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Das Betriebsgelände der Ertl-Werke an der Gröbenzeller Straße. Das Bild wurde 1978 aufgenommen.

Blick in die Wirtschaftsgeschichte

Ertl-Werke: Die kurze Blüte einer Weltfirma

Heute gibt es einige Betriebe in Puchheim, die international bestehen können. Aber vor einem halben Jahrhundert existierte nur eine Firma, der so etwas wie Weltruf besaß: die Ertl-Werke.

Werner Dreher recherchierte die Geschichte der feinmechanischen Werkstatt in Puchheim.

Puchheim – Die über 25-jährige Geschichte dieser feinmechanischen Werkstatt in Puchheim hat jetzt Werner Dreher vom Stadtarchiv rekapituliert. Produkt seiner Recherchen ist ein 20-seitiges Heft.

Warum genau die Münchner Firma, gegründet einst vom Ingenieur Georg von Reichenbach, 1957 ins Umland zog, ist nicht mehr genau bekannt. Inhaber Walter Preyß ließ die Gemeinde immerhin wissen, dass man einen Standort gefunden habe, der die „staub- und erschütterungsfreie“ Aufstellung von Präzisionsinstrumenten erlaube.

Das mit der Staubfreiheit stimmte allerdings nicht ganz. Die Gröbenzeller Straße war noch eine Art Sandpiste, deren Asphaltierung der Unternehmer praktisch zur Auflage für eine Ansiedlung machte. Nur dann nämlich könnte ein Bus seine Arbeitnehmer zum Werk bringen, nur dann wäre die Zufahrt für Kunden und Lieferanten annehmbar. Die Gemeinde ließ die Straße eilig ausbauen.

Der Pachtvertrag wurde 1956 unterzeichnet

Das Betriebsgebäude an der Gröbenzeller Straße 13 war noch relativ jung. Hier hatte sich 1948 der im sächsischen Klingenthal enteignete Instrumentenbauer Hess angesiedelt. Die Firma war besonders für ihre Akkordeons bekannt, die noch heute online versteigert werden, stellte aber auch andere Instrumente her und warb in einer Anzeige von 1953 auch mit einer großen Auswahl an Uhren. Die Geschäfte liefen aber offenbar nicht optimal, in diesem Jahr meldete „Hess-Musik“ Kurzarbeit und sogar eine vorübergehende Stilllegung an.

Mitinhaber Curt Glass schien deswegen aber nicht Not zu leiden. Er halte sich schon seit einigen Jahren in Frankreich auf, ließ er die Gemeinde auf eine Anfrage des Registergerichts wissen. In Cannes am Mittelmeer traf er jedenfalls den Unternehmer-Kollegen Preyß. Nach „zähen Verhandlungen“, wie der Ertl-Chef notierte, wurde dort im Juli 1956 auf einer Hotel-Terrasse der Pachtvertrag unterzeichnet.

Die Ertl-Werke exportierten nach St. Petersburg und Sydney

Die Ertl-Werke, vormals Reichenbachs mathematisch-mechanisches Institut, hatten bis zur Ausbombung in München im April 1944 industrielle Erfolgsgeschichte geschrieben. Das High-Tech-Unternehmen produzierte astronomische Instrumente, die bis zu den Sternwarten in St. Petersburg und Sydney exportiert wurden, aber auch Präzisionsinstrumente zur Erd- und Landvermessung. Mehrmals wurden Ertl-Produkte auf Weltausstellungen ausgezeichnet. In Kriegszeiten wurde die Firma zum Rüstungsbetrieb. Auch die deutsche Chiffriermaschine Enigma soll Ertl mitproduziert haben.

Walter Preyß schaffte trotz der Zerstörung seiner Fabrik in den 1950er-Jahren einen Neuanfang. Schon 1946 war Ertl bei der ersten deutschen Exportausstellung nach dem Krieg vertreten. Drei Jahre später, auf den Industriemessen in Hannover und Mailand, präsentierte das Unternehmen schon wieder ein beachtliches Sortiment.

1884 meldeten die Ertl-Werke Konkurs an

Auch der Umzug vor die Tore der Stadt bremste die Expansion nicht. 1962 war die Firma mit rund 150 Mitarbeitern der zweitgrößte Betrieb nach Reinhold & Mahla, ein innovatives Ingenieursteam entwickelte wieder Verkaufsschlager. Zum 175-jährigen Bestehen gratulierte das Brucker Tagblatt mit einem Bericht über die Geschäftsverbindungen in alle Erdteile, über die Lehrwerkstatt für die eigenen Auszubildenden und über die neu eingesetzte, moderne Lasertechnik.

Carl Preyß leitete die Ertl-Werke von 1945 bis 1984.

Schon damals zählte Ertl aber nur mehr 100 Mitarbeiter – und es sollte das letzte Jubiläum gewesen sein. Die handwerkliche Fertigung analoger Vermessungsgeräte unter einem traditionsbewussten Firmenchef konnte nicht mehr Schritt halten mit den vollelektronischen, günstig in Serie hergestellten Vermessungsgeräten vor allem aus Japan, vermutet Autor Werner Dreher. „Made in Puchheim“ wurde zum Auslaufmodell.

Handschriftliche Einträge im Puchheimer Gewerbearchiv lassen darauf schließen, dass das Unternehmen seine „(Büro)Tätigkeit“ im Dezember 1983 einstellte. Konkurs wurde einen Monat später angemeldet. Die Fabrikgebäude wurden 1984 abgebrochen. Ein Jahr später entstanden dort drei Mehrfamilienhäuser.

Die Standortgeschichte

unter dem Titel „Von Reichenbachs Werkstatt zum Ertl-Werk in Puchheim“ ist kostenlos im Rathaus, Poststraße 2, erhältlich. Das Heft umfasst 20 Seiten.

von Olf Paschen

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