Muss genau kalkulieren: Lutz Skupin Sprecher der Schicki-miki-Läden. ArchivFoto: Peter weber
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Muss genau kalkulieren: Lutz Skupin, Sprecher der Schicki-miki-Läden. (Archivfoto)

Wegen Umstrukturierung

Second-Hand-Laden: Rabatt für Bedürftige wird gestrichen

  • Kathrin Böhmer
    VonKathrin Böhmer
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Eine Olchinger Rentnerin nutzt die „Schicki-miki“-Gebrauchtwarenläden, um günstig Kleidung und Möbel zu kaufen. Lange Zeit gab es dort für Menschen wie sie – mit Mini-Geldbeutel – Rabatt. Doch das wird nicht so bleiben. Die Läden wurden umstrukturiert und müssen sich nun rentieren. Und da ist noch ein Problem.

Olching/Puchheim – Rentnerin Maria Lindner (Name geändert) macht keinen Hehl daraus, dass sie arm ist. „Ich habe gerade einmal 400 Euro im Monat zur Verfügung“, sagt sie. Sie bezieht Grundsicherung vom Staat, davon zahlt sie Strom, Lebensmittel, Kleidung und was sonst noch nötig ist – nur die Miete nicht. Für die 73-Jährige zählt wirklich jeder Cent, vor allem da durch die Pandemie vieles teurer geworden sei. „Ich bin um jede Vergünstigung froh.“

In den Gebrauchtwarenläden in Olching und Puchheim konnte sie lange Zeit günstig Möbel und Kleidung erstehen. „Ich konnte mir zum Beispiel gute Turnschuhe für zehn Euro kaufen.“ Dafür musste sie nur ihren Tafelausweis als Bedürftigkeitsbeleg vorlegen und erhielt 20 Prozent Rabatt.

Aber kürzlich erfuhr sie von einem Mitarbeiter der Läden, dass der Sozial-Bonus ein Auslaufmodell sei. Die Olchingerin, die ihr Essen nicht selten aus dem Müll im Supermarkt holt, ist entsetzt: „Ich war völlig vor den Kopf gestoßen.“ Sie hat den Eindruck, dass den Armen immer mehr genommen wird.

Second-Hand-Läden stecken in Zwickmühle

Das Problem ist allerdings: Die Schicki-miki-Läden stecken in einer Zwickmühle. Man muss wissen, dass sie ursprünglich vom „Aufrechten Gang“ betrieben wurden. Der Verein hatte es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, armen Menschen günstige Einkaufsmöglichkeiten zu bieten. Es gab früher sogar Sachen umsonst, wie Stammkundin Lindner erzählt.

Doch Ende 2017 wurde der Verein aufgelöst, die Läden gingen über in die „Schicki-miki UG“ (einer Vorstufe zur GmbH). In Puchheim wurde der Tafel-Rabatt sofort gestrichen, in Olching gibt es ihn wohl nur noch bis Ende des Jahres, der Germeringer Laden gehört nicht mehr dazu. Firmensprecher Lutz Skupin erklärt: „Wir müssen genauso mit jedem Cent kalkulieren.“ Heißt: Sechs Mitarbeiter (Ein-Euro-Jobber sind nicht mehr möglich) und Fixkosten müssen bezahlt werden. Außerdem müssen 19 Prozent Mehrwertsteuer erhoben werden.

Skupin war bereits zu Zeiten des Aufrechten Gangs dabei, kennt also die rein wohltätigen Zeiten. Geldspenden dürfe man im Gegensatz zu früher nicht mehr annehmen. Die Waren bekommen die Läden allerdings weiter umsonst von Leuten, die sie nicht mehr brauchen. Wie ein Flohmarkt, nur professioneller: Es muss alles sortiert, überprüft und gegebenenfalls repariert werden.

Gebrauchtwarenläden Puchheim und Olching: Nichts wird unnötig weggeworfen

Da geht es nicht nur um Kleidung. Manche bringen Laptops, die auf Vordermann gebracht werden. „Man kann bei uns ein gutes Gerät für 20 Euro bekommen“, erzählt Skupin. So wird nichts unnötig weggeworfen – darum ging es damals schon dem Verein und nun auch dem Unternehmen.

Skupin versichert zudem, dass man versuche, eindeutig Bedürftigen einen guten Preis zu machen. Das Problem: Wer ist wirklich bedürftig? Es sei immer wieder vorgekommen, dass mit dem Nachweis Schindluder getrieben wurde. „Es gibt Leute, die handeln dich runter, zeigen dir einen abgelaufenen Tafelausweis und steigen draußen in einen Audi. Da stimmt doch was nicht.“ Das seien Einzelfälle, klar. Aber der Laden habe keine Möglichkeit, zu prüfen, ob der Ausweis gültig sei, vor allem wenn kein Datum darauf stehe.

Anders ist es bei der Tafel selbst, erklärt Heinz Nebl von der Brucker Bürgerstiftung. Hier wird der Tafelausweis gegen Vorlage eines Bedürftigkeitsnachweises vom Sozialamt ausgestellt. Vor Ort könne man das Dokument scannen und die Informationen einsehen. Von einem Missbrauch sei ihm nichts bekannt. „Ich biete aber gerne an, die Ausweise zu überprüfen, wenn das das Problem löst“, sagt er. Das dauere allerdings eine Zeit.

Jetzt ist erst einmal Sommerpause bei Tafel und im Schicki-miki. Maria Lindner wird weiter für ihren Rabatt kämpfen. Sie hat keine Wahl. Sie ist geschieden, war selbstständige Klavierlehrerin, bis sie sich die Hand gebrochen hat. Das Schicksal der Altersarmut nahm aber schon früher seinen Lauf: Die Olchingerin ist lange daheim geblieben und hat ihre beiden Kinder groß gezogen. „Und das ist erst recht nichts, wofür ich mich jemals schämen werde.“

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