Jeden Cent umdrehen, wenn man in Rente ist? Vielen droht im Alter ein Leben am Existenzminimum.
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Jeden Cent umdrehen, wenn man in Rente ist? Vielen droht im Alter ein Leben am Existenzminimum.

Tagblatt-Aktion

Tipps von der Volkshochschule: So beugt man der Altersarmut vor

Altersarmut breitet sich zunehmend aus – auch in unserer Region. Die Lage mit den hohen Mieten im Münchner Speckgürtel macht die Situation nicht einfacher. Diesem Schicksal ist man aber nicht hilflos ausgeliefert, wenn man rechtzeitig die richtigen Schritte einleitet. Tipps kommen von der Olchinger Volkshochschule.

Olching – „Die Rente ist sicher“ – der Satz von Norbert Blüm hat sich ins Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Im Grunde stimmt der Satz des früheren Arbeits- und Sozialministers noch immer. Allerdings hat Blüm 1986, als er den Slogan ausgab und entsprechende Plakate sogar selbst auf Litfaßsäulen klebte, nichts über die Höhe gesagt – und die ist eben nicht sicher. Das spüren heutige Rentner und künftige noch viel deutlicher.

Rentenniveau sinkt weiter

Wer heute noch zum durchschnittlich verdienenden Mittelstand gehört, ist morgen in der Rente alt und arm, wenn er sich nur auf die gesetzliche Rente verlässt. Denn seit Blüms Zeiten ist das Rentenniveau auf mittlerweile 48,2 Prozent abgesackt. Schon heute ist absehbar, dass das Rentenniveau noch weiter sinkt, sinken muss. Nur durch die Zauberformel „doppelte Haltelinie“ hat die große Koalition aus SPD und Union es geschafft, das Rentenniveau – und den Rentenbeitrag – auf der gegenwärtigen Höhe zu stabilisieren. Die Zauberformel hält aber nur bis 2025 vor, danach verliert sie ihre Kraft.

Zur Erklärung: Anfang 2019 trat das Rentenversicherung(RV)-Leistungsverbesserungs- und -Stabilisierungsgesetz in Kraft, besser bekannt als „doppelte Haltelinie“. Das von Bundesarbeits- und Sozialminister Hubertus Heil (SPD) initiierte Gesetz soll durch eine Änderung der Rentenformel garantieren, dass das Rentenniveau bis 2025 nicht unter 48 Prozent fällt und der RV-Beitragssatz bis 2025 nicht über 20 Prozent steigt – zurzeit liegt er bei 18,6 Prozent.

Babyboomer allein setzen System schon zu

Genau dann aber gehen die „Babyboomer“, sprich die Generation der heute Endfünfziger, in Rente. Mit 1 357 304 lebend geborenen Kindern war der Geburtsjahrgang 1964 der stärkste überhaupt. Aber auch schon die Jahre davor waren „kinderreich“.

Allein diese Zahlen zeigen, dass unser Rentensystem in den kommenden Jahren gewaltig unter Druck kommen wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die „doppelte Haltelinie“ fällt. Dann allerdings wird das Rentenniveau zwangsläufig weiter sinken auf 47, 46 oder gar 45 Prozent.

Der Standardrentner ist ein Exot

Was heißt Rentenniveau aber überhaupt? Anders als bei Pensionären bezieht es sich nicht auf das letzte Gehalt vor Rentenbeginn, sondern drückt das Verhältnis einer Standardrente zum Durchschnittsverdienst aller aus, so erklärt es die Deutsche Rentenversicherung. Das heißt, nur wer 45 Jahre lang immer gearbeitet und immer durchschnittlich verdient hat, kommt auf ein Rentenniveau von derzeit 48,2 Prozent.

Wobei das nur die halbe Wahrheit ist, denn der Standardrentner muss auch ordentlich geriestert haben. Sprich: immer brav in eine Riester-Rente eingezahlt haben. Denn dieser Faktor fließt in die Rentenformel ein. Der Standardrentner, so viel dürfte klar sein, ist ein Exot: Viele Rentenzahler kommen nicht auf 45 Jahre und/oder haben weniger als der Durchschnitt verdient, der übrigens 2020 bei 3461,75 Euro lag.

Dieser Exot kommt zurzeit auf eine monatliche Standardrente von brutto 1538,55 Euro (34,19 Euro pro Entgeltpunkt mal 45) und nach Abzug der Krankenkassen sowie Pflegebeiträge netto vor Steuern auf 1370,85 Euro. Nach Abzug der Steuern bleiben weniger als 1300 Euro übrig.

Am besten gleich drei Säulen aufbauen

Dabei ist der Standardrentner noch gut dran, denn die tatsächlich ausgezahlten Renten liegen mit 1140 Euro (Männer) und 728 Euro (Frauen) deutlich darunter. Damit kommt im Münchner Speckgürtel niemand sonderlich weit. Nach Abzug der Miete bleibt kaum etwas zum Leben übrig.

Vorsorge für den Ruhestand ist also zwingend notwendig. Wer im Alter nicht in Armut enden will, muss sich neben der gesetzlichen Rente eine zweite oder gar dritte Säule aufbauen. Die zweite Säule ist die betriebliche Altersvorsorge (bAV), die dritte, die private.

Riester ist zu teuer

Die damalige rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder – und schon davor – propagierte in den 2000er-Jahren die betriebliche Altersvorsorge und darüber hinaus die Riester-Rente, benannt nach dem damaligen Arbeitsminister Walter Riester. Wer heute riestert, bekommt eine Grundzulage von 175 Euro und eine Kinderzulage von 185 oder 300 Euro, je nach Geburtsjahr des Kindes. Das liest sich beim ersten Hinsehen nicht schlecht.

Trotzdem geht die Zahl der Riester-Verträge zurück, ferner hat schätzungsweise ein Fünftel seine Riester-Rente stillgelegt, weil sie sich nicht lohnt. Das Infoportal „Finanzwende“ hat errechnet, dass im Schnitt „nahezu jeder vierte eingezahlte Euro“ von den Kosten aufgefressen wird. Da müssen schon viele Kinderzulagen einfließen, dass sich Riester dennoch lohnt. Wer eine Riester-Rente abschließen will, sollte unbedingt vorher seinen Taschenrechner bemühen.

Lohnen sich Betriebsrenten?

Wie sieht es mit der betrieblichen Altersvorsorge aus? Leider knirscht es auch bei Pensionskassen, -fonds und Direktversicherungen, die mehrere Probleme haben. Bei der bAV verzichtet der Arbeitnehmer in Form der Entgeltumwandlung auf einen Teil seines Gehalts, das vom Arbeitgeber weitergereicht wird zum Aufbau der Altersvorsorge. Für den Arbeitgeber ein guter Deal: Er spart sich 20 Prozent Sozialabgaben und muss wegen des Betriebsrentenstärkungsgesetzes nur 15 Prozent ausgleichen. Der Arbeitnehmer spart zwar in der Einzahlphase ebenfalls Sozialabgaben und Steuern, die werden aber in der Auszahlphase fällig.

Deutschland hat aufs falsche Pferd gesetzt

Meist kümmern sich Versicherungen um das Geld der Altersvorsorger – nicht immer zu deren Vorteil. Niedrigzins und hohe Verwaltungskosten knabbern an den Renditen, sodass für den Betriebsrentner kaum noch etwas dabei herauskommt. Wer heute einen entsprechenden Vertrag abschließt, muss sich mit 0,9 Prozent Garantiezins zufriedengeben – und die Versicherungsmathematiker fordern bereits, dass er auf 0,5 oder gar 0,25 Prozent gesenkt werden müsste. Jedem dürfte spätestens jetzt klar sein, dass die staatlich geförderte Altersvorsorge gescheitert ist – trotz Milliarden-Subventionen.

Deutschland hat aufs falsche Pferd gesetzt. Die Schweden beispielsweise zeigen uns, wie’s geht, und erwirtschaften mit ihrem staatlichen Fonds AP7 Renditen von jährlich neun Prozent. Leider dürfen da nur Schweden investieren. Im Grunde bleibt Deutschen nur, privat vorzusorgen. Genau das empfehlen etwa der ARD-Filmautor Michael Houben und Finanzredakteur Hermann-Josef Tenhagen vom Verbraucherportal „Finanztip“.

Investieren in Sachwerte

Die Anlagemöglichkeiten sind wegen der Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) auf wenige Alternativen zusammengeschrumpft. Mit Sparbuch, Tagesgeld und Anleihen sind Altersvorsorger schlecht beraten. Investieren in Sachwerte heißt die Devise – und das sind Immobilien, Aktien und Gold. Was das konkret bedeutet, hat Houben am 1. Februar 2021 im „Ersten“ in der Sendung „Keine Zinsen – miese Rente“ (in der Mediathek abrufbar) an Praxisbeispielen verdeutlicht.

Dazu begleitete er den ehemaligen Chemiker Ulrich Krell und die alleinerziehende Bühnenmeisterin Birgit Blech. Krell hat alles richtig gemacht und neben der gesetzlichen und betrieblichen auf private Altersvorsorge gesetzt. Er ist fein raus. Birgit Blech stützt sich auf ihre gesetzliche Rente, müsste aber privat vorsorgen. Stattdessen lässt sie ihre 40 000 Euro aus einer Erbschaft auf dem Konto liegen, wo das Geld wegen der Inflation in 15 Jahren wertmäßig auf 27 000 Euro geschrumpft sein wird.

Auf steigende Zinsen kann sie in den kommenden Jahren kaum hoffen. Richtiger wäre es, da sind sich Houben und Tenhagen einig, das Geld in Aktien zu investieren. Wobei Aktien in dem Fall Indexfonds oder kurz ETFs bedeuten. Langfristig – und das lässt sich nachweisen – notieren breit streuende Indexfonds immer im Plus, trotz mehrerer Crashs. Tenhagens Credo heißt denn auch: „weltweit, marktbreit und Langzeit“.

Mit ETF-Sparplan anfangen

Wer keine 40 000 Euro wie Birgit Blech – sie hat sich dann doch noch von ETFs überzeugen lassen – besitzt, kann mit wenigen Euros pro Monat anfangen. Viele Banken und Onlinebroker bieten ETF-Sparpläne an, sodass Altersvorsorger problemlos in Indizes wie den globalen Aktienindex MSCI World mit Kleinbeträgen investieren können. Der MSCI World enthält rund 1600 Aktien aus 23 Industrieländern.

Selbst wenn ein Unternehmen Pleite gehen sollte, wirkt sich das kaum wahrnehmbar auf den Wert des Index aus. Die Kosten eines ETF-Sparplans betragen teilweise weniger als ein Prozent; das Risiko ist dank der breiten Streuung überschaubar.

Altersarmut muss nicht sein

Wer in jungen Jahren damit anfängt, braucht sich im Alter weniger Sorgen um seine Altersvorsorge machen, anders, als wenn er sein Geld auf Sparbuch oder Tagesgeldkonto liegen lässt. Dort verliert es mit Sicherheit an Wert.

Den ganzen Vortrag

gibt es am kommenden Donnerstag, 17.30 Uhr, im Internet. Anmeldung erfolgt auf www.vhs-olching.de. Nach der Anmeldung erhält man den Link. (Von Helmut Achatz)

Der Autor

Der Autor Helmut Achatz ist seit 2017 Rentner. Davor arbeitete er 17 Jahre lang als Finanzredakteur bei Focus-Money. Noch in der aktiven Berufsphase bereitete er sich auf die dritte Lebensphase vor und startete den Internet-Blog vorunruhestand.de, der sich mit den Themen Rente und Älterwerden beschäftigt. Parallel dazu engagiert sich Achatz im Vorstand der Volkshochschule Olching (VHS) und im Vorstand des Vereins der Direktversicherungsgeschädigten (DVG) für die Abschaffung der Doppelverbeitragung von Direktversicherungen.

Für die Tagblatt-Serie hat er Teile seines VHS-Vortrages zusammengefasst. Auch er kann derzeit nur virtuell referieren.

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