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Wenn aus Fasern Fäden werden: Das fasziniert die Olchingerin Barbara Samuel am Spinnen mit der Hand.

Olchingerin pflegt altes Handwerk

Sie hält die Fäden in der Hand

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Die Olchingerin Barbara Samuel ist eine ausgebildete Spinnerin. Damit ist nicht etwa gemeint, dass sie verrückt ist. Nein, die 61-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, eines der ältesten Handwerke der Kulturgeschichte am Leben zu erhalten.

Olching Egal ob Kleid, Socke oder Hose: „Am Anfang war der Faden“, sagt die Olchingerin Barbara Samuel. Schon seit frühester Kindheit interessiert sich Samuel für die Handarbeit. „Ich habe mit fünf Jahren das Stricken gelernt“, erzählt die heute 61-Jährige. Die herkömmlichen Handarbeitsmethoden wurden ihr irgendwann zu langweilig. Es musste eine neue Herausforderung her.

Auf einer Messe entdeckte sie diese schließlich. „Dort habe ich einen Spinner gesehen“, sagt sie. Wie aus feinsten Fasern Fäden gefertigt werden, faszinierte die Olchingerin so, dass sie im Internet ein Spinnrad ersteigerte – was sich zunächst aber als ziemlicher Reinfall entpuppte. „Das Rad war leider nicht mehr funktionsfähig.“

Doch entmutigen ließ sich die Olchingerin davon nicht. Samuel entschied sich dazu, eine Ausbildung zur Spinnerin in der Schweiz zu machen. Diese war sehr zeitintensiv, wie sie betont, denn sie dauerte von 2011 bis 2014. Für einen Berufstätigen undenkbar. Bei Samuel wurde dies möglich. weil sie ihren Job bei einem Telekommunikationsunternehmen beendete und mit 55 Jahren vorzeitig in Rente ging. „Die dadurch gewonnene Zeit habe ich genutzt.“ Dass sie hierfür in die Schweiz musste, liegt daran, dass die Ausbildung nur an wenigen Orten angeboten wird. „Die Spinnerei war zu keiner Zeit ein Lehrberuf“, sagt die Olchingerin. Das Handwerk wurde vielmehr mündlich von Generation zu Generation weitergegeben – und war früher eine hauptsächlich von Männern ausgeübte Tätigkeit.

Seit Erfindung der sogenannten „Spinning Jenny“, der ersten industriellen Spinnmaschine, durch den englischen Baumwollweber James Hargreaves im Jahr 1764 hat sich die Garnherstellung zu einem rein maschinellen Prozess entwickelt. In der Handspinngilde, einem im oberschwäbischen Biberbach ansässigen Verein, der deutschlandweit rund 700 Mitglieder in regionalen Gruppen hat, wird aber die althergebrachte Methode weiter am Leben gehalten. Und die Geschichte gepflegt.

Das Spinnrad gelangte erst Ende des zwölften Jahrhunderts aus dem Orient nach Europa. Ursprünglich wurden Fäden mit Spindeln hergestellt – einem stabförmigen Schaft mit einer Schwungmasse, mit dem die feinen Fasern zu Garn verdrillt werden. „Gandhi hat Baumwolle mit einer Handspindel gesponnen“, sagt Samuel. Das Gewicht der Spindel bestimme, wie fein der Faden wird. „Je leichter, desto feiner.“

Auf die Frage, welche Materialien sie zum Spinnen verwendet, gibt die Olchingerin eine ebenso einfache wie bestechende Antwort: „Alles, was spinnbar ist.“ Dazu zählen nicht nur tierische Fasern wie Angora, Babykamel oder natürlich Seide. Auch pflanzliche Fasern wie Flachs lassen sich zu Fäden verarbeiten.

Der Garn kann ganz individuell gestaltet werden. „Zum Beispiel kann man verschiedene Farben mischen“, sagt Samuel. Sogar Perlen oder Federn können eingesponnen werden, sogenannter Art-Garn, mit dem sich kunstvolle Deckchen oder Schals fertigen lassen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

„Es ist ein tolles Hobby“, sagt die Olchingerin. Auch ihren Ehemann Uwe Weißmann (57) hat sie inzwischen erfolgreich mit dem Handspinn-Virus infiziert. Gemeinsam fahren die beiden auf Veranstaltungen wie die Türkenfelder Bergweihnacht oder den Weihnachtsmarkt auf dem Jexhof, um anderen das Spinnen näherzubringen. Auf dem Jexhof gibt Samuel auch Kurse (siehe Kasten). Zuhause hilft es ihnen, Stress abzubauen. Denn, so schwärmt Samuel: „Spinnen tut der Seele gut.“

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