Abschied von Otto Linseisen

Ein Berufsbücherwurm dankt ab

Otto Linseisen war 35 Jahre lang Leiter der Puchheimer Stadtbücherei. Ein langer Zeitraum, in dem sich auch in Sachen Literatur und Lesen viel verändert hat. Für ihn ist jetzt der richtige Moment, aufzuhören: Das digitale Zeitalter sollen andere gestalten.

Puchheim – Es sei auch die richtige Zeit gewesen, um aufzuhören, findet Otto Linseisen. Einerseits weil 35 Jahre in ein und demselben Job selbst im öffentlichen Dienst rekordverdächtig sind, andererseits weil er in den kommenden Jahren auch nicht viel Neues mehr auf die Füße hätte stellen können. Denn bis mit einer neuen Stadtmitte auch eine neue Bibliothek entstehen wird, ist nicht anzunehmen, dass in das ehemalige Feuerwehrhaus noch viel investiert wird. Aber der ewige Büchereileiter lässt quasi zwischen den eigenen Zeilen anklingen, dass es halt auch nicht mehr wie vor 35 Jahren ist, als die neu eröffnete Gemeindebücherei von Lesern überrannt wurde. Das Publikum ist ein anderes, die Literatur, die er zuletzt ausgeliehen hat, auch. Das digitale Zeitalter sollen andere gestalten, sagt er.

1983 wurde der gelernte Bibliotheksassistent, aus der Holledau stammend und danach noch in der Staatsbibliothek und in der Bücherei von Neubiberg beschäftigt, erster Leiter der neuen Gemeindebücherei. Die baute auf dem übrigens gut sortierten, keineswegs einseitigen Fundus der katholischen „Pfarr- und Volksbücherei“ auf und wird seitdem von Kirche und nunmehriger Stadt getragen. Zu diesem ungewöhnlichen Modell gehört auch, dass noch immer Freiwillige mithelfen. Das hauptamtliche Personal mit zweieinhalb Stellen ist darum auch vergleichsweise karg bemessen. 85 Ehrenamtliche hat er in seiner Zeit angelernt. In die dreieinhalb Jahrzehnte fielen drei Umbauten und Erweiterungen, eine neue Filiale in Puchheim-Ort entstand. Unter Linseisen begannen die Abend- und Nachtlesungen (für Kinder im Schlafsack). Bekannte Autoren kamen nach Puchheim, früh schon wurde die elektronische Verwaltung eingeführt, zuletzt auch die digitale Onleihe-Bibliothek. Die Ausleihzahlen haben sich auf jährlich über 100 000 mehr als verachtfacht. Als „absoluten Glücksfall für einen Büchereileiter“ sieht Linseisen zudem den früheren Bürgermeister Herbert Kränzlein mit seinem offenen Ohr für jede Kultur. Dessen Idee vom „Puchheimer Leserpreis“, bei dem nicht Verlage oder eine Jury, sondern eben die Endabnehmer die beste Lektüre wählten, wurde sogar auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.

Einige Entwicklungen der letzten Jahre sieht der Berufsbücherwurm mit Sorge: Heute werden Kindergarten- und Krippenkinder eingeladen, damit die mal ein Buch sehen. Bilderbücher, Vorlesen gar, gibt es in Haushalten, wo den Kindern schon beim Wickeln ein Smartphone in die Hand gedrückt wird, eben nicht mehr. Interesse an so etwas altmodisch Analogem wie einem Buch und vielleicht sogar Freude am Lesen zu wecken, ist heute Aufgabe einer Stadtbibliothek. Linseisen klingt aber auch etwas kulturpessimistisch, wenn er die Medien von damals und heute vergleicht. „Sicher, auch früher gingen nicht oft Faust oder Hamlet über die Ausleihtheke, aber das Niveau der Belletristik sei doch merklich gesunken.“ Sehr schlichte Heimatromane seien en vogue, daneben natürlich Krimis und Thriller. Was immer geht, sind außerdem Koch- und Gartenbücher, zuletzt wieder im Kommen war Populärphilosophisches. Ladenhüter sind dagegen Biographien, gar für „totes Kapital“ hält er Bücher über Kunst. Was sich außerdem geändert hat: Der Schwund an erwachsenen Lesern ist vielleicht gar nicht so dramatisch, aber Jugendliche bleiben weg. Die hatten früher wenigstens noch Musik oder Filme ausgeliehen.

Manche kommen allerdings auch wieder. „Gilt der Ausweis noch?“, hat Linseisen schon von jungen Müttern gehört, die als Teenager begannen, die Bücherei blöd zu finden, und Jahre später Schwangerschaftsratgeber ausliehen oder schon den Junior zur Lesenacht brachten. Manche Mutter ruft auch in den Ferien an, damit der Nachwuchs nach Hause geschickt wird, denn die Bücherei ist auch eine Präsenzbibliothek, in der es sich ein paar Stunden lang gut schmökern lässt. Ein Zeitvertreib übrigens, den auch immer mehr Ältere wieder für sich entdecken.

Der 63-Jährige nennt Jim Knopf, den Religionsphilosophen Martin Buber und Sten Nadolnys „Entdeckung der Langsamkeit“, wenn man ihn nach Lieblingsautoren und zeitlos guten Büchern fragt, aber ein ständiger Zeilenfresser ist er eher nicht. Er betreibt seit 40 Jahren Zen-Meditation, beginnt jeden Tag mit Tai-Chi-Übungen, wandert im Sommer von Berghütte zu Berghütte und freut sich jetzt wieder aufs Reisen. Eine der aus ökologischen Gründen selbstverordneten fünfjährigen Flugpausen endet auch heuer, im Herbst geht es für vier Wochen nach Japan. Aber von der Bücherei kann der Büchereileiter auch als Rentner nicht lassen. Am ersten Ruhestandstag meldete er sich in der Stadtbibliothek in der Aumühle an. Er wohnt ja auch in Bruck. (Olf Paschen)

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