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Bürgermeister Norbert Seidl (SPD) hat die Zustände in der Gemeinschaftsunterkunft an der Siemensstraße in Puchheim kritisiert.

In Corona-Zeiten

Asyl-Unterkünfte: Brandbrief von Puchheims Bürgermeister

  • Kathrin Böhmer
    vonKathrin Böhmer
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Bürgermeister Norbert Seidl (SPD) hat die Zustände in der Gemeinschaftsunterkunft an der Siemensstraße in Puchheim, für die das Landratsamt zuständig ist, scharf kritisiert.

Puchheim – Seidl hatte den Brandbrief, den er nun formuliert hat, bereits gegenüber dem Tagblatt angekündigt, nachdem es in der Quarantäne-Unterkunft für Flüchtlinge in Puchheim-Ort zu einem Eklat bei der Essensausgabe gekommen war.

Die Asylhelfer haben laut Seidl viel abgefangen und tun es selbst in dieser Situation noch. Aber die Corona-Krise zwinge dazu, den Blick auf die Lebensbedingungen zu richten. Während die Infektionen außerhalb zurückgingen, würden die Erkrankungsfälle in den Unterkünften steigen.

In der Gemeinschaftsunterkunft leben 179 Frauen, Männer und Kinder. Um die 50 Männer müssten sich ein Waschbecken teilen. Um Masken müsse sich jeder selbst kümmern. Die Zwei-Mann-Security kontrolliere niemanden dahingehend, ob er dort wohne oder nur zu Besuch vorbeischaue. Infizierte und Kontaktpersonen bleiben erst einmal in der Unterkunft. Die langen Gänge mit zwei Metern Breite würden Abstandhalten aber unmöglich machen. Als Maßnahme wurde die Einrichtung von Quarantäne-Stationen ergriffen: Hier hoffe man auf die Einsicht der Isolierten und die Akzeptanz der Nachbarn.

Seidl erklärt: „Ich möchte keinen Stab über die Verwaltungsangestellten des Landratsamtes brechen, die diese Missstände kennen und sie ,managen’ müssen. In vielen persönlichen Kontakten habe ich ihren individuellen Einsatz schätzen gelernt.“ Der Bürgermeister fordert aber von der politischen Ebene zu handeln. So solle eine Sozialberatung installiert werden, die täglich vor Ort für Fragen und Antworten zur Verfügung stehe. Diese Aufgabe könne man nicht dem Objektbetreuer überlassen. Dazu gehöre, dass die Einrichtung instandgehalten werde.

Sollten weiterhin kleinere Unterbringungen aufgelöst werden, führe die Überbelegung im Flüchtlingsheim an der Siemensstraße zu unhaltbaren Zuständen. Das sei so nicht mit der Kommune ausgemacht worden. Die Weiterführung der Unterkunft bis 2035 sei rechtlich auf keinen Fall haltbar. Apropos: Rechte hätten auch die Kinder. Seidl verweist auf die UN-Kinderrechtskonvention. (Puchheim rangiert zudem seit einiger Zeit als kinderfreundliche Kommune.) Doch wer garantiere die Rechtsansprüche für die Flüchtlingskinder?

Seidl teilt weiter mit: „Die Menschen, die zum Teil seit 2015 dort ausharren, brauchen eine Perspektive, die nach meiner politischen Einstellung eben eine Bleibeperspektive sein muss.“ Man müsse den Migranten die Möglichkeit geben zu arbeiten – und nicht nur zum Spargelstechen, wenn die Saisonarbeiter ausfallen.

Das Risiko, bei erfolgreicher Integration nicht mehr abschieben zu können, halte sich deutlich in Grenzen: Aufwand und Geld für die 3000 in Bayern durchgeführten Ausreisen hätte man volkswirtschaftlich sinnvoller einsetzen können. 

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