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Freddy Burkhart aus Graßlfing.

Olching/Puchheim

Steinzeit im Großraum München: Abgehängt vom Turbo-Internet

Der Freistaat präsentiert auf einer Webseite stolz, wie rasch es beim Turbo-Internet vorangeht: 98 Prozent der Kommunen befinden sich im Förderverfahren für den Breitbandausbau. Dass man deshalb noch lange nicht schneller surfen kann, bekommen die Graßlfinger zu spüren – aber auch die Puchheimer.

Olching/Puchheim – Hand aufs Herz: Wer weiß, wie schnell seine Internetverbindung zuhause ist, also ganz konkret? Mit der Übertragungsrate beschäftigt man sich normalerweise erst, wenn es Probleme gibt, es zum Beispiel gefühlte Stunden braucht, bis ein Foto aus dem Internet auf dem Computer erscheint. Bei Freddy Burkhart ist es so: Er weiß sogar, wie es um die Internet-Surf-Qualitäten seiner Nachbarn in Graßlfing bestellt ist. Das bringt der jahrelange Kampf für schnelleres Internet mit sich.

Zwei MBit pro Sekunde

Graßlfing ist so miserabel versorgt, dass zum Beispiel eine ortsansässige Firma auf gerade einmal zwei Megabit pro Sekunde Downloadkapazität (0,6 MBit/s beim Upload) zugreifen kann. Was das bedeutet? Ganz einfach: „Das ist aus meiner Sicht Steinzeit“, erklärt der 65-jährige, frühere Siemens-Angestellte. Arbeiten zuhause – Homeoffice – sei so gut wie unmöglich.

Der Stadtteil Graßlfing zählt zu den weißen Flecken auf Olchings Breitbandausbaukarte. Insgesamt sind 105 Anschlüsse (20 in Wolfganghof und Esting) betroffen. Vor fünf Jahren hat die Telekom zwar bereits einen Großteil des Stadtgebiets mit leistungsfähigen Anschlüssen versorgt, nur eben nicht flächendeckend. Burkhart und seine Mitstreiter wie Michael Neumeyer beschwerten sich im Rathaus.

Die Stadt machte sich das Förderprogramm des Freistaats für den Breitbandausbau in ländlichen Regionen (mit einer Versorgung von unter 30 MBit) zunutze. 2017 gab es grünes Licht vom Freistaat: Bis zu 520 000 Euro sollten fließen. Damit wäre der größte Teil der Kosten von veranschlagten 650 000 Euro beglichen gewesen. Ein Ingenieurbüro hatte die Planung übernommen. Eine Ausschreibung wurde gestartet.

Angebots-Schock

Lediglich die Telekom reagierte darauf. Die aufgerufene Summe: 1,7 Millionen Euro, weit über das Doppelte des einkalkulierten Budgets, aus Sicht des Rathauses unwirtschaftlich. Das Problem: Für viele Unternehmen ist der Ausbau in weniger dicht besiedelten Gebieten wie im Graßlfinger Moos unrentabel. Die Uhr tickt aber für die Stadt, da die Frist für die Förderung im Sommer ausläuft.

Das Rathaus suchte mehrfach das Gespräch mit der Telekom. „Wir haben uns sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt“, sagte Bürgermeister Andreas Magg (SPD) in der Sitzung des Stadtrates. Dem Gremium lag nun, nachdem der Hauptausschuss im Vorfeld einstimmig so votiert hatte, ein Beschlussvorschlag vor: die Aufhebung des Breitbandförderverfahrens – jedoch inklusive etwaiger Bewerbung für das nächste Förderprogramm.

Der Graßlfinger Burkhart war entsetzt. „Jetzt hat man die Fördergelder und dann nimmt man sie nicht her!“, schimpfte er. Er nutzte die Aktuelle Viertelstunde im Stadtrat, um seinen Standpunkt klar zu machen: Irgendwann sei der Zug für Graßlfing abgefahren und der Ort abgehängt. Es wirkte: Der Stadtrat fasste den Beschluss nicht. Es werden weitere Optionen geprüft.

Eine brachte FWO-Fraktionsvorsitzender Ewald Zachmann vor: „Die Graßlfinger sind doch gewieft.“ Wäre es nicht denkbar, dass sie auf Eigeninitiative in Kooperation mit dem Netzanbieter Glasfaserkabel verlegen? Offenbar sei so etwas schon erfolgreich praktiziert worden.

Bei Freddy Burkhart stößt das nicht auf Begeisterung. Er hat sich mittlerweile aber selbst geholfen, um zumindest auf 25 MBit zugreifen zu können: Da er ganz nahe am Ortsrand wohnt, kann er das Gröbenzeller Netz anzapfen.

Puchheims Problem

In Puchheim steht hingegen schon sicher fest: zwei weiße Flecken werden bleiben, ein Reiterhof und eine Gärtnerei. Der Anschluss dieser zwei Anwesen wäre nämlich teurer als die Versorgung aller 39 Haushalte, die derzeit noch nicht vom schnellen Internet profitieren. Zumindest diese letzte größere Versorgungslücke soll aber geschlossen werden. Einstimmig empfahl der Planungsausschuss des Stadtrats eine Glasfaser-Verlegung in den äußersten Osten von Puchheim-Ort. Die Kosten von 280 000 Euro teilen sich Stadt (zu 40 Prozent) und Freistaat.

Glasfaser bis ins Haus?

Umstritten war im Ausschuss jedoch, ob Glasfaser bis an die Grundstücksgrenze oder direkt ins Haus verlegt werden sollte. Jürgen Schuster von der Beratungsfirma Corwese warnte vor einer zu kurzen Leitung. Für die meisten Telekommunikationsunternehmen werde es uninteressant, wenn sie selbst als Anbieter und die möglichen Nutzer noch Anschlusskosten – für den Privaten zwischen 700 und 1000 Euro – übernehmen müssten.

Andererseits könnte es aus Gründen der Gleichberechtigung angebracht sein, einen ausgewählten Kreis von Bürgern nicht von vornherein besserzustellen. Denn dann könnten alle Puchheimer, die später mit Glasfaser versorgt werden, ebenfalls den Hausanschluss fordern. Zumindest die betroffenen Ortler würden ohnedies die Investition nicht scheuen, hätten sie doch wiederholt auf eine bessere Versorgung gedrängt, meinte Manfred Sengl (Grüne). Und Telekom oder Vodafone könnten leicht abfragen, wie hoch der Bedarf tatsächlich sei.

Auch Jean-Marie Leone (SPD) zeigte sich skeptisch. Wenn ein Privatunternehmen Geld verdienen wolle, müsse es die Kröte mit dem fehlenden Leitungsstück schlucken. Man könne die Unternehmen nicht einfach verpflichten, die hätten „ihre eigenen Spielregeln“, meinte Bürgermeister Norbert Seidl (SPD). „Ich tu mir schwer, was abzulehnen, was der Puchheimer Infrastruktur dient“, sagte Sigrun Matthes (SPD).

Leerrohre als Lösung

Eine endgültige Entscheidung über den Hausanschluss gab es nicht. Die Stadt müsste über 20 Millionen Euro ausgeben, um in Puchheim flächendeckend die Möglichkeit für einen Glasfaseranschluss zu schaffen. Dies ergab der Masterplan der Berater. Diese empfehlen der Stadt, Schritt für Schritt vorzugehen. Naheliegend sei demnach, bei allen Straßensanierungen, bei Reparatur oder Verlegung von neuen Wasser- oder Gasleitungen Leerrohre mit unter die Fahrbahn oder den Gehweg zu legen. Die können dann verkauft oder vermietet werden, wenn interessierte Unternehmen sie für ihre Glasfaserkabel nutzen wollen.

Denn ein Kabel in ein vorhandenes Rohr „einzublasen“ sei ungleich günstiger als die Straße selbst aufzureißen. Im Ausschuss gab es dennoch Zweifel. „Wir wissen doch gar nicht, ob es gebraucht wird, die Standards ändern sich dauernd“, meinte Max Keil (ubp). Und Thomas Hofschuster (CSU) sprach von Versorgungsunternehmen, die „alle ihr eigenes Süppchen kochen“. Niemand könne wissen, ob die Rohre dann wirklich genutzt würden. (Kathrin Garbe/Olf Paschen)

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