist wichtig. Ich will eine angenehme Atmosphäre schaffen. Auch für mich selbst, immerhin bin ich bis zu 80 Stunden die Woche auf Terminen oder im Rathaus. Die Stimmung im Gemeinderat war vor zehn Jahren oftmals nicht besonders gut. Es war eines meiner Hauptanliegen, als ich gewählt wurde, das zu ändern.

-Aber nicht nur mit lockeren Sprüchen, oder?

Ich habe versucht, möglichst alle Fraktionen mitzunehmen. Ich will heute wie damals Mehrheiten finden für Dinge, die aus meiner Sicht wichtig für die Stadt sind. Das hat sich bewährt. Wir haben jetzt ein gutes und konstruktives Klima im Stadtrat. Es wird natürlich auch immer mal wieder härter diskutiert, das gehört aber dazu.

-Gab es Momente, in denen Ihnen das Lachen vergangen ist?

Natürlich gibt es in so einer langen Zeit manche Aufs und Abs. Am meisten hat mich betroffen gemacht, wenn Kollegen schwer erkrankt sind, im Rathaus oder im Stadtrat. Das waren einige, die meisten sind Gott sei Dank wieder wohlauf. Aber da erkennt man, dass es Dinge gibt, die weitaus wichtiger sind als die kommunale Politik. Die Gesundheit zum Beispiel.

-Sind Sie auch einmal an Ihre Grenzen gestoßen?

Ich erinnere mich an einen konkreten Fall, der mich sehr belastet hat. Es ging damals um ein Bauprojekt. Dahinter steckte ein Bauträger, ein Trio, von denen einer von sich behauptete, dass er mal Zuhälter im Ruhrgebiet war. Wir wollten nicht so, wie die wollten.Das hat dazu geführt, dass von der Tribüne im Sitzungssaal heruntergerufen wurde: ,Hier geht’s ja zu wie bei Adi’. Ich habe den Mann des Saales verwiesen, was dem damaligen Geschäftsleiter auch noch eine Ohrfeige eingebracht hat. Einer von denen hat gesagt, er schickt seine Kumpanen aus ganz Deutschland und die werden in Olching für Ordnung sorgen. Da macht man sich schon Sorgen, auch um die eigene Familie.

-Kamen Bedrohungen denn öfter vor?

Das war die einzige Situation, in der ich derart aggressiv angegangen wurde. Ab und an gibt es einmal Diskussionen mit Bürgern, die aufgebracht sind. Mit diesen Menschen kann man sich aber in aller Regel vernünftig verständigen und eine Lösung suchen. Wichtig ist, dass man Verständnis zeigt und erklärt, warum das jetzt so nicht geht, wie sie sich das vorstellen. Manche akzeptieren es, andere nicht. Ich habe aber festgestellt, dass die Egoismen zugenommen haben.

-Gibt es Beispiele?

Nein, nichts Konkretes. Aber ich ziehe einen Vergleich. Früher zogen Leute her und stellten fest: Mensch, da gibt es keinen Spielplatz. Die haben dann gesagt: Wir bauen einen Spielplatz. Das ist jetzt zugegebenermaßen mehr als 20 Jahre her. Heute kommen die Menschen an und sagen: Warum ist denn der Spielplatz noch nicht fertig? Außerdem ist der ein paar Meter zu weit weg für mein Kind. Die Ansprüche sind sehr stark gestiegen.

-Woran liegt das?

Ich glaube, dass der starke Bevölkerungszuwachs in der Region, ein immer engeres Wohnen, verstopfte Straßen, volle Züge und immer weniger Zeit nicht immer förderlich für das Zusammenleben und die Gemeinschaft in einer Stadt sind. In den vergangenen zehn Jahren kamen fast 4000 Menschen hinzu. Wir haben nun 28 000 Einwohner. Da müssen wir aufpassen, dass wir nicht überlaufen werden. Auch deshalb darf Olching insbesondere in der Fortentwicklung der Infrastruktur und der Förderung der Wohn- und Aufenthaltsqualität nicht stehen bleiben.

-Sie sind der erste Bürgermeister der Stadt Olching. Welches Thema lag Ihnen dabei am Herzen?

Die Unternehmensansiedlung beziehungsweise Arbeitsplätze. Die Gewerbesteuereinnahmen waren früher vergleichbar mit einer Gemeinde, die halb so viele oder noch weniger Einwohner hat. Dabei haben wir beste Voraussetzungen: Das Gewerbegebiet in Geiselbullach etwa hat eine Wahnsinns-Lage durch die B 471 und die Autobahn. Dort sind mittlerweile 800 Arbeitsplätze entstanden. Da sind Dienstleister für ansässige Unternehmen gar nicht eingerechnet. Zum Vergleich: Ende 2007 hatten wir 3,5 Millionen Euro Gewerbesteuer eingenommen, heute sind es um die zehn Millionen Euro. Da ist immer noch Luft nach oben – aber wir haben neben der Einkommenssteuer, wo wir aufgrund der Bevölkerungsstruktur gut aufgestellt sind, eine solide Basis für Investitionen schaffen können. Etwa in Infrastruktur, Wohnungen, Schulen und Kindertagesstätten.

-Die Beschaffenheit der Unternehmen, also etwa der Global Player Amazon, hat Ihnen Kritik eingebracht, weil er möglicherweise Händlern vor Ort schadet. Wie bewerten Sie das?

Auf diese einseitige Betrachtungsweise reagiere ich fast schon allergisch. Wichtig ist, dass wir eine Vielfalt von Unternehmen und Arbeitsplätzen anbieten können, vom Familienbetrieb bis zum größeren Mittelständler und auch dem Global Player. Alles wird gebraucht. Bei größeren Unternehmungen hatten wir ein Defizit. Das darf man nicht an Gebäudlichkeiten festmachen. Dass ein Gebäude in einem Gewerbepark optisch keine voralpenländliche Kulisse darstellt, dürfte klar sein. Die hatten wir in der Stadt im Übrigen noch nie.

-Apropos Kulisse. Sie leben seit Ihrer Kindheit hier. Hat das einen Einfluss auf Ihre Vision von der Stadt?

Tatsächlich will ich vor allem das erhalten, was ich als Kind geschätzt habe, wie zum Beispiel die Amperauen. Ich bin absoluter Lokalpatriot. Es gibt keine Stadt im Umkreis von München, die mehr zu bieten hat. Weil wir diese unglaubliche Mischung haben. Wir haben die dörflichen Strukturen Esting, Graßlfing, teilweise auch Geiselbullach, selbst in Olching noch. Hinter der Kirche sind zwei praktizierende Landwirte direkt im Stadtzentrum. Das alte Olching sollte mit dem modernen eng verbunden werden, Hand in Hand gehen.

-Sind die Pläne für die Bahnhofsmitte, die Paulusgrube, dafür auch beispielhaft?

Genau, das ist die Grundidee. Ich bin begeistert, wie mutig der Stadtrat das mitgeht. Wir wollen an dieser Stelle einmal etwas städtischer sein. Das Denken ist manchmal nämlich doch noch sehr dörflich. Bei den Plänen für die Bahnhofsmitte verbindet eine Brücke die Amperauen und neue Parkflächen mit dem modernen Wohn- und Einkaufsbereich. Denn ich wünsche mir, dass die Bürger nicht nur hier wohnen und alles andere, wie ausgehen und andere Freizeitaktivitäten, in München machen.

-Sie setzen auf ein blühendes Zentrum – und der Online-Riese Amazon startet ein paar Kilometer weiter seine Lieferungen. Wie kann das funktionieren?

Es nützt nichts, auf Amazon zu schimpfen. Man muss dagegenhalten. Mit was man als Stadt punkten kann, ist Aufenthaltsqualität und Erleben. Da können alle Onlinehändler dieser Welt nicht mithalten. Die können einem vielleicht gewisse Dinge abnehmen. Aber im Internet kann man nicht mit den Kindern spazieren gehen und dabei in der Hauptstraße einkaufen. Da ist der Grüne Markt, da treffen wir Bekannte, da ratschen wir und im kleinen Italiener kaufen wir uns einen Cappuccino.

-Wie gestaltet der Bürgermeister seine Freizeit?

Ich versuche, am Wochenende möglichst viel Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen, das entspannt mich. Ich fühle mich auch als Bürgermeister zum Anfassen, gehe gerne in Olching essen. Aber klar: Ich habe auch oft Termine. Deshalb darf ich meinen Beruf auch nicht als klassischen Acht-Stunden-Job betrachten. Sonst denke ich mir: Oh Gott, jetzt habe ich 80 Stunden gearbeitet. Das wird nicht funktionieren. Bürgermeister zu sein, muss man als Bestandteil des eigenen Lebens sehen. Wenn ich am Sonntag zwei Stunden bei einer Versammlung der Feuerwehr verbringe, dann sehe ich das als Zeit mit Bekannten und Freunden und nicht als Dienstzeit.

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