Bis 2011 kostete ein Kubikmeter Wasser 20 Cent Die Ortler trinken seit rund 80 Jahren Wasser, das sie selbst gefördert haben. 1936 wurde der Beschaffungsverband (WBV) gegründet. Seitdem beliefert er die Haushalte in Puchheim-Ort. Seit 2011 leitet Gerhard Frankenfeld die Geschicke des Verbandes (Bild oben). Bis 1972 zapften die Ortler das Grundwasser noch mitten im Dorf an, dann wurde auf Druck der Behörden der Brunnen an den Nordhang des Parsbergs verlegt (Bild l.) . Auch künftig fördern die Ortler ihr Wasser noch selber. Für die technische Betreuung sind aber die Stadtwerke Germering zuständig. Fotos: weber „Uns hätte das bisherige Gebiet gereicht.“WBV-Chef Gerhard Frankenfeld

Beschaffungsverband in Puchheim-Ort

Ortler fördern seit 80 Jahren eigenes Wasser

Puchheim-Ort – Die Trinkwasserversorgung vom Brunnen bis zum Wasserhahn in eigener Hand zu haben, ist heute ein seltenes Privileg. Seit nunmehr 80 Jahren gibt es ein solches Modell in Puchheim-Ort, wo ein Beschaffungsverband Wasser am Parsberg fördert und zu den einzelnen Haushalten leitet. Vor kurzem allerdings hat sich der kleine Verband einen größeren Partner suchen müssen.

Mit den Stadtwerken Germering hat der Beschaffungsverband (WBV), dessen Mitglieder sämtliche Grundstückseigentümer sind, eine Kooperationsvereinbarung getroffen. Danach wird die technische Betreuung von Brunnen, Pumpwerk, Hochbehältern und Leitungen künftig von der Nachbarstadt aus gewährleistet. 80 Jahre lang hatten die Ortler das alleine geschafft beziehungsweise zuletzt eine Firma beauftragt. Die sah sich aber nicht mehr in der Lage, auf die Schnelle, etwa bei einem Rohrbruch, zur Stelle zu sein.

Mit dem genossenschaftlichen System, formal eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, gehören die Puchheimer zu einer fast schon ausgestorbenen Spezies. Es gibt im Landkreis größere interkommunale Zweckverbände wie den WVA, der fast den gesamten östlichen Landkreis und auch Puchheim-Bahnhof versorgt. Viele Kommunen haben außerdem ihre eigenen Wasserwerke. Dass die Abnehmer sich selbst um ihr Wasser kümmern, gibt es sonst nur noch im Germeringer Altdorf sowie in einigen Weilern in der Gemeinde Egenhofen und in einer Einöde wie dem Jexhof.

Noch vor einigen Jahren hatten kommunale Spitzenverbände und der Branchenverband DVGW empfohlen, sich wegen der Versorgungssicherheit langfristig unter ein größeres Dach zu begeben. Mittlerweile genießen die kleinen, verbrauchernahen Versorger wieder größeres Ansehen.

1936 war es Josef Wörl, damals Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins und Großvater des heutigen stellvertretenden WBV-Vorsitzenden, der seine Mitbürger davon überzeugte, nicht den Anschluss an die Zeit zu verlieren. Zwar mag damals, als mancher Hausbrunnen noch neben dem Misthaufen stand, auch die nicht immer optimale Wasserqualität schon dazu beigetragen haben, die Ortler von der teuren Neuerung zu überzeugen. Und bequemer als bei Schnee und Eis rauszurennen und zu pumpen, war fließendes Wasser aus dem Hahn allemal.

„Aber die haben nicht gleich alle Hurra geschrien,“ glaubt Gerhard Frankenfeld, der heutige WBV-Vorsitzende. Wahrscheinlich war das Dorf in dieser Frage ziemlich gespalten.

Nach und nach setzte sich die Idee aber durch. Der erste Großbrunnen wurde noch mitten im Ort geschlagen, die ersten Rohre wurden vermutlich noch von einem Trupp Ortler verlegt, bei den Installationen im Haus war wahrscheinlich noch der Dorfschmied gefragt.

1972 wurde auf Druck der Behörden die Grundwasser-Zapfstelle an den Nordhang des Parsbergs verlegt. Ein neuer Brunnen oder keine neuen Baugebiete mehr, hieß damals die Alternative. Um diese Zeit begann auch Konrad Kandler seine Karriere als Zählerableser, die rund 40 Jahre währte. Erst seit dessen Tod müssen die Ortler den Wasserverbrauch selber notieren und die Ablesekarten zurückschicken.

Neueren Datums ist auch ein Wasserpreis, der sich dem anderer Versorger langsam annähert. Noch bis 2011 bezogen die Abnehmer im Altdorf den Kubikmeter für traumhafte 20 Cent, nach drei Anhebungen liegt er heute bei 90 Cent und damit nur noch geringfügig unter dem WVA-Tarif von 1,06 Euro.

„Leut’, so kann man keine Wasserversorgung betreiben,“ hat Frankenfeld nach seiner ersten Wahl 2011 an die Mitglieder appelliert. Jahrelang war wenig in Wartung und Sanierung investiert worden, wenngleich im Rahmen der Dorferneuerung auch manche Wasserleitung erneuert wurde. Dennoch liegen einige Rohre nun doch schon seit Jahrzehnten im Boden. Irgendwann braucht der Verband auch Rücklagen für Sanierungen. Denn: „Geld ist das, was wir nicht haben,“ sagt Frankenfeld.

Jährlich werden über 120 000 Kubikmeter gefördert, pro Tag verbraucht jeder Einwohner 130 Liter Wasser. Gewerbe gibt es wenig, Alte Schule, Feuerwehr und Hotel sind die größten Abnehmer. Das Ortler Wasser ist härter als das, was im Stadtteil Bahnhof aus dem Hahn fließt. „Besser will ich nicht sagen,“ meint Frankenfeld, wenn er sein Wasser mit dem WVA-Produkt vergleicht, das aus zwei unterschiedlichen Tiefen gefördert, gemischt und angereichert wird. „Nur naturbelassener, ohne Aufbereitung.“

Frankenfeld ist als ehemaliger Wasser- und Rohrnetzmeister bei den Brucker Stadtwerken vom Fach. „Ich weiß, wo es zwickt,“ sagt er. Auch sein Stellvertreter Martin Wörl ist technisch versiert. Als zuletzt mal die Brunnen-Pumpe streikte, weil ein Regler seinen Geist aufgegeben hatte, konnte der Vize solange manuell überbrücken, bis das Ersatzteil da war. Aber wenn es beim WBV auch nicht am Know-How fehlt, so doch an sämtlichem Equipment für wirkliche Notfälle. Dafür braucht es eine Fremdfirma oder jetzt eben die Germeringer Stadtwerke.

Vor drei Jahren stand auf der Jahreshauptversammlung doch noch einmal zur Debatte, was jahrzehntelang vermieden werden konnte: Der Anschluss an einen großen Versorger. Zwar wurde das Ende der Selbstständigkeit nach heißer Diskussion abgelehnt. Aber das Wasserwirtschaftsamt verlangt von den Ortlern ein weit größeres Wasserschutzgebiet als bisher. Dafür brauchte es zunächst einmal eine Fachplanung durch ein Ingenieurbüro. Später könnten Ausgleichszahlungen fällig werden. Denn der Entwurf sieht eine vier Mal so große Fläche vor wie bisher, was insbesondere die betroffenen Landwirte aufbringt, die einschneidende Bewirtschaftungseinschränkungen fürchten.

„Uns hätte das bisherige Gebiet gereicht“, sagt Frankenfeld, der beim großen Anhörungstermin im Januar im Landratsamt auch darauf hinweisen will, dass die Erweiterung nicht vom Wasserbeschaffungsverband ausgeht. „Wir sind ja die Unschuldigsten“, sagt der WBV-Vorsitzende.

Der neue Einzugsbereich reicht tief in den Süden, sogar noch ein Stück über die Allinger Flur hinaus. Künftig würde man sogar noch in Gilching dafür sorgen, dass die Ortler weiterhin ihr eigenes Wasser trinken können. (op)

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