Barbara Freier hat es geschafft: Nach jahrelangem Büffeln bekommt sie heute das Zeugnis, das sie braucht, um studieren zu können.
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Barbara Freier hat es geschafft: Nach jahrelangem Büffeln bekommt sie heute das Zeugnis, das sie braucht, um studieren zu können.

Puchheim

Arzthelferin erfüllt sich Abi-Traum

  • Kathrin Böhmer
    VonKathrin Böhmer
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Wenn heute die Abi-Zeugnisse verliehen werden, erfüllt sich für sie ein ganz besonderer Traum: Arzthelferin Barbara Freier hat es gewagt, die wichtigste Prüfung ihres Lebens in Angriff zu nehmen. Sie will studieren und selbst Ärztin werden. Als Externe schaffte sie am Puchheimer Gymnasium den erfolgreichen Abschluss.

Puchheim – Hinter dem Tresen der Praxis sitzen, nach der Versicherungskarte fragen, Blutdruck messen – all das reichte Arzthelferin Barbara Freier nicht mehr. Tag für Tag wurde ihr klarer: „Ich kann mehr erreichen.“ Sie schaute auf zu ihren Chefs, den Göttern in Weiß, in diesem Fall wirklich. „Sie waren toll, sie waren echte Vorbilder für mich“, erzählt die heute 22-Jährige.

Der Gedanke ging nicht mehr weg: „Ich will sein wie sie.“ Das neue Ziel im Leben war ein Medizinstudium. Eine wichtige Etappe dabei: das für sie rund 100 Kilometer von ihrem Wohnort Bad Kohlgrub (Kreis Garmisch-Partenkirchen) entfernte Gymnasium Puchheim.

Externe Prüfung

Puchheim gehört zu den bayernweit über 100 Schulen, die externe Prüfungen abnehmen. Die Gymnasien liegen vor allem in den Ballungsräumen. „Es macht ja keinen Sinn, die ganzen Münchner beispielsweise nach Berchtesgaden zu schicken“, erklärt Oberstufenbetreuer Lars Loock.

Der Weg nach Puchheim war für Barbara Freier nicht nur entfernungsmäßig weit. Als der Wunsch in ihr heranwuchs, die Hochschulreife nachzuholen, kamen viele Fragen auf. Mit 16 Jahren hatte sie ihre Ausbildung begonnen, dann ein Jahr gearbeitet.

Könnte sie es schaffen, sich all den Stoff nach so einer langen Lernpause anzueignen? Noch einmal die Schulbank drücken? Oberstufen-Niveau erreichen? Sie redete tage- und nächtelang mit ihrer besten Freundin über diesen Plan. Irgendwann stand ein Ergebnis fest: „Ich habe nichts zu verlieren. Ich kann nur gewinnen.“

So kündigte Barbara Freier ihren Job und meldete sich bei einem privaten Lerninstitut in München an. Sie hatte Geld gespart, wohnte bei ihren Eltern. Zwei Jahre lang setzte sie sich quasi einer Druckbetankung in Deutsch, Mathe & Co. aus. Jeden Tag von 9 bis 16 Uhr, Samstag und Sonntag gab es Zusatz-unterricht. Sie lernte in kürzester Zeit Spanisch. Mathe fiel ihr leicht, wie früher schon – lange Aufsätze schreiben weniger. Unter ihren Mitschülern waren auch ehemalige Gymnasiasten. Der Aufwand war immens.

„Das Privatleben hat sehr gelitten, ich konnte nichts mehr mit meinem Freund unternehmen.“ Barbara Freier musste sich auch noch mit um ihren pflegebedürftigen Großvater kümmern.

Zeugnis wird überreicht

Aber dann war der große Tag gekommen: Sie meldete sich als Externe für das Abitur an. Als sie erfuhr, dass sie die wichtigste Prüfung ihres Lebens in Puchheim absolvieren würde, musste sie schmunzeln. „Ich kannte den Ort von früher, von Leichtathletikwettbewerben.“ Als es ernst wurde, war sie fürchterlich nervös. „Es war schrecklich. Eine einzige Note, die über das ganze Leben entscheidet.“ Immerhin: In Puchheim hat sie sich sehr gut von den Oberstufenbetreuern aufgenommen gefühlt, wie in einer Familie.

Vier mündliche und vier schriftliche Prüfungen später stand fest: Barbara Freier hat das Abitur bestanden, auch sie bekommt am heutigen Freitag ihr Zeugnis überreicht. Das Ergebnis ist nicht ganz so gut, wie sie es sich erhofft hatte. Aber sie wird es dennoch mit Medizin versuchen. In Österreich.

Und sollte das nicht klappen gibt es einen Plan B: Grundschullehramt. Das hätte einen großen Vorteil: Sie könnte mit ihrer besten Freundin eine WG in Augsburg aufmachen. Die hat sich nämlich auch dazu entschieden, ihr Abitur zu machen und Lehrerin zu werden.

Oberstufenbetreuer Loock hält die derzeitige Lösung für ein externes Abitur in Bayern nicht für optimal. Es sollte besser über zwei Institute in Nürnberg und München laufen. Aber Oberstufenbetreuerin Silvia Rohnstein beteuert auch: „Wenn man sieht, wie sich die Abiturienten freuen, lohnt sich der ganze Aufwand.“ In Puchheim hat es nur ein kleiner Teil bis ganz zum Schluss geschafft.

So funktioniert das mit der externen Reifeprüfung am Gymnasium

Theoretisch kann jeder sein Abitur auf einem alternativen Bildungsweg machen. Die meisten, die das in Angriff nehmen, sind Anfang/Mitte 20. „Es geht aber auch noch mit 95 Jahren“, erklärt Puchheims Oberstufenbetreuer Lars Loock. Für ihn und vor allem seine Kollegin Silvia Rohnstein bedeutet das einen immensen Aufwand – neben dem eigentlichen Abitur. „Da geht es um mehrere Stunden am Tag“, erklärt Loock.

In Puchheim hatten sich 15 Externe beworben, mit den buntesten Lebensläufen. Die Vorbereitungen begannen im Dezember, danach blieb weniger als die Hälfte der Bewerber übrig. „Manche erscheinen gar nicht zu den Gesprächen, andere erkennen bei der Vorbereitung, dass sie es nicht schaffen werden“, sagt Rohnstein. Wer bis zu einer Woche vor der ersten Prüfung zurücktritt, ist noch auf der sicheren Seite. Sprich: Der Versuch zählt nicht. Das Abitur darf man nämlich nur zweimal probieren.

Die externen Abitur-Prüfungen verfassen die Puchheimer Lehrer selber, sie werden nicht zentral gestellt. Es gibt zwei Prüfungsblöcke, verschränkt mit dem normalen Colloquium. „Die Organisation ist wahnsinnig kompliziert“, sagt Betreuerin Silvia Rohnstein. Zudem brauche es für die Prüfungen auch noch weitere Betreuer. gar

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