Unter Strom: Die Hochspannungsleitung über dem Grundstück am Estinger S-Bahnhof.
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Unter Strom: Die Hochspannungsleitung über dem Grundstück am Estinger S-Bahnhof.

Überraschende Wende bei Vorberatung

Wohnpark am Estinger Bahnhof: Pläne auf der Kippe - Anwohner in Sorge

  • Kathrin Böhmer
    vonKathrin Böhmer
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Der von einem Olchinger Bauunternehmer geplante Wohnpark südlich des Estinger S-Bahnhofes gehört zu den ambitioniertesten Projekten in der Stadt. Seit Jahren wird an Plänen und Verträgen gearbeitet. Ein Knackpunkt: die Stromleitung über dem Grundstück. Nun gibt es eine überraschende Wende.

Olching – Eigentlich hatte man darauf gewartet, dass die Mitglieder des Stadtentwicklungsausschusses beim entsprechenden Tagesordnungspunkt wieder in die gewohnte Pro-Kontra-Debatte verfallen. Seit Jahren wird gefeilscht, wenn es um das Wohnbauprojekt am Estinger S-Bahnhof geht. Vieles drehte sich immer wieder um die Frage: Wohnungsmasse versus Wohnqualität. Doch diesmal, als eigentlich ein wichtiger Beschluss anstand, war alles anders – zumindest im öffentlichen Teil.

Verfahren stoppen

Denn Tomas Bauer, Fraktionsvorsitzender der CSU, hatte kurzfristig einen Antrag eingebracht: Das aktuelle Verfahren, das seinen Anfang schon 2015 hatte, und einen Extra-Vertrag der Stadt mit dem Bauträger beinhaltet, soll eingestellt werden. Eine so genannte Veränderungssperre soll erlassen werden. Sprich: Erst einmal würde hier kein Bagger anrücken. Zunächst soll der Bebauungsplan an bestimmte Zielvorgaben angepasst werden – unabhängig vom Investor.

Bauer argumentierte in der Sitzung unter anderem so: „Das Vorhaben ist in der jetzigen Form zu groß, zu massiv und lässt sich nicht in die Nachbarschaft integrieren.“ Eine knappe Mehrheit (5:6) aus CSU, Freie Wähler Olching und ÖDP folgte – völlig ohne Diskussion. Nur SPD und Grüne wollten an dem Verfahren festhalten. Die endgültige Entscheidung trifft der Stadtrat in einer Woche. Bürgermeister Andreas Magg (SPD) wagte schon eine Prognose: „Es könnte eng werden.“

Unter Hochspannung

Um den Schritt der CSU zu verstehen, muss man den Hintergrund kennen. Das brachliegende dreieckige Areal direkt an den Gleisen galt nicht gerade als Filet-Grundstück. Für Bauherren eine Herausforderung – zum derzeitigen Zeitpunkt darf dort sowieso nur eine beschränkte Anzahl an Wohnungen entstehen, da es sich um ein Mischgebiet handelt. Es verläuft außerdem noch eine Hochspannungsleitung darüber. Diese spielte eine zentrale Rolle – so sehen es jedenfalls die Christsozialen.

Der Bauträger, die Firma „Scheidecker“, wollte trotz der Widrigkeiten einen Wohnpark auf dem Areal errichten – ein Boardinghouse (eine Art Hotel für Arbeiter) war bereits abgelehnt worden wegen massiver Probleme mit der Nachbarschaft. Für die Stromleitung wurde eine Lösung gefunden, von der beide Seiten profitieren sollten: Sie sollte unterirdisch verlegt werden – wie bei der Paulaner Brauerei in Lochhausen. Das sollte vertraglich (per Vorhaben- und Erschließungsplan) festgehalten werden.

„Der Scheidecker hat uns jahrelang versprochen, dass die Leitung wegkommt“, erklärt Bauer auf Tagblatt-Anfrage. Dafür hätte man schließlich die viel zu dichte Bebauung in Kauf genommen. Immerhin würde neuer, dringend benötigter Wohnraum in der Stadt geschaffen: nach aktuellem Stand 79 Wohnungen (42 für einkommensschwache Mieter). Es gab Verhandlungen mit den Beteiligten – wie Bayernwerke und Stadtwerke.

Neues Umspannwerk

Zwischenzeitlich schritten allerdings noch andere Planungen voran: Es soll ein neues Umspannwerk am Ortsrand von Esting gebaut werden, wie Bürgermeister Magg erklärt. Dies sei unabhängig von dem Scheidecker-Bauvorhaben geplant – immerhin sei das alte Umspannwerk im Herzen Olchings auch nicht gerade ein Schmuckstück. Ein Grundstück wurde laut Magg überraschend schnell gefunden. Das bedeutet allerdings: Die überirdischen Stromleitungen werden obsolet.

Eigentümer profitiert

Für die CSU-Fraktion der Anlass, aus dem Handel mit dem Olchinger Bauunternehmer auf Kosten der Anwohner (siehe unten) auszusteigen. Bauer wünscht sich nun ein sauberes Verfahren. „Ohne Tricks und alles.“ Der jetzt gültige Bebauungsplan soll Ausgangspunkt für das Maß der Nutzung bleiben, es sollen Wohnungen für ärmere Menschen entstehen und das Gebiet soll in ein Wohngebiet umgewandelt werden. Außerdem könne man nach Wegfall der Stromleitung die Gebäude verträglicher situieren. Sprich: Nicht so nahe an den Gleisen. Von der Umwidmung profitiere auch der Eigentümer – weil das Grundstück im Wert steige. Das Baurecht sei seit sieben Jahren nicht in Anspruch genommen worden, eine Veränderungssperre sei zulässig.

Wohnungsnot

Bei der SPD stieß der CSU-Vorstoß auf Unverständnis. „Wir sind froh, dass wir den Anteil von geförderten Wohnungen erreicht haben“, erklärt Fritz Botzenhardt. Man werde definitiv für das bisherige Verfahren stimmen. Auch Bürgermeister Magg betonte auf Anfrage, dass das städtebauliche Ziel darin bestehe, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen – nicht etwa eine Stromleitung zu verlegen, wie die CSU das nun interpretiere.

Zum Vergleich zog Olchings Rathauschef noch eine andere aktuelle Baustelle heran: „Am Großen Berg bezahlen wir selbst 20 Millionen Euro für 30 geförderte Wohnungen.“ Hier würde dafür der Investor aufkommen. Magg erklärte außerdem: „In Esting gibt es noch deutlich höhere Häuser.“

Das sind die Sorgen der Anwohner - und Stadträte

Viele Anwohner haben bei der öffentlichen Beteiligung Einwendungen erhoben. Es gibt auch eine Initiative, die 150 Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt hat. Die Anwohner fürchten etwa, dass der Bau der zweigeschossigen Tiefgarage Auswirkungen auf den Grundwasserstand hat. „Wir haben Angst um unsere Häuser“, sagte einer der Betroffenen nach der Sitzung. Schon bei Hochwasser sei die Lage problematisch. Vize-Bauamtsleiterin Stephanie Kulosa zitierte aus einem Bericht, den ein vom Bauträger beauftragtes Büro verfasst hatte. Demnach seien Auswirkungen „höchst unwahrscheinlich“. 

Sowohl die Anwohner als auch Mitglieder des Gremiums sehen das kritisch. Nicht zuletzt, weil es sich nicht um ein unabhängiges Gutachten handle. Beim Auslegen des Bebauungsplans gab es außerdem einen redaktionellen Fehler, wie Kulosa einräumte. Auf diesen hatten die Anwohner die Stadt aufmerksam gemacht. Die Angabe der Geschosszahl sei missverständlich gewesen. Das geplante Gebäude direkt am Gleis hat vier Geschosse plus Dach, das vorgelagerte drei plus Dach (Ursprünglich waren einmal fünf geplant, auch die Zahl der Wohnungen war einmal deutlich höher, fiel laut Bürgermeister aber etlichen Anpassungen zum Opfer). 

Der redaktionelle Fehler sei nach Rücksprache mit einem Anwalt jedoch unproblematisch, so Kulosa, da die Firsthöhe und die Modelle die Höhe hätten erkennen lassen können. Stadtrat Josef Gigl (FWO) fürchtet ebenso eine Belastung für die Anwohner. Im Schadensfall müssten diese die Schuld des Bauträgers nachweisen – was sehr schwierig sei. Und: „Ich wollte nie so ein monströses Bauvorhaben.“ Wie Neu-Stadträtin Ulrike Girtner (ÖDP) kritisiert Gigl, dass nach Umsetzen des Bauvorhabens kein Platz mehr für den geplanten Fahrradschnellweg an der Bahn entlang vorhanden sei. „Und von kleinem Umweg kann man da nicht sprechen“, so Gigl. Girtner erklärte auch: „Ein Fahrradschnellweg macht nur direkt an der S-Bahn Sinn.“

Lesen Sie auch: Estinger ärgern sich über Baurecht für Investor bei Bürgerversammlung

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