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Sohn und Vater: Florian und Peter Rüth (r.) in der Praxis in Neu-Esting. Das einstige 2500-Einwohner-Dorf ist heute ein Stadtteil von Olching.

Die Rüths und ihr Traumberuf

Zwei Hausärzte, zwei Welten

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Olching - Als Peter Rüth 1968 Dorf-Doktor wurde, musste er gleich einem Kind auf die Welt helfen. Sein Sohn arbeitet heute in der gleichen Straße – und hadert manchmal mit der „Service-Mentalität“ seiner Patienten. Ein Praxisbesuch.

Die Beziehung zwischen Patient und Hausarzt kann wunderbar sein. Das beweist die Anekdote, die Peter Rüth am großen Holztisch in seiner Bauernstube erzählt. Heute ist er ein Rentner mit 82 Jahren, 33 davon hat er Menschen als Hausarzt behandelt. Seine Anekdote handelt von einer Hausgeburt. Und von einem Dammschnitt. Der muss sein bei der Mutter – sonst schafft es das Kind nicht.

Der Ostersonntag 1968: Peter Rüth bekommt einen Anruf von der Hebamme. Er ist erst 32 und gerade 14 Tage Ortsdoktor im 2500-Einwohner-Dorf Neu-Esting. Aber er kennt sich mit Geburten aus, das hat er am Dachauer Krankenhaus gelernt. Also springt Peter Rüth ins Auto, fährt über die Amper in die Nachbargemeinde Olching, setzt zum Dammschnitt an und hilft dem Kind auf die Welt. Pünktlich um 12. Die Glocken läuten.

„Der Dorf-Doktor ist für alle da“: So war das damals. Heute fehlt der Dorf-Doktor immer öfter, Landärztemangel ist eines der großen Probleme im deutschen Gesundheitssystem. Wie sich die Welt und ihre Dörfer gewandelt haben, so hat sich auch ein Beruf verändert. Und Peter Rüth war dabei: Er hat 33 Jahre lang ganz genau gefragt, wo es weh tut und ist nachts aufgestanden, weil jemand im Ort Bauchweh hatte.

Zurück zum 14. Mai 1968: Das Ostersonntagskind soll Susi heißen – wie die Tochter des Doktors. Das entscheidet die Mutter direkt nach der Geburt. Aus Dankbarkeit. Susi wird noch heute von Dr. Rüth behandelt. Nur heißt der jetzt Florian mit Vornamen. Der Sohn ist auch Hausarzt, aber in einer anderen Zeit.

Neu-Esting, Stadtteil von Olching im Landkreis Fürstenfeldbruck – seit 1968 arbeiten die Rüths hier.

An einem sonnigen Maitag im Jahr 2017 sitzt Florian Rüth, 46, mit weißem Kittel, dunkler Brille und herzlichem Lächeln im Sprechzimmer 1 vor seinem Flachbildschirm. „Ich habe damals noch auf Karteikarten geschrieben“, sagt sein Vater, der gegenüber auf dem Rand der Patientenliege hockt. Peter Rüth trägt eine dunkle Hose mit kleinen und ein helles Hemd mit großen Karos. Er unterhält sich mit seinem Sohn über früher und heute. Heute ist Neu-Esting kein Dorf mit Bauern- und Arbeiterhäusern mehr, sondern ein Ortsteil der 20 000-Einwohner-Stadt Olching im Münchner Westen. Mit S-Bahn-Anschluss und Einfamilienhäusern für Besserverdiener. Aber den Metzger, den Bäcker und die Apotheke an der Ecke, die gibt es noch.

Im Sprechzimmer 1 kommen Vater und Sohn irgendwann auf die Anekdote von Susi. Neulich war ihre Mutter da, die mit der Hausgeburt, und hat berichtet, dass die Praxis Rüth nächstes Jahr ein Jubiläum feiert. „Das weiß sie natürlich gut, weil ihre Tochter 50 wird“, sagt Peter Rüth. Die ältere Dame hat dem Sohn erzählt, wie sie den Vater als jungen Doktor zur Tür reinkommen sah und gleich wusste: „Jetzt wird alles gut.“ Sie und ihr Mann, aber auch Susi mit Ehegatte und Kindern: Alle kommen nach wie vor in die Praxis Rüth.

Eine Familie, ein Hausarzt-Gespann - romantisch aber nicht realistisch

Eine Familie, ein Hausarzt-Gespann, ein Leben lang: Das klingt romantisch, ist aber nicht mehr realistisch. Florian Rüth nennt es „Service-Mentalität. Die Menschen suchen sich überall das raus, was sie gerade brauchen.“ Im Internet gibt es mittlerweile genauso viele Medikamente wie Halbwissen über Grippe und Entzündungen. „Meistens haben sich die Leute schon informiert, wenn sie zur Tür reinkommen“, sagt Florian Rüth. Er meint das nicht verachtend, sein Ton signalisiert nur: anderes Publikum als bei Dir, Papa. „Mir hat man ja noch alles geglaubt“, sagt Peter Rüth. Die Autorität des Hausarztes, sie hat sich verändert.

Wer die Vergangenheit in Neu-Esting erkunden will, muss den Ort wechseln – von der Hausnummer 12 zur 18. Denn dort, 50 Meter weiter, steht Peter Rüths Wohnhaus. Er deutet auf den Anbau, seine alte Praxis, die er 2001 zugesperrt hat. Der Sohn baute kurz darauf in Hausnummer 12 mit seiner Frau eine Gemeinschaftspraxis auf. Zusammen sind wir stark – so ist das heute oft bei Ärzten. Seinen Vater nennt Florian Rüth dagegen einen „70-Stunden-Einzelkämpfer“.

An der alten Praxis sieht man links die Spuren von Peter Rüths Hausarzt-Schild. Eine Ergotherapeutin nutzt heute die Räume, die er 1968 bezog.

Aber auch in seiner alten Praxis werden heute noch Menschen behandelt – allerdings mit neumodischen Methoden. Links neben der Eingangstür sieht man einen dunklen Fleck – Spuren des alten Hausarzt-Schilds. Auf der anderen Seite hängt ein neues mit der Aufschrift: „Ergotherapie und Neurofeedback“. Die Ergotherapie ist ein ganzheitlicher medizinischer Ansatz aus den USA und in Deutschland erst seit 1999 als Beruf gesetzlich geschützt. Peter Rüth vermietet die Räume, in denen er 1968 nach nur einem Vierteljahr 500 Patienten betreute. Wo er einst Grippe-Medikamente verschrieb, werden heute Gehirnströme vom Computer analysiert.

Um weiter auszuholen, bittet Peter Rüth in seine Bauernstube: So nennt er in seinem Haus das Zimmer mit der Eckbank, dem handverzierten Holzschrank und den Heiligenbildern an den Wänden. In der Ecke lehnen Gitarre und Steirische. Auch mit 82 macht der Mann noch Volksmusik, oft sitzt er mit Zitherspielern um den großen Holztisch, auf dem ein Bild seiner Frau steht. „Sie ist immer präsent“, sagt er. Die Gattin starb vor vier Jahren nach schwerer Krankheit. Ohne sie wäre sein Hausarzt-Leben, „dieser herrliche Beruf“, nicht denkbar gewesen, sagt Peter Rüth.

Diagnose-Taktik? „Wie ein Kriminaler“

Seine „liebe Frau“ erwähnt er immer wieder, manchmal kriegt er dabei feuchte Augen. Er erinnert sich nicht nur daran, wie sie ihm jeden Tag „auf die Schnelle ein perfektes Mittagessen zauberte“, sondern auch daran, wie sie den Patienten die Hand hielt und sich ihre Sorgen anhörte. Wie er selbst: „Als Hausarzt bist du auch Seelentröster, du musst zuhören können.“ Und du musst flexibel sein: „Die Leute haben abends um neun an der Türe geläutet oder nachts angerufen. Es gab noch keinen Notdienst.“ Wie oft musste Peter Rüth Patienten während seiner Sprechstunde stehen und liegen lassen, um zu Notfällen ins Brucker Hinterland zu fahren.

Wie er seine Diagnosen stellte? „Nach dem Ausschlussverfahren. Viel fragen – wie ein Kriminaler“, sagt Rüth, der ab 1968 der einzige Doktor weit und breit war. Vor allem dank des früheren Bürgermeisters Toni März: Der fragte damals einen Grundstücksbesitzer beim Wirt nach Praxisräumen. Seine Forderung: „Wir brauchen unbedingt einen Arzt.“ Und der Mann, der dann die Annonce in der Zeitung sah, war Peter Rüth. Aus dem Kreis Ebersberg zog der gebürtige Niederbayer nach Neu-Esting.

Hausbesuche und Menschen am Gartenzaun, das kennt auch Sohn Florian Rüth. „Anfangs habe ich mir Sorgen gemacht, ob mich die Patienten akzeptieren würden“, sagt er. Die Fußstapfen eines 70-Stunden-Einzelkämpfers sind eben groß. Doch im Jahr 2017 gibt es 24-Stunden-Notdienste – und darum kann Florian Rüth sein Handy abends um sieben Uhr auch mal ausschalten. „Ich habe die Rahmenbedingungen abgesteckt. Die Anrufe in der Freizeit werden weniger.“

Warten auf die Chefarztvisite - weil der Prof beim Friseur war

Allgemeinarzt, das wollte er umso lieber werden, als er die Hierarchien in einer großen Münchner Klinik kennengelernt hatte. „Wir mussten mal eine Stunde auf die Chefarztvisite warten – weil der Herr Professor noch beim Friseur war.“ Heute behandelt er Landwirte, ehemalige Dax-Vorstände und auch mal den eigenen Papa. Aber meistens nur wegen eines Hexenschusses: „Mein Vater ist ja gesund.“

Peter Rüth schlendert gerne zum Kroaten in Olching. Auch heute bestellt er „Pola-Pola“ – ein Fleischspieß, Cevapcici und Pommes. Danach stellt ihm die Kellnerin einen Likör hin. „Vitamine gibt’s für Sie rezeptfrei“, sagt sie und lacht laut. Peter Rüth kippt die Vitamine runter und verlässt das Restaurant über die Terrasse. Eine ältere Frau nickt ihm von einem Tisch aus zu: „Grüß Gott, Herr Doktor.“ Dass ihn die Menschen noch immer so anreden, macht ihn glücklich: „Das zeigt mir, dass ich was Gescheites gemacht hab im Leben.“

In Fürstenfeldbruck kümmert sich an Wochenenden und Feiertagen eine Bereitschaftspraxis um kranke Menschen. 

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