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Der Titel des Buches von Friedrich Maier.

Puchheim/Neunburg

„In die Seele eingebrannt“: Erinnerungen an Todesmarsch

Es sind grausame Szenen, die den Puchheimer Friedrich Maier schon ein Leben lang begleiten. Dort, wo er aufgewachsen ist, hat er in der NS-Zeit einen Todesmarsch mitansehen müssen. Nun hat er die Erinnerungen dokumentiert.

Puchheim– Es war Frühjahr 1945, als sich einem damals neunjährigen Buben auf dem sonst als Fußballplatz genutzten Park in seinem heimatlichen Neunburg vorm Wald ein Bild bot, das er nicht mehr vergessen sollte. Über 100 fast zu Skeletten abgemagerte Häftlinge lagerten in dem kleinen Park, bewacht von SS-Leuten.

In die Seele eingebrannt

Auf allen Vieren krochen sie auf einen Laib Brot zu, den ein mitleidiger Einwohner in die Menge der Todgeweihten geworfen hatte und der dann mit einem Kolbenschlag niedergestreckt wurde. Wenig später wurden die Gefangenen wie erlegtes Wild auf inzwischen angekommene Leiterwagen geworfen und abtransportiert. Was der kleine Friedrich Maier damals sah, ohne es zu verstehen, und was ihn nie wieder loslassen sollte, war das Ende eines der Todesmärsche aus dem Konzentrationslager Flossenbürg. 75 Jahre später, nach einem Berufsleben als Altphilologe und Universitätsprofessor hat der heute in Puchheim-Ort lebende Rentner aufgeschrieben, was sich ihm damals „in die Seele gebrannt“ hat.

Friedrich Maier.

Maier fühlte sich gleichsam verpflichtet, seine Erinnerungen in einem kleinen, „Denkschrift“ genannten Büchlein zusammenzutragen. Weil er einer der letzten Zeitzeugen ist, die noch bei wachem Verstand von früher reden können. Weil er nicht für einen Schlussstrich ist, sondern an ein stetes Gedenken an diese „Entmenschung von Menschen“. Und weil mündlliche Überlieferung der Greuel möglicherweise weniger eindrücklich ist als ein gedrucktes Protokoll. Mit den Worten „Opa, du hast recht, da steht es“ kam einmal sein Enkel Dominik an. Im Geschichtsunterricht hatte er ein Heft in die Hand bekommen, in dem die Neunburger Ereignisse dokumentiert waren.

Maiers Schrift ist auch und nicht zuletzt für Jugendliche gedacht, die höchstens theoretischen Bezug zum Dritten Reich haben. Er will „unmittelbare emotionale Betroffenheit“ vermitteln, was ihm insbesondere in der Park-Szene über alle Maßen gelingt. Er schildert aus seiner kindlichen Sicht hohläugige, kahlköpfige Totenschädel, die sich nur mühsam hochreckten wie „Tiere kurz vor dem Verenden“. Als kleiner Bub habe er nicht begriffen, was da vor sich ging, fand auch keine Worte dafür. Aber er nahm eine seelische Wunde mit, „die immer wieder aufbricht, auch jetzt“.

Die kleine Chronik endet nicht mit der Verladung der Halbtoten, die wenig später im nahen Wald erschossen wurden. Am 23. April nahmen die Amerikaner Neunburg ein und wenige Tage später kam es zu einer Art Strafgericht für die Einwohner. Sie mussten mit bloßen Händen die verscharrten Leichen ausgraben und sie über Kilometer zum städtischen Friedhof tragen. Auch diesen Totenmarsch beobachtete der Neunjährige und sah Leichen, die „uns aus leeren Augenhöhlen entgegenstarrten. Als würden sie uns anklagen und auf ewig verfluchen.“

Bei dem anschließenden „Sühnebegräbnis“ für rund 200 exhumierte Opfer sprachen ein amerikanischer Offizier, ein Geistlicher und ein überlebender Häftling, der auf Deutsch und mit sich überschlagender Stimme forderte, jeden zehnten der zur Anwesenheit verpflichteten Neunburger zu erschießen. Die Angst ging um, der kleine Fritz zitterte am ganzen Leib.

Strafgericht abgelehnt

Aber die Amerikaner lehnten ein solches Strafgericht kategorisch ab. „Barbarei wurde nicht mit ihresgleichen vergolten“, schreibt Maier. Aber dennoch spricht er auch von einer „maßlos grausamen Demütigung“ der Bewohner seiner Heimatstadt. Denn die hier Sühne leisten mussten seien nicht die Schuldigen gewesen.

Friedrich Maier verließ nach dem Abitur seine Oberpfälzer Heimat und studierte in München. Dort und nach der Wende an der Humboldt-Universität in Berlin lehrte er als Professor die Vermittlung klassischer Sprachen und Literaturen und deren Fortwirkung in Europa. Er war außerdem Vorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes. Seit 1972 lebt er mit seiner Frau in Puchheim, er hat drei Kinder, acht Enkel und einen Urenkel.


Das Buch

Friedrich Maier: Vor 75 Jahren – Das Ende eines Todesmarsches. Idea-Verlag, Palsweis, 9,80 Euro.

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