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Die Trophäenwand mit Rädern in den olympischen Farben – daran kommt in der Wohnung von Denise Schindler keiner vorbei.

Radsport

Zu Besuch bei Denise Schindler: Hier fühlt sich ein Weltcup-Star daheim

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Sie hat US-Präsident Barack Obama ihre beruflichen Zukunftspläne geschildert, während Bundeskanzlerin Angela Merkel interessiert zuhörte. Sie wurde vom Bundespräsident ausgezeichnet und ist in der internationalen Radsport-Szene bestens vernetzt. Und doch lebt Denise Schindler in Olching ziemlich ungestört. Das Tagblatt hat sie besucht.

Olching - Die Szene mit Obama passierte 2016 bei der Hannover-Messe, als sie eine von ihr mitentwickelte 3-D-Prothese präsentierte. Da war Denise Schindler schon eine im Rathaus-Meldeamt eingetragene Olchingerin, die in einer 150-Quadratmeter-Wohnung gleich gegenüber vom Golfplatzes lebt und sich dort pudelwohl fühlt. Zumindest an den 180 Tagen, die sie im Jahr dort verbringt.

Die andere Hälfte ist sie unterwegs: Radrennen, Trainingslager, Weltmeisterschaften und Paralympics sind ihr Leben. Jetzt hat die dreifache Weltcup-Siegerin und mehrfache Para-Medaillen-Gewinnerin bei der am 22. März beginnenden Para-Weltmeisterschaft die nächsten Titel im Visier. Und das just im brasilianischen Rio de Janeiro, wo sie erst 2016 Edelmetall bei den paralympischen Einzel- und Straßenrennen abgeräumt hatte. Doch die Schlagzeilen gehörten ihr aus einem ganz anderen Grund.

Fürs Krafttraining stehen die Hanteln unter der Treppe

 Denise Schindler wurde in der Einzelverfolgung disqualifiziert, als ihr die Jury ein zu zu langes Windschattenfahren hinter der Britin Megan Giglia vorwarf. Eine erneute Silbermedaille wie 2012 in London blieb ihr so verwehrt. Angesichts ihres persönlichen Schicksals war das aber zu verschmerzen.

Eltern mächtig stolz

Eine Spezialanfertigung fürs Training ist auf dem Balkon.

Als Zweijährige war Denise Schindler unter die Räder einer Straßenbahn in ihrer Geburtsstadt Chemnitz geraten. Der rechte Unterschenkel musste amputiert werden. Was folgte waren „nicht immer schöne Erfahrungen“ mit Hänseleien und Psycho-Terror. „Man geht eben durch die Schule der Kinder“, sagt die jetzt 32-Jährige. Es waren „nicht immer schöne Erfahrungen“, die sie gesammelt hat. Erst 2010, als die Eltern und ihre zwei Brüder längst in die Gegend von Regensburg umgezogen waren, änderte sich das. Als damals 18-Jährige erklärte sie das leistungsorientierte Radfahren zur großen Leidenschaft. Damals war sie in einem Fitnessstudio beschäftigt. Der Sprung vom dort aufgestellten Trimm-dich-Heimtrainer aufs Rennrad vollzog sich fast im Alleingang. Rasch wurde sie von Talentsichtern entdeckt und in den Bayernkader gelotst. Was danach passierte, ging genauso rasend schnell wie sie jetzt unterwegs ist. Und die Weltkarriere ist noch längst nicht beendet, obwohl die Eltern davon zunächst gar nicht begeistert waren.

Sie machten sich Sorgen, dass ihr ohnehin schon körperlich gehandicaptes Kind weiteren Schaden nehmen könnte. Doch mittlerweile „sind sie mächtig stolz auf mich“, sagt die Tochter, die von ihrer Mutter regelmäßig in Olching besucht wird. Was auffällt beim Homestory-Besuch in der sich über zwei Stockwerke ziehenden Heimat von Denise Schindler: Es gibt kein TV-Gerät. „Nicht rentabel und zweckmäßig“ angesichts der knappen Zeit, die sie dort verbringt.

Auf Höhe der Zeit bleibt sie dennoch – mit dem Laptop. Auch Mitbewohner sucht man vergeblich. Aber, so verrät die 32-Jährige: „Es gibt da jemand.“ Ansonsten ist ihr Privatleben tabu.

Sponsoren ermöglichen Profi-Dasein

Zu Gast bei der Medaillensammlerin: Tagblatt-Reporter Peter Loder hatte 2004 schon von den Paralympics aus Athen berichtet. Doch soviel Edelmetall wie beim Hausbesuch hatte er noch nie in der Hand.

Das war auch schon so, als sie im kanadischen Vancouver gelebt und dort in Diplom als Veranstaltungs-Kauffrau und Event-Managerin gemacht hat. Ihre berufliche Zukunftsvorstellung nach dem Profisport ist ähnlich gestrickt. Schon jetzt hält die rhetorisch gewandte 32-Jährige Vorträge zu Themen wie Inklusion und Ernährung. Auch eine Rolle als TV-Expertin (wie sie jetzt gerade ihr armamputierter Skifahrerkollegen Gerd Schönfelder bei den Winter-Paralympics in Südkorea einnimmt) kann sich Schindler vorstellen. Doch ein Karriereende ist noch längst nicht geplant. Die Paralympics 2020 in Tokio sind fix gebucht, 2024 in Paris wäre sie 39 Jahre alt – „mal schauen“.

Acht Sponsoren – darunter Deutschlands größtes Versicherungsunternehmen – ermöglichen seit sieben Jahren ein Profi-Dasein. Dass sie zur Sportfördergruppe der Bundeswehr gehört, kommt noch hinzu. Was ihr noch fehlt, sind ein paar lokale Unterstützer aus der Umgebung.

Auch ohne TV ganz relaxt in der Wohnlandschaft.

Obwohl erst relativ kurz im Landkreis daheim, hat sich Denise Schindler rasch eingelebt. Das liegt auch daran, dass ihr im Sommer 2017 ein echtes Malheur passiert ist. Unmittelbar vor Abflug zur WM wollte sie daheim auf dem Balkon in Olching noch die Bremsen ihres Rennrads einstellen. Dabei verschwand eine unverzichtbare Schraube auf Nimmerwiedersehen. Nun war guter Rat teuer, der Blick ins Telefonbuch nach einem versierten Fahrradhändler in der Gegend aber billig. So stieß sie auf Thomas Stannecker. Der ehemalige bayerische Elite-Radler betreibt in Fürstenfeldbruck Tommis Radlwerkstatt. Und die erwies sich für Denise Schindler als wahrer Glücksgriff. Stannecker wusste zunächst gar nicht, wer ihm da in seiner Tüftler-Heimstatt an der Maisacher Straße so lang nach Dienstschluss am Freitagnachmittag gegenüberstand und um Hilfe bat. So oder so war das Problem rasch behoben. Der WM stand nichts mehr im Weg. Der engen Verbundenheit mit Stannecker auch nicht. Erst im Herbst vergangenen Jahres begleitete und betreute er seinen neuen Star bei den Weltcup-Rennen in Japan.

Jetzt in Rio ist Tommi nicht dabei. Auf Vordermann gebracht hat er die Rennmaschinen trotzdem. Schindler hat sieben davon im Keller geparkt, drei „meiner Babies“, wie sie ihre wichtiges Arbeitsgerät nennt, stehen momentan zum Verkauf. Otto-Normal-Strampler auf seinem Tourenrad wird mit den Hightech-Geräte aber wenig anfangen können. Zu komplex sind sie. Der Mensch auf der Maschine und wie beide zusammenspielen – das zu ergründen, treibt Denise Schindler an.

Sie nutzt normale Fahrradwege in der Umgebung

Fit gemacht für die WM hat sie sich auf der Indoor-Bahn in Frankfurt/Oder. Sonst nutzt sie ganz normale Fahrradwege in der Umgebung. Bevorzugt auf hügeligen Strecken im Dachauer Hinterland überholt sie dann Alltagsradler oder entlang von Ammer- oder Wörthsee pedaltretende Familien. Weshalb Olching ein idealer Wohnstützpunkt sei. „Für mich wäre es nicht logisch, in München zu leben.“ Zumal ihr die Nachbarn an der Feursstraße ans Herz gewachsen ist. Die Mitbewohner im Haus empfangen die Medaillengewinnerin schon mal mit einem Riesentransparent, wenn sie gerade von einem weiteren Triumphzug zurückkehrt.

Schindlers zweites Zuhause ist das Fitnessstudio über dem benachbarten Einkaufszentrum. Daheim auf ihrem riesigen Balkon steht ein von der Maisacher Firma Almighty Boards extra für den Star angefertigtes Spezial-Übungsgerät. Es sind anstrengende Verrenkungen, die von der 32-Jährigen mit ihrer Spezialprothese dort stundenlang trainiert werden. Und wofür das alles? „Momentan nur für Rio. Eine Medaille ist das Ziel.“ Auch wegen der Nationalhymne. „Ein bewegender Moment. Der ist wichtiger als alle Medaillen.“ Nur darauf ist alles ausgerichtet in Schindlers Leben. Auch die täglichen Mahlzeiten: „Kein Fleisch, keine Nudeln.“

Weshalb sie bei Treffen wie denen mit Obama oder der Kanzlerin am kalten Buffet auch wählerisch ist. Das beim Neujahrsempfang in Olching kann sie ohnehin nicht genießen. Eingeladen war sie schon mehrmals. „Doch leider finden diese Ereignisse immer dann statt, wenn ich weit weg im Trainingslager bin.“ Heuer fiel der Shakehands-Termin mit Bürgermeister Andreas Magg mit dem Fitness-Programm in Südafrika zusammen.

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