Die Alte Schule heute: Derzeit ist in dem Gebäude ein Kindergarten untergebracht. Im Zuge der Neugestaltung der Stadtmitte wird über neue Nutzungen nachgedacht.

In puchheim-bahnhof

Die Geheimnisse der Alten Schule

Um den Fortbestand der Alten Schule in Puchheim ist lange erbittert gerungen worden. SPD und CSU wollten vor bald 15 Jahren das historische Gebäude abreißen und durch einen Multifunktionsbau ersetzen lassen. Vielleicht kann man ihnen aber zugutehalten, dass sie zumindest anfangs nicht wirklich um die Geschichte des Hauses wussten.

Vor dem markanten Eingangsportal: Der Jahrgang 1942/43 posiert mit seiner Lehrerin für das Klassenfoto.

PuchheimVerdrängt worden war etwa, dass der Keller zwölf Jahre lang der Hitler-Jugend als Versammlungsstätte gedient hatte. Vergessen war, dass später dort PuchheimsProtestanten ihren ersten Betsaal hatten. Und kaum bekannt war, dass Mitglieder der Freiheitsaktion Bayern, die in den letzten Kriegstagen sinnlose Opfer verhindern wollten, in der Schule kurzzeitig NS-Funktionäre, darunter den Bürgermeister, festgesetzt hatten. Der war übrigens der Architekt des Gebäudes und wurde nach dem Krieg auch wieder mit dem Entwurf eines Erweiterungsbaus beauftragt.

Diese Vergangenheit wurde vor Kurzem wieder lebendig. Der Historiker Johannes Haslauer, ehemals Sprecher der „Freunde des Alten Schulhauses“ und heute stellvertretender Leiter des Staatsarchivs in Bamberg, referierte in eben diesem, für einen Abend der Öffentlichkeit wieder zugänglichen Haus, über ein „Gebäude im Wandel der Zeit“. Rund 30 Zuhörer erlebten einen hochinteressanten Vortrag.

Eines der wenigen historische Gebäude aus der Torfstecher- und Arbeiterzeit 

Im einsamen Moos, weit ab vom eigentlichen Ort Buchheim, hatten sich ab den 1870er-Jahren Torfstecher angesiedelt, aber erst nach Eröffnung des Bahnhofs 1896 und der Münchner Hausmullfabrik ein Jahr später nahm das Bevölkerungswachstum Fahrt auf. 1925 hatte die neue Siedlung 581 Einwohner und damit ähnlich viele wie das alte Puchheim, knapp zehn Jahre später gab es schon fast doppelt so viele Hausnummern wie im Ort.

Damit stieg auch die Zahl der Schüler. Dass „dürftig gekleidete“ Fabrikarbeiterkinder im Winter mehrere Kilometer zu ihrer Schule laufen mussten, wurde sogar in einem Protokoll des Gemeinderats mit Sorge vermerkt. Zwar galt die eigene Kirche offenbar als noch dringlicher – St. Josef entstand 1926 –, aber auch den Schulbau hielten die Verantwortlichen für eine „zwingende Notwendigkeit“. Vom ersten Antrag bei den Behörden bis zur Eröffnung im Januar 1930 mit 60 Schülern vergingen nur eindreiviertel Jahre.

Laut Kostenvoranschlag des ortsansässigen Architekten Josef Steindl mussten 71 000 Reichsmark aufgebracht werden. Trotz staatlicher Zuschüsse (15 Prozent) und eines Sparkassen-Kredits (25 Prozent) eine immense Belastung für die Gemeinde. Die Protokolle berichten von Zahlungsrückständen gegenüber den vielen örtlichen, beim Bau eingesetzten Handwerkern. Die Rechnungen seien aber wohl irgendwann beglichen worden, mutmaßte Haslauer.

Dass das Grundstück kostenlos von der Hausmullfabrik zur Verfügung gestellt wurde, wäre dagegen eigentlich noch ein Fall für die „städtische Rechtsabteilung“, scherzte Haslauer. Denn laut einer Vertragsklausel hätte das Grundstück zurückgegeben werden müssen, sobald es nicht mehr schulischen Zwecken dienen würde. Allerdings schloss die Fabrik schon 1949, 25 Jahre bevor auch der Schulbetrieb endete.

Schon Zeitzeugen sprachen von einem „herausragenden Bau“

Schon Zeitzeugen sprachen von einem „herausragenden Bau“. Das im damaligen oberbayerischen Heimatstil entworfene Gebäude vereinte moderne und traditionelle Elemente. Auffällig war das wuchtige Portal, zu dem eine breite Treppe führte. Eher einfach gehalten war dagegen die Fassade, mit vielen Fenstern im Erdgeschoss und etwas weniger Lichteinfall für die beiden Lehrerwohnungen darüber.

Im Altdorf hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Tenor am Stammtisch: Die wohlhabenden Bauern müssten den armen Siedlern ihr „Palastschulhaus“ finanzieren. (Woran sich ja bis heute nichts geändert habe, merkte eine Zuhörerin, offenbar aus Puchheim-Ort, spitz an).

Da stand noch nicht viel in der jetzigen Stadtmitte: Das Bild zeigt die Alte Schule um 1930. Daneben ist die Kirche zu sehen.

1933 trat Architekt Steindl in die NSDAP ein, im selben Jahr zog die Hitler-Jugend in den Keller des Schulhauses. Steindl wurde 1936 Ortsgruppenleiter seiner Partei und 1937 Bürgermeister. Nach dem Krieg wurde der Nutznießer des Regimes als „Mitläufer“ eingestuft. Die Spruchkammer erkannte eine „gerechte und umsichtige Amtsführung“, Puchheims oberster Nazi habe sich außerdem niemals „propagandistisch, agitatorisch oder aktivistisch“ für die Partei eingesetzt. Er kehrte nach dem Krieg in seinen früheren Beruf zurück und erhielt bereits 1953 wieder einen Auftrag von der Gemeinde: Der Entwurf für einen Schul-Erweiterungsbau, den heutigen Bürgertreff. Über das weitere Schicksal jener (späten) Widerstandskämpfer, die den Bürgermeister, dessen Frau und weitere örtliche NS-Funktionäre am 28. April 1945 im Schulkeller festgesetzt hatten, ist dagegen nichts bekannt.

Amerikanischen Besatzer schlugen dort ihr Quartier auf 

Die amerikanischen Besatzer schlugen in dem repräsentativen Gebäude ihr erstes Quartier auf, 1946 zog die bis dahin im Lehrerzimmer der Ortler Schule untergebrachte Gemeindekanzlei in das Haus. Mitte der 1950er-Jahre, als über 220 Schüler im Schichtbetrieb unterrichtet wurden, sorgte der Erweiterungsbau für Entlastung, aber noch weitere 20 Jahre lernten Kinder in der Alten Schule. Erst nach Eröffnung der Schule Süd 1974 wurde das Haus schließlich zum Jugendzentrum umgebaut – und hinter einem Grünstreifen versteckt. Die ehrwürdige Fassade zierten später verschiedene Graffiti.

Wie konnte so ein geschichtsträchtiger Ort in Vergessenheit geraten, wurde an dem Abend in der Alten Schule gefragt. Und das in Puchheim-Bahnhof, wo authentische, historische Gebäude an einer Hand abzuzählen sind. Es konnte gerade eben dort passieren, wo ab den 1970er-Jahren Tausende von Menschen zuzogen, so eine Erklärung. „Die Suche nach der Identität eines Ortes“, so Haslauer, hatte für die Neubürger keine Bedeutung.

Aber auch die Mehrheit der politisch Verantwortlichen schien einem identitätsstiftenden Gebäude wenig Bedeutung beizumessen. Erst der heftige, bürgerschaftliche Widerstand gegen die Tabula-rasa-Lösung von CSU und SPD führte zu einer Art Ventil, das den Protestierern angeboten wurde, und schließlich zum Umdenken: Eine Bürgerwerkstatt, die sich über die Zukunft des alten Ortszentrums mit seiner Schule Gedanken machen durfte.

Und das auch mit Erfolg tat. Viele der damaligen Ideen finden sich in der heutigen Stadtmitte-Planung wieder. Die Alte Schule, derzeit von einem Kindergarten belegt, soll künftig den verschiedenen Interessenten offen stehen. Auch ein Café gehört zu den denkbaren Nutzungen.

von Olf Paschen 

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